Erster deutscher MotorflugHans Grades "Hüpfer"
Vor 100 Jahren steigt Hans Grade in einen selbst gebauten Dreidecker, fliegt 100 Meter weit und steigt acht Meter hoch. Der als "Hüpfer" verspottet erste Motorflug machte ihn zur Legende.
Lange haben sich die Experten über die Bedeutung des Ereignisses gestritten. Der Ingenieur Hans Grade steigt vor 100 Jahren auf einem ehemaligen Exerzierplatz in Magdeburg in einen selbst gebauten Dreidecker, fliegt 100 Meter weit und steigt immerhin acht Meter hoch. Trotz anschließender Bruchlandung gelang Grade damit am 2. November 1908 der erste Motorflug in Deutschland. Der oft als "Hüpfer" verspottete Flug geht in die Geschichte ein und macht Grade, der im Alter von 67 Jahren am 22. Oktober 1946 im märkischen Borkheide gestorben ist, zur Legende.
Mit einer Festwoche und zahlreichen Veranstaltungen wird in Magdeburg auf die Verdienste des Konstrukteurs, Ingenieurs und Flugpioniers aufmerksam gemacht. Dazu haben sich die Otto-von- Guericke-Gesellschaft, das Technikmuseum und der Verein Junkerswerk zusammengeschlossen und Ausstellungen, Vortragsreihen und sogar eine Theateraufführung organisiert. "Grade war kein verrückter Schrauber, kein Hasardeur", sagt Matthias Kleiser vom Junkerswerk-Verein. "Er war zum Zeitpunkt des historischen Flugs Jungunternehmer und hat in Magdeburg Motoren und Motorräder gebaut."
"Ich habe früher gehopst"
Die Luftfahrt in Deutschland verdankt Grade entscheidende Impulse, auch wenn es nach wie vor unterschiedliche Ansichten darüber gibt, wer wirklich der erste Motorflieger in Deutschland war. Der Westfale August Euler soll einmal zu Grade gesagt haben: "Ich glaube, ich habe früher gehopst als du, aber ich will nicht darauf bestehen."
Schon früh begeisterte sich Grade, der aus dem pommerschen Köslin stammt, für das Fliegen. Otto Lilienthal und seine Gleitflüge hatten es dem Sohn eines Lehrers angetan. Er entwickelte einen Dreidecker mit einem 36 PS starken Sechs-Zylinder-Motor, der auf den wenigen noch existierenden Fotos recht wackelig wirkt. "Es war eine einzige Fehlkonstruktion", sagt Kleiser. Gleich nach der Bruchlandung auf dem Magdeburger Anger entschloss sich Grade, einen stabileren und leichter zu steuernden Eindecker zu bauen.
Drei Kilometer in zwei Minuten und 43 Sekunden
Am 30. Oktober 1909 präsentierte er die "Libelle" auf dem Flugplatz Johannisthal bei Berlin und absolvierte den ersten gesteuerten Motorflug. Er flog eine Strecke von knapp drei Kilometern mit einer Rechts- und einer Linkskurve in genau zwei Minuten und 43 Sekunden. Seine Flughöhe wird heute mit etwa zehn Metern angegeben.
Belohnt wurde Grade mit dem mit 40.000 Mark dotierten Lanz-Preis der Lüfte. Der Industrielle Karl Lanz hatte den Preis zur Förderung des deutschen Flugzeugbaus gestiftet. Voraussetzung war, dass das Flugzeug von Deutschen konstruiert, in Deutschland gebaut und von deutschen Piloten geflogen wurde. Grade nahm das Geld und investierte es in seine im selben Jahr gegründete Flugzeugfabrik. Mittlerweile hatte er Magdeburg verlassen und war nach Borkheide in der Mark Brandenburg umgezogen.
"Kein Perfektionist, sondern ein Macher"
Im Magdeburger Technikmuseum hängt heute der falsch konstruierte Dreidecker als Modell an der Decke. Ein Modellbauer hat ihn anhand alter Fotografien und Dokumente gebaut und dem Museum zur Verfügung gestellt. "Leider konnten keine Originalteile verwendet werden", sagt Museumsmitarbeiter Reinhardt Kruse. "Vom Dreidecker ist ja nichts mehr da." Das vorwiegend aus Holz bestehende und mit viel Stoff bespannte Fluggerät erstaunt immer wieder die Gäste. "Es sieht schon sehr unbeholfen aus, was Hans Grade da konstruiert hat", sagt Kruse. "Aber er war ja auch kein Perfektionist, sondern ein echter Macher."