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n-tv.de Interview "Jatropha kann man nichts Schlechtes anhängen"

Jatropha-Pflanzen in der ägyptischen Wüste

Jatropha-Pflanzen in der ägyptischen Wüste

In Indien entwickelt DaimlerChrysler ein Biodiesel, das aus einer nicht essbaren Pflanze gewonnen wird: Jatropha. Das Projekt hat eine Jatropha-Euphorie ausgelöst - von der bislang allerdings kaum jemand gehört hat.

n-tv.de: Herr Professor Becker, Sie forschen seit 2003 für DaimlerChrysler an der Jatropha-Pflanze. Was verspricht DaimlerChrysler sich von diesem Projekt?

Klaus Becker: DaimlerChrysler ist eigentlich nur daran interessiert, dass es ein qualitativ hochwertiges Bio-Diesel für Indien gibt, das von etwaigen Fahrverboten nicht betroffen wäre. Plantagen will DaimlerChrysler nicht entwickeln. Für DaimlerChrysler ist das Projekt eine wichtige Werbeaktion in Indien und darüber hinaus. DaimlerChrysler kennt jetzt jeder in Indien. Auf der andern Seite wäre Jatropha ohne den Konzern nicht populär geworden. Große Namen haben eben eine große Durchschlagskraft.

Sie waren mit die ersten, die in großem Stil an Jatropha forschen?

"Alles verbrennen, was man verbrennen kann": Rush-Hour in Neu-Delhi

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Wir waren die ersten in Europa. Bereits vor etwa 15 Jahren haben wir mit einer österreichischen Consulting-Firma zusammen in Nicaragua an Jatropha geforscht. Die Pflanze ist 70 Millionen Jahre alt. Aber interessiert hat sich niemand dafür. Ohne das DaimlerChrysler-Projekt gäbe es jetzt keine Jatropha-Euphorie.

Wird Jatropha-Öl schon als Biodiesel benutzt?

Wir setzen Jatropha-Öl seit gut zweieinhalb Jahren als Biodiesel ein. Die DaimlerChrysler-Niederlassung in Pune koordiniert die Straßentests. Wir haben mehrere Testfahrzeuge. In diesem Jahr sind unser Ziel Testfahrten im Umfang von 40.000 Liter Jatropha-Biodiesel - immer hundertprozentig, wir benutzen keinen Verschnitt. Unsere Tests laufen auf 100 Prozent Jatropha-Biodiesel.

Mit ganz normalen Fahrzeugen?

Mit ganz normalen Mercedes-CDIs, ja.

Was man über die Jatropha hört, klingt sehr nach Wunderpflanze.

Das ist sie ja auch.

Sie wächst nicht nur auf kargen Böden, sondern macht diese Böden auch noch für andere Pflanzen fruchtbar.

Ja, das stimmt. Wir bauen Jatropha auf degradierten Flächen an. Nach zehn, 15 Jahren können wir diese Flächen möglicherweise wieder rückgewinnen, weil Jatropha die Erosion stoppt. Wer mir einen nachteiligen Parameter, eine nachteilige Eigenschaft von Jatropha nennen kann, bekommt von mir Geld dafür. Sie können es drehen und wenden, wie Sie wollen, Sie können dieser Pflanze nichts Schlechtes anhängen.

Sie ist giftig.

Sie kann sich selbst schützen. Ziersträucher in deutschen Vorgärten sind teilweise giftiger als die Jatropha. Aber Jatropha ist eine Nutzpflanze, oder besser: sie wird eine Nutzpflanze, und da sie sich selbst schützt, kann sie auf armen Standorten wachsen. Jatropha braucht keine Zäune, Tiere fressen sie nicht. Die Region, in der wir arbeiten - Gujarat im Nordwesten Indiens, Gandhi-Land -, ist sehr arm, aber reich an Ödland.

Ein weiterer Vorteil soll sein, dass die Pflanze nicht maschinell zu ernten sei - dadurch entstünden zahlreiche Arbeitsplätze.

Auch das ist richtig. Vor allem die Inder finden diesen Aspekt sehr interessant, wegen der Entwicklung der ländlichen Regionen. Wir arbeiten auch in Madagaskar. Da gibt es Regionen, in den die Arbeitslosigkeit bei 70 Prozent und höher liegt. Heutzutage gibt es keine Pflanze, die substantiell Jobs kreieren kann - mit Ausnahme von Energiepflanzen. Die meisten Energiepflanzen, die wir kennen, brauchen wenig Arbeiter. Jatropha braucht viele Arbeiter. Wir rechnen mit 1,5 Arbeitern pro Hektar für die Pflege und die Ernte der Jatropha-Nüsse.

Lohnt sich der Anbau dann noch?

Der Anbau lohnt sich, denn die Energiepreise werden weiter steigen. 2030 wird sich der Weltbestand an Autos von heute 500 Millionen auf 900 Millionen erhöht haben. Länder wie China werden die USA dann weit überholt haben. Heute haben die USA 150 Millionen Fahrzeuge. 2030 wird es in China 190 Millionen geben.

Prof. Klaus Becker ist Leiter des Tropenzentrums der Universität Hohenheim

Prof. Klaus Becker ist Leiter des Tropenzentrums der Universität Hohenheim

Aber die können nicht alle Jatropha-Öl verbrennen.

Die werden alles verbrennen, was man verbrennen kann. Was immer Sie im Energiebereich produzieren, werden Sie in den nächsten 30, 40 Jahren zu hohen Preisen absetzen können. Für kleine bäuerliche Betriebe ist wichtig, dass sie eine Pflanze haben, mit der sie erstmals keine Überproduktion erzeugen können. Mit Jatropha werden die Bauern dieses Risiko zum ersten Mal in ihrem Leben nicht haben.

Damit sind wir beim Klimawandel.

Biodiesel aus Jatropha, so wie wir ihn in Indien und Afrika produzieren, hat eine gute CO2-Bilanz. Wir setzen bei der Produktion relativ wenig fossile Energieträger ein; viel findet auf der Handarbeitsstufe statt. Insofern ist die Bilanz sehr viel besser als etwa beim Raps.

Wo ist denn Jatropha in großem Stil anbaubar?

Jatropha kann überall da angebaut werden, wo es warm genug ist. Es ist eine tropische Pflanze. Sie braucht viel weniger Wasser als andere Energiepflanzen, weil sie das Wasser effizienter nutzt. Wir führen Projekte in Ägypten zusammen mit dem dortigen Ministerium für Landwirtschaft und Umweltschutz durch. Dort bauen wir die Jatropha mitten in der heißen Wüste an und bewässern sie mit Abwasser aus der Stadt.

Wie bitte?

Das glaubt man nicht, wenn man es nicht gesehen hat. Mitten in der Wüste, im normalen Wüstensand, wird Jatropha angebaut und mit Abwasser beregnet. Und sie wächst wunderbar.

Eine solche Wunderpflanze lockt sicherlich auch Glücksritter an. Es gibt einige Webseiten zum Jatropha-Öl, die höchstens halbseriös wirken.

Das Internet ist, was Jatropha anbelangt, weniger als halbseriös, es ist nur zu fünf Prozent seriös. Es gibt Leute, die verlangen für einen Samen einen Dollar, andere bieten 20.000 Tonnen Öl pro Monat an. Solche Mengen gibt es auf dem Markt noch nicht. Die Plantagen entstehen gerade erst, nach meiner Schätzung weltweit knapp fünf Millionen Hektar. Allein Myanmar hat im letzten Jahr 800.000 Hektar angepflanzt. Bis die richtig tragen, vergehen vier bis fünf Jahre. Die ersten Plantagen werden also in etwa drei Jahren tragen. Erst dann wird ein Jatropha-Ölmarkt entstehen können.

In Online-Apotheken gibt es 50 Milliliter für zwölf Euro.

Ja, in diesen Größenordnungen wird Jatropha-Öl verkauft. In Mali stellen Frauen Seife her, sehr gute Seife. Früher gab es Savon de Marseille, die wurde auch aus Jatropha-Öl gemacht. Jatropha produziert übrigens nicht nur Öl. Wir wollen aus dem Jatropha-Mehl, das übrig bleibt, wenn das Öl extrahiert wurde, ein Futtermittel machen. Wir sind dabei, den Giftstoff aus dem Mehl zu entfernen. Dann können wir es wie Sojamehl einsetzen. Mit einem Unterschied: Die Qualität von Jatropha-Mehl ist besser. Soja hat im Schnitt 45 Prozent Rohprotein. Jatropha hat 60 Prozent. Das einzige Problem ist die Entgiftung. Aber das werden wir hinkriegen, das wissen wir. Auch der Giftstoff, der die Jatropha schützt, Phorbolester, ist wertvoll. Der wird zum Beispiel in der Krebsforschung eingesetzt. Wir wollen daraus ein Bio-Pestizid entwickeln. Das ist ein Naturprodukt, damit können Bio-Landwirte Schädlinge bekämpfen.

Wo wird der Ölmarkt zuerst entstehen? In Indien?

Die Inder brauchen alles, was sie produzieren. Auch die Chinesen haben ehrgeizige Pläne mit Jatropha; man spricht von 13 Millionen Hektar bis 2020.

Wann wird uns das Jatropha-Öl erreichen?

Das ist eine Frage des offenen Marktes. Die Erzeuger werden es da verkaufen, wo es den höchsten Preis erzielt.

Das hängt sicherlich auch von der Entwicklung des Ölpreises ab.

Der wird sich positiv entwickeln, in unserem Sinn. Da können Sie sicher sein. Die Chinesen haben jetzt erstmals mehr Autos produziert als Deutschland, 7,2 Millionen Autos im vergangenen Jahr. Das sind Wachstumsraten von sechs, acht Prozent. Und es sind ja nicht nur die Chinesen. Alle Welt spricht nur von Indien und China, dabei wird die Entwicklung in Südostasien häufig übersehen. Nehmen Sie Länder wie Indonesien, Bangladesch, aber auch Brasilien oder Mexiko. Und afrikanische Länder, etwa Nigeria. In diesen Ländern ist Entwicklung sehr positiv korreliert mit dem Energieeinsatz. Bei uns sind Entwicklung und Energieverbrauch nicht mehr positiv korreliert, weil wir ein enormes Einsparpotenzial haben. In Afrika, aber auch in vielen Regionen Indiens, gibt es kein Einsparpotenzial. Was sollen die Leute da einsparen? Sie haben ja gar keinen Strom! Gleiches gilt für die Arbeitskräfte. Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum waren bis in die achtziger Jahre auch bei uns positiv korreliert. Heute steigen die Aktien, wenn ein Unternehmen zehntausend Leute entlässt. In Afrika und Indien ist das ganz anders - da ist es wie bei uns vor 30 Jahren.

Kann das Jatropha-Öl auch andere petrochemische Erzeugnisse ersetzen?

Ja, sehr gut. Vom Schmiermittel bis zum Hydrauliköl - alle pflanzlichen Öle sind deutlich besser als Mineralöl für diese Zwecke.

Was ist mit Heizöl?

Kein Problem. Dann brauchen Sie nicht einmal den Tank zu ummauern. Im Gegensatz zu Mineralöl baut sich Biodiesel im Boden sehr schnell wieder ab. Biodiesel gehört in die Güteklasse eins, Mineraldiesel in die Güteklasse fünf.

Kann man bereits in Jatropha investieren?

Momentan laufen Verhandlungen mit seriösen Investoren in Deutschland, Kolumbien, Indonesien und anderen Ländern. Namen kann ich zu diesem Zeitpunkt nicht nennen. Die Investoren werden zu gegebener Zeit an die Öffentlichkeit gehen.

Wie viele seriöse Forschungsprojekte gibt es derzeit zur Jatropha?

BP macht in Indien was, die haben sich von unserem Daimler-Projekt anstecken lassen. Auch an den Universitäten entstehen viele neue Gruppen. An der niederländischen Universität Wageningen wurden jetzt fünf Doktorarbeiten ausgeschrieben. Ich schätze, dass derzeit vielleicht 1.000 Gruppen weltweit an Jatropha forschen. In den nächsten Jahren wird es hier einen ganz gravierenden Wissenszuwachs geben. Dann werden wir die Pflanze besser verstehen. Noch ist es eine Wildpflanze.

Mit Klaus Becker sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de

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