Panorama

Stalin-MythosHistoriker schlagen Alarm

04.12.2008, 14:59 Uhr

Auch 55 Jahre nach seinem Tod ist der Sowjetdiktator Josef Stalin beim Großteil der Russen weiter populär. Sogar auf Heiligenbildern ist der Schuldige am Tod von Millionen Menschen verewigt.

Am liebsten würden Moskaus junge Historiker an der Lomonossow-Universität den Stalin-Terror so aufarbeiten, wie die Deutschen mit Hitlers Völkermord umgegangen sind. Doch auch 55 Jahre nach seinem Tod ist der Sowjetdiktator Josef Stalin beim Großteil der Russen weiter populär. Bücher würdigen ihn als "effektiven Manager". In einer nationalen Abstimmung zur "wichtigsten Person der russischen Geschichte" liegt Stalin auf Rang drei. Sogar auf Heiligenbildern ist der Schuldige am Tod von Millionen Menschen verewigt. Historiker schlagen Alarm. Eine internationale Stalinismus-Konferenz in Moskau soll die Aufarbeitung anstoßen.

"Wir können denen, die unsere Geschichte beschönigen, nur wissenschaftlich entgegentreten und beweisen, dass Stalins Regime verbrecherisch war", sagt der Moskauer Historiker Alexander Vatlin. Er erwartet, dass extremistische Altkommunisten vor dem Tagungshotel in Moskau mit Stalin-Porträts protestieren gegen die, die den Mythos Stalin entzaubern wollen. Menschenrechtler, Wissenschaftler und Archivare erwarten viel von der Konferenz, die von der Stiftung des früheren Präsidenten Boris Jelzin finanziert wird und die erste ihrer Art überhaupt ist.

Täter bis heute unbestraft

Einige von Vatlins Kollegen fordern, dass die Regierung die nationale Aufarbeitung der Verbrechen an den Millionen von Sowjetbürgern offiziell unterstützt. Eine Vergangenheitsbewältigung, wie es sie in Deutschland gegeben hat, ist jedoch nicht in Sicht. Außerdem sind Forderungen, die Geheimdienstzentrale an der Lubjanka in Moskau zu einem Museum umzumünzen oder kommunistische Straßennamen zu ersetzen, in Russland bis heute nicht mehrheitsfähig.

Die Menschenrechtsorganisation Memorial fordert seit langen eine nationale Gedenkstätte für die Stalin-Opfer. Die Täter sind bis heute unbestraft. Experten beklagen zudem eine schleppende Rehabilitierung der Opfer. Auch der Leiter des Staatsarchivs, Sergej Mironenko, sieht Nachholbedarf. "Der Hauptpunkt ist aber, dass unsere Gesellschaft die grausame Wahrheit über die Vergangenheit gar nicht wissen möchte." Zwar gab es unter Sowjetpräsident Michail Gorbatschow und auch unter Jelzin Versuche einer Aufarbeitung. Doch mit dem wirtschaftlichen Aufschwung und dem neuen Weltmachtstreben ihres Nachfolgers Wladimir Putin kamen diese Bestrebungen zum Erliegen.

Stalin-Kult lebendig

In Russland werde die Geschichte heute im Zuge des wachsenden Patriotismus und der Machtfestigung neu interpretiert, stellt die Historikerin Corinna Kuhr-Korolev am Deutschen Historischen Institut in Moskau fest. Alles, was dem Bild einer lichten, heldenhaften Vergangenheit widerspreche, gerate dabei in den Hintergrund. Diesem Trend soll die Tagung mit den weltweit bedeutendsten Stalin-Experten entgegenwirken. Rund 100 Wissenschaftler wollen ihre aktuellen Forschungsergebnisse vortragen.

In der russischen Öffentlichkeit ist der Stalin-Kult nach wie vor lebendig. Gerade erst hat Kommunistenchef Gennadi Sjuganow (64) sein neues Buch "Stalin und die Gegenwart" vorgestellt, um vor allem ein junges Publikum für die Politik des Sowjetführers zu gewinnen. Die Kommunisten loben den gebürtigen Georgier Stalin als "Vater der Völker", der das Land geeint, soziale Mindeststandards geschaffen, den Hitler-Faschismus besiegt und die Atommacht hervorgebracht habe.

Heiligsprechung gefordert

Dass zur Zeit des Großen Terrors von 1937-1938 zehntausende Menschen ohne Urteil erschossen wurden, lässt Sjuganow jedoch ebenso unerwähnt wie die Tatsache, dass unter Stalin Millionen Menschen ohne Urteile in Straflager deportiert wurden und ums Leben kamen. Außerdem führte die von dem Diktator angeordnete Zwangskollektivierung der Landwirtschaft zu Hungersnöten, in deren Folge in der Ukraine und anderswo mindestens sechs Millionen Sowjetbürger starben.

St. Petersburgs Kommunisten fordern neuerdings sogar eine Heiligsprechung Stalins. Dazu kündigten sie an, die von einem orthodoxen Geistlichen in der Stadt Strelna verehrte "Ikone" mit dem Abbild Stalins in 10.000er Auflage zu vervielfältigen. Immerhin gebe es unter Kommunisten auch Gläubige. Als sich aber Orthodoxe unlängst darüber empörten, zog Moskaus Patriarchat erstmals die Notbremse. Der Geistliche aus Strelna musste sich in den Ruhestand verabschieden.

Quelle: Ulf Mauder, dpa