Reaktionen auf den Missbrauchsskandal"Gottes Licht" und Medienschelte

Neben Schweigen reagiert die katholische Kirche mit Scham und Schuldbekenntnissen auf den Missbrauchsskandal in ihren Reihen. Auch Predigten bringen das Thema zur Sprache.
Aufdecken statt verdrängen, Licht ins Dunkel bringen und nichts vertuschen: Das hat die katholische Kirche in Deutschland seit Bekanntwerden des Missbrauchsskandals in ihren Reihen immer wieder öffentlich beteuert. Im Erzbistum Berlin, in dem vor gut zehn Tagen alles begann, ringen die Gläubigen noch damit, wie sie reagieren sollen. Erzbischof Georg Kardinal Sterzinsky fand schon vor Tagen klare Worte und räumte Versäumnisse der Kirche ein. Auch der Domkapitular der Sankt-Hedwigs-Kathedrale in Berlin, Ulrich Bonin, spart das heikle Thema am Sonntagmorgen in seiner Predigt nicht aus - kritisiert jedoch auch die Medienberichterstattung.
Es müsse Licht auf die Fälle von Missbrauch fallen, sagt Bonin. "Aber es darf kein künstliches Licht sein, sondern ein Licht des Glaubens. Kein Blitzlichtgewitter des Medien-Hypes, sondern Gottes Licht." Und damit sprach er aus, was viele Gläubige denken. "Es ist schrecklich, was passiert ist, keine Frage", räumt eine Besucherin kurz vor Beginn des Gottesdienstes ein. Aber Kindesmissbrauch sei doch ein gesellschaftliches Problem und kein kirchliches. "Das erschüttert meinen Glauben jedenfalls nicht", fügt sie fast ein bisschen trotzig hinzu und verschwindet im Gotteshaus, das auch der Bischofssitz des Bistums Berlin ist.
Dunkelheit muss heller werden
In dem Missbrauchsskandal des Jesuiten-Ordens steht das katholische Elite-Gymnasium Canisius-Kolleg in Berlin-Tiergarten im Mittelpunkt. Hier sind mit bisher 30 bekanntgewordenen Fällen bislang die meisten Opfer betroffen. Drei Pater werden beschuldigt, in den 70er und 80er Jahren Schüler sexuell missbraucht zu haben.
Doch gerade in Berlin wollen die Gläubigen und auch die Geistlichen nicht viel davon hören. Die Kathedrale am Bebelplatz in Berlin ist an diesem Sonntag halbleer. Sonst sei mehr los, sagt ein Gemeindemitglied. Vielleicht liegt es an dem winterlichen Wetter und den immer noch eisglatten Bürgersteigen in der Hauptstadt. Zu den Missbrauchsfällen möchte sich der Mann aber nicht weiter äußern.
Domkapitular Bonin hingegen muss darauf eingehen. Es falle ihm schwer, "nicht an die Opfer der Missbrauchsfälle zu denken", sagt er gleich zu Beginn des Gottesdienstes. Es sei wichtig, auch an die zu erinnern, "die Schaden genommen haben". In Anspielung auf die schwindende Dunkelheit des Winters fordert der Geistliche: "Wir sollten zu Beginn unseres Gottesdienstes an unsere Dunkelheit denken und sie heller werden lassen."
Künstliche Beleuchtung durch Medien
Und dann folgt seine Kritik an den Medien. Man dürfe die Fälle nicht verdrängen. Aber das Thema werde durch die Medien künstlich beleuchtet. Die meisten Gemeindemitglieder und Besucher des Gottesdienst stimmen dieser Ansicht zu. Auch sie sei enttäuscht über die Medien, sagt eine etwa 50-jährige Frau. "Es tut mir weh, das zu lesen". Vielleicht müsse jetzt das Eheverbot für Priester, das Zölibat, abgeschafft werden. "Vermutlich werde es dazu aber nicht kommen", sagt sie.
Ein anderer Katholik wundert sich. Er habe nicht erwartet, dass der Skandal in der Predigt erwähnt werde. Das sei doch kein Thema für den Gottesdienst. Ulrich Real wiederum fürchtet vor allem um den Ruf der Jesuiten-Schule in Berlin, an der die ersten Fälle bekanntwurden. "Der Elite-Anspruch ist wohl erst mal weg", sagt der Mann aus Berlin- Spandau, der extra für den Gottesdienst in den Stadtteil Mitte gekommen ist. Er denke, dass die Sache nicht in jeder Predigt angesprochen werden müsse. Die Fälle hätten ja bereits ein breites Forum durch die Medienberichte.