Panorama

Herkulesaufgabe für Konservatoren Kassel will Welterbe sein

Die Wilhelmshöher Pracht soll Weltkulturerbe werden. Doch das wird noch einige Jahre dauern. Die Kampagne erinnert zuweilen an eine Olympiabewerbung unter Denkmalschützern.

"Das schöne ist, dass er eigentlich komplett überflüssig ist. Völlig nutzlos." Bernd Küster gerät ins Schwärmen, wenn er von seinem Star spricht - der Herkules-Statue, die über Kassel thront. "Wenn man sich so viel Mühe macht, um etwas zu bauen, was keinen direkten Nutzwert hat, dann ist das Kunst. Und es ist gleichzeitig der Höhepunkt der Kasseler Barockkunst, des Bergparks und des Schlosses Wilhelmshöhe", erklärt der Professor und Chef der Museumslandschaft Hessen-Kassel (MHK).

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Der Kasseler Herkules.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Derzeit wird all das aufwendig saniert, denn die Wilhelmshöher Pracht soll Weltkulturerbe werden. Doch das wird noch einige Jahre dauern, auch wenn die Idee schon Jahrzehnte alt ist und die Kampagne zuweilen an eine Olympiabewerbung unter Denkmalschützern erinnert.

Seit fast 300 Jahren wacht der Herkules über Kassel. Die Statue aus Kupfer ist nur gute acht Meter hoch, steht aber auf einer fast 30 Meter hohen Pyramide. Die wiederum thront auf einem gut 30 Meter hohen "Oktogon", einem achteckigen Bau an einem Berghang. Von praktisch jedem Punkt der Stadt ist der Halbgott zu sehen. "Herkules war ein tugendhafter Held. Und als tugendhaften Herrscher wollte sich auch Landgraf Karl zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts sehen", sagt Professor Gerd Weiß, Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege und "Welterbebeauftragter" der hessischen Landesregierung. "Und natürlich wollte er sich auch als so mächtig wie Herkules geben."

Herkules ist nur der Lockvogel

Statue und Park durften nicht nur vom Adel bestaunt werden, auch Bürgerliche erhielten Zugang. Doch nur für besondere Gäste wurden die Wasserkünste angestellt - die eigentliche Attraktion und der Kern der Welterbebewerbung. Hunderte kommen auch heute noch mittwochs und sonntags in den Park, um die Wasserkunst zu bewundern, die nur durch die Schwerkraft angetrieben wird - nicht eine Pumpe sorgt für Springbrunnen und Fontänen.

Das Wasser fließt vom Sichelbachteich über mehr als 1000 Meter zum Herkules, wo die Besucher zunächst nur eine kleine Fontäne zu Gesicht bekommen. Erst langsam, oft unter Sprutzen und Stottern, schließlich mit aller Kraft schießt das Wasser unter dem Herkules in die Höhe.

Wettlauf mit dem Wasser

Vom Plateau der Statue, von dem sich ein atemberaubender Blick auf Schloss Wilhelmshöhe und Kassel bietet, fließen die 1200 Kubikmeter Wasser - gut achteinhalbtausend Badewannenfüllungen - weiter bergab. Die Besucher laufen mit, die Hunderten Treppenstufen hinunter. Doch das Wasser ist am Ende schneller, weil sie stehenbleiben und fotografieren. Oder einfach nur staunen. Etwa wenn das Wasser links und rechts die kleinen Kaskaden herunterläuft und dabei eine glatte, klare Fläche bildet, durch die man hindurchsehen kann.

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(Foto: picture-alliance/ dpa)

Wie klare Folie wirkt das Nass, dank sogenannter Spiegelblätter. Schon zu Karls Zeiten wollte ein Engländer die einfache, aber geniale Erfindung abzeichnen, doch der Landgraf verbot es. Dieses Wissen müsse allein in Kassel bleiben. Der Engländer schlich sich nachts mit dem Zeichenblock zu den Kaskaden und beging Kulturspionage.

Begeistert rufen Besucher "Ah!" und "Oh!", wenn das Wasser wieder eine neue Stufe erreicht und die trockenen Steine dunkel färbt. Bald rauscht es in Wasserfällen auf Steine herab, die wie zufällig daliegen, aber genau angeordnet sind. Wer noch den weißen Schleier der Fälle fotografieren möchte, wird plötzlich von dröhnenden Hörnern aufgeschreckt. Der Wasserdruck lässt Luft entweichen, die zwei Tröten, gehalten von Statuen im antiken Stil, zum Tönen bringen. Spätestens jetzt schwenken die Videokameras um.

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Mit einer Fontäne enden die Wasserspiele. Sie finden im Frühjahr und Sommer jeden Mittwoch und Sonntag statt.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Um gute Plätze mühen sich die Besucher auch an der Teufelsbrücke. Schon eine Stunde vor dem Wasser sind die Zuschauer da und rücken immer dichter an den Wasserfall heran. Man muss seine Augen nicht starr auf die künstliche Klippe richten, irgendeiner ruft schon rechtzeitig "Da kommt es!". Weiß schäumend und dröhnend stürzt die Wasserwalze in die Tiefe und verjagt die Besucher, die sich zu weit vorgewagt haben. Die ersten rücken dann schon wieder ab, um vor dem Wasser - und den anderen Touristen - am Aquädukt zu sein. Keiner will verpassen, wenn das Wasser 34 Meter herabfällt.

Hunderte Meter ist das Wasser unterwegs, bevor es vor dem Schloss im Fontänenteich in die Höhe schießt - manchmal 50 Meter hoch - so hoch wie ein 15-stöckiges Haus. Und auch das alles ohne Pumpen, nur mit Hilfe des Gefälles. Nach einer Stunde ist alles vorbei: Der Wasserfall zu Füßen des Herkules ist dann schon verebbt, die Hörner verklungen und vor dem Schloss wird auch die Fontäne kleiner, bis sie ganz in sich zusammenfällt.

Kassel als hessisches Versailles

"Im Barock hat man Kassel in einem Atemzug mit Versailles genannt", sagt Siegfried Hoß stolz. Der Leiter der Gartenabteilung der Museumslandschaft zitiert Johanna Schopenhauer, die nach einem Besuch vom achten Weltwunder sprach. "Es gibt aus dem 18. Jahrhundert eine ganze Menge Berichte aus Frankreich. Keine guten", sagt Hoß und muss ein Grinsen unterdrücken. "Die waren neidisch. Neidisch, dass der Glanz von Versailles in Kassel erwidert, ja vielleicht sogar übertroffen wurde."

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Blick über den Bergpark Wilhelmshöhe in Kassel auf das Schloss.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Doch Landgraf Karl plagten andere Sorgen. Erbaut wurde der Herkules über 16 Jahre, bis 1717. Die erste Sanierung begann 1718. "Man hat Statue und Sockel direkt an einen Hang gebaut, dorthin, wo es am schwierigsten ist", erklärt Chefkonservator Weiß. "Hinzu kommt das Material. Tuffstein ist sehr anfällig und deshalb eigentlich ungeeignet." Und die Wände seien zum Teil nur 30 Zentimeter dick. "So stabil das alles aussieht, statisch ist es eine Katastrophe."

Ein ewiger Sanierungsfall

Für deutlich mehr als 20 Millionen Euro wird derzeit alles saniert. Bis vor einem Jahr war der Herkules dafür kopflos, jetzt ist der Sockel dran. Die Stunde von Micha Röhring: "Wo immer wir auch rangehen: Wir finden immer neue Probleme", sagt der MHK-Mitarbeiter, doch ohne Resignation. "Es ist ein faszinierendes Bauwerk, und als Denkmalschützer muss man sich eben etwas einfallen lassen." So bekommt der Herkules jetzt Injektionen. In den Sockel werden acht Meter lange Stahlnadeln geschoben, durch die Beton in den Untergrund gespritzt wird. "Wir wollen 2013 fertig sein. Wobei fertig ein sehr relativer Begriff ist", sagt Röhring. "Der Herkules ist als Baustelle wie ein Dom: Man wird nie fertig werden."

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Die Herkules-Statue aus Kupferblech bekam im August 2008 nach fast zweijähriger Restaurierung ihren Kopf wieder.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Der Halbgott selbst schaut hingegen wieder auf Kassel herab. Mit dem struppigen Bart, der schweren Keule und der Narbe am Auge sieht er eigentlich wie ein übler Geselle aus, doch Küster schwärmt von seinem Schmuckstück: "Die Künstler damals haben selbst die Zehennägel und Adern auf dem Fuß exakt herausgearbeitet. Das sind Details, die man von keinem Punkt sehen kann, aber sie haben es trotzdem ganz akribisch gemacht." Drei, manchmal nur einen Millimeter sind die 21 Kupferbleche dick, die vor drei Jahrhunderten auf ein Stahlgerüst aufgezogen wurden. "Das war Vorbild für viele andere Arbeiten. Eine davon steht im Hafen von New York", sagt der MHK-Chef. Die Freiheitsstatue ist technisch nur die kleine größere Schwester des Herkules.

Unter den Füßen der gut drei Tonnen schweren Statue dröhnen die Baumaschinen. Eine "statische Ertüchtigung" tut not. Ein Problem, das schon Generationen von Denkmalschützern bewegte. "Vor hundert Jahren gab es den Plan, das Oktogon einfach mit einem Stahlkäfig zu stabilisieren und dann Efeu darüberwachsen zu lassen", sagt Hoß. "Man hat es damals nicht gemacht, und wir machen es heute nicht. Wir wollen die Anlage möglichst originalgetreu erhalten. Aber uns ist auch klar, dass es immer Kompromisse geben muss. Alles ist eitel, alles ist vergänglich."

Die Wassermusik ist verstummt

So warten die Kasseler und ihre Besucher noch immer auf die Musik der Wasserorgel. Die steht unter dem Herkules in feuchten, kühlen Gängen. "Das war ein besonderes Schmuckstück. Mit dem Wasser wurden Pfeifen betrieben, die eine Melodie spielten", sagt Hoß. 14 Reichsthaler ließ sich Landgraf Karl das 1705 kosten, nicht gerechnet die Welle und die Räder. Welche Musik sie wohl einmal gespielt haben mag, weiß niemand mehr.

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Touristenmagnet: Die Wasserspiele bei den Kaskaden im Bergpark.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Die Grotten sind auch das Reich der Männer, die mit langen Stangen die Wasserkunst an- und wieder ausstellen. Sechs sind es - genau wie vor 300 Jahren - die mit den großen Schlüsseln die Ventile aufdrehen. Als Jérôme Bonaparte, der kleine Bruder des französischen Kaisers, von hier aus vor zweihundert Jahren sein "Königreich Westphalen" regierte, machte er einen von ihnen zum Vertrauten. Der drehte die Ventile auf, als Jérômes Frau Katharina von Württemberg in der Vexierwassergrotte war. "Es endete mit einem spitzen Schrei", erzählt Hoß nüchtern. Der Mann durfte sich bei der Königin nicht mehr blicken lassen, wurde aber vom König großzügig alimentiert.

Welterbe-Gutachter reden mit

Zwei Jahrhunderte später hofft Hessens Kunstministerin Eva Kühne-Hörmann, mit den Wasserspielen die Bewunderung der ganzen Welt zu erlangen. "Für die Anerkennung als Welterbe muss ein Land etwas wirklich exklusives bieten, was es sonst nirgendwo gibt. Und das haben wir", sagt die CDU-Politikerin. Barocke Schlösser gibt es viele. "Doch der Bergpark ist wirklich etwas ganz besonderes. Einzigartig sind aber die Wasserspiele. Was ist welterbewürdig, wenn nicht das?".

Entsprechend wird die Bewerbung detailliert geplant. "Schwetzingen" ist hier das Schlüsselwort. Die barocken Gärten der nordbadischen Stadt waren in der Vorprüfung vom Internationalen Rat für Denkmalpflege (ICOMOS) abgelehnt worden. Das soll in Hessen nicht passieren. "Wir beteiligen die ICOMOS-Experten und gehen auf ihre Wünsche ein. Bei den umfangreichen Sanierungen wird derzeit kein Stein gesetzt, der nicht von den Gutachtern geprüft wurde", sagt die Ministerin. So wurde die Planung für das Besucherzentrum des Herkules schon über den Haufen geworfen.

Parkordnung wird verschärft

Auch die Besucher des Bergparks werden sich einer strengeren Parkordnung unterwerfen müssen. Radfahren ist schon jetzt verboten, das traditionelle Oldtimerrennen soll nach dem Willen der Denkmalschützer künftig auch einen anderen Weg nehmen. Zum Unmut von Ex-Bundesfinanzminister und Oldtimer-Fan Hans Eichel: "Ich habe nichts von Schäden bei den letzten Rennen gehört. Warum vergibt sich Kassel also solch eine Chance. Europaweit finden die Oldtimertreffen doch immer in den schönsten Schlossgärten statt."

Aber bis zur entscheidenden Sitzung der UNESCO werden noch Jahre vergehen. "Die Idee einer Kasseler Bewerbung gibt es schon seit mehr als zwei Jahrzehnten", sagt Chefkonservator Weiß. "Mit der Wiedervereinigung hat man allerdings erst einmal ostdeutsche Projekte vorgezogen." Jetzt steht der Wendeverlierer Herkules jedoch wieder auf der deutschen Liste: "Auf Platz 17. Aber wenn alles gut geht, haben wir 2012 die Entscheidung."

Quelle: ntv.de, Chris Melzer, dpa