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Nicht Mann, nicht Frau, sondern heilig.
Nicht Mann, nicht Frau, sondern heilig.(Foto: picture alliance / dpa)
Donnerstag, 17. Juli 2014

Tempel der Transsexuellen: Inder verehren das "dritte Geschlecht"

Vielen Indern gelten Transsexuelle als heilig - Gläubige lassen ihre Kinder von ihnen segnen. In einem Dorf in Gujarat ist ihnen sogar ein Tempel gewidmet. Doch wo es Faszination gibt, ist auch Abstoßung nicht weit.

Die Transsexuelle Sudha (M.) klatscht im Hindu-Tempel in Becharaji in ihre Hände. Kanta (l.) hält das eingesammelte Geld in der Hand.
Die Transsexuelle Sudha (M.) klatscht im Hindu-Tempel in Becharaji in ihre Hände. Kanta (l.) hält das eingesammelte Geld in der Hand.(Foto: dpa)

Die Handgelenke nach außen abgeknickt, holen Kanta und Sudha weit aus und lassen die Handflächen aufeinandersausen, ohne dass die Finger sich berühren. Es ist das typische Klatschen der Hijras, der Transsexuellen in Indien. Die Gläubigen im Hindu-Tempel in Becharaji, einem Dorf im Bundesstaat Gujarat, begegnen den beiden - deren männliche Gesichtszüge im Kontrast zu ihren zahlreichen Ohrringen stehen - mit Unbehagen und gleichzeitig mit Hoffnung. Viele der Tempelbesucher halten ihnen ihre Kinder für einen Segen entgegen.

Hijras gelten den Hindus in Indien als heilig. Sie sollen von Gott berührt worden sein und ihre guten Wünsche und das Handauflegen gelten als glückverheißend. Deswegen werden sie oft zu Geburten, Hochzeiten, Wohnungseinweihungen und anderen Festtagen eingeladen - und bekommen dafür stattliche Beträge. Andere gehen durch Züge oder an Autos vor roten Ampeln entlang, um für ihre Segnungen Geld zu bekommen.

Transsexuelle Gottheit dient als Vorbild

Indische Eunuchen bei einem Fest in Koovagam im Mai 2014: Hijra werden häufig auch als Eunuchen bezeichnet bzw. wahrgenommen.
Indische Eunuchen bei einem Fest in Koovagam im Mai 2014: Hijra werden häufig auch als Eunuchen bezeichnet bzw. wahrgenommen.(Foto: picture alliance / dpa)

In dem Tempel in Becharaji schlängeln sich besonders viele Hijras durch die Menschenmassen, denn dort befindet sich ihre wichtigste Gottheit: Bahuchara Mata. Die kleine goldene Statue mit den Mandelaugen - eine weibliche Figur, die ein Schwert trägt - steht in einem höhlenförmigen Bau in der Mitte der Tempelanlage. "Jedes Jahr kommen Zehntausende Hijras hierher, um sich von der Gottheit segnen zu lassen", sagt Gunvant B. Joshi, Mitglied des Tempelkomitees. Das indische Epos Mahabharata besage, erklärt Joshi, dass der Held Arjuna in Becharaji Frauenkleider anlegte und von da an ein Jahr lang als Transsexueller lebte. Er wurde zu Brihannala und lehrte fortan am Palast Tanzen und Singen.

Vor der Verwandlung versteckte er seinen Pfeil und Bogen in dem Baum, der bis heute im Tempelhof steht. Und das ist längst nicht die einzige sagenumwobene Geschichte aus Becharaji. Auch soll der dortige Dorfchef einst eine Tochter bekommen haben. Doch brauchte er dringend einen Sohn für die Familienlinie - also verkündete er einfach, ein männlicher Nachfahre wäre geboren worden. Das Kind wurde mit dem Mädchen eines anderen Dorfes verheiratet. Eines Tages ging das Kind mit einem Pferd an den Dorfteich. Als die Stute getrunken hatte, verwandelte sie sich zum Hengst. Da trank auch das Mädchen, und wurde zum Jungen. "So blieb dem Dorfchef die Peinlichkeit erspart", erzählt Joshi.

Im Tempel heilig, in der Gesellschaft diskriminiert

Die Transsexuelle Sonal segnet in Becharaji einen gläubigen Hindu.
Die Transsexuelle Sonal segnet in Becharaji einen gläubigen Hindu.(Foto: dpa)

Einige Dutzend Hijras leben heute in einem Gästehaus, das an den Tempel angrenzt. "Wir sind die Jünger der Göttin, sie hilft uns im Leben", sagt Gita, die neben Kanta und Sudha im Schatten des Tempels sitzt. "Wir haben uns ganz dem Leben als Gläubige verschrieben", sagt sie. Ein Bürojob oder Arbeiten auf dem Feld oder auch nur das Leben als Hausfrau in einer Familie könne sie sich nicht vorstellen. Und das wäre auch kaum möglich. Denn die meisten Hindus in Indien sprechen Hijras zwar besondere Kräfte zu, schließen sie aber auch aus ihren Familien und der Gesellschaft aus. Im April erklärte selbst das höchste Gericht Indiens, die Hijra-Gemeinschaften seien sozial und ökonomisch so rückständig, dass sie besonders geschützt und gefördert werden müssten.

Etwa zwei Millionen Hijras soll es in Indien geben, schätzen Hilfsorganisationen, offizielle Zahlen gibt es nicht. Aktivistin Laxmi Narayan Tripathi sagt, bislang würden Hijras überall diskriminiert, etwa bei der Suche nach Toiletten, in Bussen und Bahnen, an Trinkwasserstellen. "Sie werden auch in Krankenhäusern zurückgewiesen, nicht behandelt, oft geneckt und verlacht." Transsexuelle stellten die grundsätzlichsten Annahmen über die Beziehung zwischen Körper und Identität infrage, fasst das Forschungszentrum für Gleichbehandlung in Delhi zusammen. Das sei sowohl faszinierend als auch provokant. "Es hat entweder den exotischen Wert, 'anders' zu sein, oder wird unsichtbar, lächerlich, schrecklich oder abstoßend gemacht."

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Quelle: n-tv.de