Panorama

Russlands RentnerKampf um Leben in Würde

31.10.2008, 11:29 Uhr

Während in Europa der letzte Lebensabschnitt für viele Menschen Erholung, Reisen und abwechslungsreiche Freizeitgestaltung verspricht, fängt in Russland mit der Rente oftmals der Kampf ums Überleben an.

Die Russischlehrerin Marina Alexejewna musste gleich nach der Pensionierung aus purer Not ihr altes Hobby zum Gelderwerb umfunktionieren. Im Garten ihres Wochenendhäuschens, eine Zugstunde von Moskau entfernt, zieht die 64-Jährige im Sommer weinrote Dahlien, gelbe Lilien und weiße Pfingstrosen. Alle zwei Wochen schleppt die kleine, stets ein wenig kränkelnde Frau riesige Plastiktüten voller Blumen in die Hauptstadt, um sie im Zentrum zu verkaufen. Während der Luxus von Russlands Neureichen längst legendär ist, kämpft eine andere, riesige Bevölkerungsgruppe seit Jahren ums Überleben: die Rentner.

"Meine Rente ist viel zu klein. Auch mein Sohn kann mich finanziell nicht unterstützen", sagt Marina Alexejewna. "Not macht erfinderisch." Dank der zuletzt deutlich gestiegenen Gehälter können sich die meisten arbeitenden Moskauer einigermaßen über Wasser halten. Doch das Rentnerdasein ist bis heute für die meisten der etwa 30 Millionen Pensionäre gleichbedeutend mit zum Teil bitterer Armut.

Mit der Rente beginnt der Kampf ums Überleben

Das Renteneintrittsalter liegt in Russland vor allem wegen der geringeren Lebenserwartung wesentlich niedriger als in Deutschland und anderen EU-Ländern: bei 55 Jahren für Frauen und 60 Jahren für Männer. Doch nur wenige freuen sich auf den Ruhestand. Denn während in Europa der letzte Lebensabschnitt für viele Menschen Erholung, Reisen und abwechslungsreiche Freizeitgestaltung verspricht, fängt in Russland mit der Rente oftmals der Kampf ums Überleben an.

Obwohl Moskau zu den teuersten Städten weltweit gehört, beträgt die Rente in der Metropole im Durchschnitt nur etwa 5500 Rubel. Das sind umgerechnet gerade mal 150 Euro. Besonders verdiente Arbeiter dürfen sich Hoffnung auf einen kleinen Zuschlag machen. Aber selbst eine Vorzugsrente reicht in Moskau allenfalls für den Unterhalt einer Wohnung im Plattenbau sowie eine bescheidene Ernährung. So ist Haferbrei ein Grundnahrungsmittel russischer Rentner. Die allergrößte Not in den postsowjetischen 1990er Jahren ist dabei bereits überwunden - weil der Staat die Renten immerhin auszahlt.

Strategien für den Zuverdienst

Wer im Alter nicht bittere Not leiden will, sieht sich gezwungen, weiter zu arbeiten. Insgesamt 35 Prozent aller Rentner in Russland sind erwerbstätig - mehr als doppelt so viele wie in Westeuropa. Rüstigen Pensionären ist es erlaubt, auch nach Überschreiten der Altersgrenze im Job zu bleiben. Das führt dazu, dass bei vielen Organisationen und vor allem Universitäten Experten und Wissenschaftler im Greisenalter von weit über 80 Jahren auf Planstellen sitzen.

Eine andere Strategie besteht in Moskau darin, Zimmer unter der Hand zu vermieten. Je nach Lage und Größe der Wohnung können auf solche Weise bis zu 1000 Euro pro Monat hinzuverdient werden. Wie die frühere Russischlehrerin Marina Alexejewna stehen zudem viele Frauen Tag für Tag vor den U-Bahn-Stationen. Dort verkaufen die dicht an dicht stehenden "Babuschkas" (Omas) nicht nur Äpfel von der Datscha, sondern auch eingelegte Pilze, selbst gestrickte Socken oder Sonnenblumenkerne. Andere Rentner verdienen ihr Geld vor Theaterhäusern, wo sie möglichst unauffällig ihre ermäßigten Eintrittskarten zum Kauf anbieten.

Moskauer Rentner erhalten wegen der höheren Kosten in der Hauptstadt eine aufgestockte Rente. Doch zufrieden sind die Älteren damit nicht. "Die sogenannte "fette Moskauer Rente" erweist sich als mager, sobald man die Preise und die Wohnkosten in Betracht zieht", sagt die mit 55 Jahren gerade pensionierte Geo-Ingenieurin Oxana. Nach Abzug der Kosten für Wohnung und Medikamente bleiben ihr monatlich 3500 Rubel - weniger als 100 Euro - für Lebensmittel und andere Ausgaben. Solange die Kräfte reichen, will die Ingenieurin deshalb weiterarbeiten. "Der Renteneintritt gleicht hier dem Ende des würdigen Lebens", klagt sie.

Quelle: Swetlana Illarionowa, dpa