Suchtproblem Nummer einsImmer mehr Frauen trinken
Mehr als jeder vierte Alkoholkranke in Deutschland ist eine Frau. Besonders Frauen im Alter zwischen 40 und 59 Jahren trinken übermäßig Alkohol, warnt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung. Riskantes Trinkverhalten finde sich häufiger bei Akademikerinnen als bei weniger gebildeten Frauen. Alarmierend sei auch, dass vor allem immer mehr junge Mädchen exzessiv trinken.
Vor einer wachsenden Alkoholabhängigkeit unter Frauen hat die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans (FDP), gewarnt. Wie Dyckmans in Berlin ausführte, sind von den 1,3 Millionen Alkoholabhängigen in Deutschland etwa 370.000 Frauen; das entspricht einem Anteil von mehr als einem Viertel. Zwar gibt es keine Vergleichszahl aus Vorjahren, dennoch sieht die Expertin einen Anstieg weiblichen Alkoholkonsums. "Die besonderen gesundheitlichen Risiken von Frauen werden bislang zu wenig beachtet", sagte Dyckmans anlässlich der Jahrestagung der Drogenbeauftragten, auf der vor allem um das Problem weiblicher Alkoholabhängigkeit ging.
Laut Dyckmans konsumieren besonders Frauen im Alter zwischen 40 und 59 Jahren übermäßig Alkohol. Unter Frauen im Alter zwischen 45 und 54 Jahren sei es jede fünfte, die gesundheitsgefährdende Mengen Alkohol zu sich nehme. Nach wissenschaftlichen Berechnungen, auf die sich die Drogenbeauftragte bezieht, sind dies zwölf Gramm reiner Alkohol am Tag, was etwa 0,3 Litern Bier entspricht.
Alkoholvergiftungen bei Mädchen
Aber auch Mädchen zwischen zehn und 20 Jahren trinken nach Angaben der Drogenbeauftragten zu viel Alkohol. Als Beleg nannte sie die Zahl der stationären Aufenthalte im Krankenhaus aufgrund einer Alkoholvergiftung: Rund 2400 Mädchen im Alter von zehn bis 15 Jahren wurden 2008 behandelt. Das waren 300 mehr als Jungen.
Im Erwachsenenalter trete riskantes Trinkverhalten unter Akademikerinnen besonders häufig auf. Dagegen sei der Anteil von Frauen, die nie Alkohol trinken, in den unteren Bildungsgruppen am höchsten. "Das müssen wir bei den Präventionsmaßnahmen beachten", sagte Dyckmans.
Alkohol sei für Frauen besonders schädlich, weil ihr Stoffwechsel empfindlicher reagiere als der von Männern, erläuterte die Drogenbeauftragte. Deshalb gebe es ein höheres Risiko, an Leberzirrhose und Brustkrebs zu erkranken.
Viele Schwangere trinken weiter
Laut Dyckmans ist auch Alkoholkonsum in der Schwangerschaft verbreitet. Nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung schafften es nur zwei von zehn Frauen, in der Schwangerschaft überhaupt keinen Alkohol zu trinken. "Deshalb kommen in Deutschland zu viele Kinder mit dem Fetalen Alkoholsyndrom zur Welt", sagte Dyckmans. Dieses habe eine geistige Behinderung, aber auch Aufmerksamkeits- und Verhaltensstörungen zur Folge. Diese würden Kinder ihr Leben lang begleiten.
Dyckmans kündigte an, sich für bessere Angebote in der Alkoholprävention und -therapie einsetzen zu wollen: "Wir müssen die besonderen Anforderungen von Frauen berücksichtigen."
Der Diplom-Psychologe Michael Klein von der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in Köln erläuterte die besonderen Suchtgefahren für Töchter alkoholabhängiger Mütter. Rund 1,3 Millionen Mädchen seien von der Alkoholabhängigkeit eines Elternteils betroffen, 450.000 Mädchen bis 18 Jahren seien von der Suchterkrankung der Mutter betroffen. Diese Mädchen hätten ein 16-fach höheres Risiko, auch alkoholabhängig zu werden, bei Jungen sei dieses Risiko nur dreifach erhöht.