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Großeinsatz für Rettungskräfte: Einen Tag vor der Entschärfung werden Alters- und Pflegeheime geräumt.
Großeinsatz für Rettungskräfte: Einen Tag vor der Entschärfung werden Alters- und Pflegeheime geräumt.(Foto: dpa)
Samstag, 03. Dezember 2011

Countdown zum Bomben-Sonntag: Koblenz wird geräumt

In Koblenz beginnt der Ausnahmezustand: Einen Tag vor der bislang umfangreichsten Blindgänger-Entschärfung seit 1945 bringen Hilfskräfte die Bewohner von Altersheimen und andere hilfsbedürftige Mitbürger in Sicherheit. Die Stadt rät allen betroffenen Bürgern, rechtzeitig den Wecker zu stellen. Schon jetzt ist sicher: Am Sonntag wird es knallen.

Vor der großen Bombenentschärfung an diesem Sonntag in Koblenz beginnt sich die Sperrzone zu leeren. Etwa 20 0 Häftlinge eines Gefängnisses wurden mit Bussen in andere Anstalten gefahren, wie ein Sprecher der Stadt mitteilte. Außerdem wurden am Samstagmorgen die ersten pflegebedürftigen Menschen aus privaten Haushalten in Sicherheit gebracht.

Abwurf aus mehreren tausend Meter Höhe und dann fast sieben Jahrzehnte unter Wasser: Im Inneren der Bombe schlummern mehrere Zünder und fast 1800 Kilogramm Sprengstoff.
Abwurf aus mehreren tausend Meter Höhe und dann fast sieben Jahrzehnte unter Wasser: Im Inneren der Bombe schlummern mehrere Zünder und fast 1800 Kilogramm Sprengstoff.(Foto: dapd)

Bis zum Sonntag sollen 180 Patienten aus Krankenhäusern, 350 Bewohner von sieben Altenheimen und insgesamt 130 Pflegebedürftige aus der Gefahrenzone gebracht werden. Am Sonntagmorgen soll die Evakuierung der 3,6 Kilometer im Durchmesser messenden Sperrzone im Stadtzentrum abgeschlossen sein. Anwohner sind aufgefordert, den Bereich bis 9.00 Uhr zu verlassen.

"Für rund 45.000 Koblenzerinnen und Koblenzer heißt es am Samstagabend Wecker stellen, denn am Sonntag wird früh aufgestanden", forderte die Stadtverwaltung Koblenz die betroffenen Einwohner auf. "Es ist der Tag der Evakuierung für die Entschärfung der Luftmine, einer Fliegerbombe und der Sprengung eines Nebelfasses, die alle im Rhein gefunden worden sind."

Ab 7.00 Uhr fahren den Angaben der Stadt zufolge Lautsprecherwagen durch das Evakuierungsgebiet, um auch Langschläfer an die Evakuierungsanordnung zu erinnern. Pendelbusse sind bereits ab 6.30 Uhr "im 15-Minuten-Takt" im Einsatz, um Frühaufsteher aus dem Evakuierungsgebiet heraus zu den Betreuungsstellen zu fahren.

Ordnungsamt, Polizei und Feuerwehr kontrollieren ab 9.00 Uhr, ob tatsächlich alle Koblenzer sowie etwaige Schaulustige die Sperrzone auch wirklich verlassen haben. "Die Kontrolltrupps gehen von Haustür zu Haustür, um zu überprüfen, dass sich niemand mehr in seiner Wohnung befindet", heißt es. Erst danach kann die Entschärfungsaktion am Rheinufer beginnen. "Wir hoffen, dass gegen Mittag dann der Kampfmittelräumdienst mit seiner Arbeit beginnen kann", sagte der Sprecher.

An der Fundstelle im Rhein pumpten unterdessen Experten weiter Wasser um die riesige Luftmine ab. Diese kann nur entschärft werden, wenn sie im Trockenen liegt. Dazu wurde um die Fliegerbombe herum ein Damm aus Sandsäcken errichtet.

Koblenz koppelt sich ab

Die Stadt gab zudem bekannt, dass Koblenz am Sonntag von allen überregionalen Straßen- und Bahnverbindungen getrennt wird. Von 8.00 Uhr morgens an hielten keine Züge mehr am Koblenzer Hauptbahnhof, die Zufahrtsstraßen würden schon vor den Toren der Stadt gesperrt.

Harmlos sieht er aus, der Blindgänger im Rhein: Obenauf liegt ein Geräteteil, mit dem die Feuerwehr die genaue Lage der Bombe im flachen Wasser markiert hatte.
Harmlos sieht er aus, der Blindgänger im Rhein: Obenauf liegt ein Geräteteil, mit dem die Feuerwehr die genaue Lage der Bombe im flachen Wasser markiert hatte.(Foto: dapd)

Insgesamt müssen am Sonntag rund 45.000 Menschen ihre Häuser verlassen. Die Behörden gehen offenbar davon aus, dass die Mehrheit der Evakuierten bei Verwandten oder Freunden unterkommt - oder sich in den umliegenden Cafés und Gastwirtschaften außerhalb der Sperrzone einquartiert. Denn für die Evakuierten stehen in den sieben Betreuungsstellen lediglich 12.000 Plätze in Schulen in Koblenz, Vallendar und Lahnstein zur Verfügung. Insgesamt sind rund 2500 Helfer aus dem ganzen Land im Einsatz, darunter auch 30 Notfallseelsorger.

Den Ablauf der Entschärfung haben die Experten des Kampfmittelräumdienstes Rheinland-Pfalz bereits festgelegt. "Wenn die eigentliche Entschärfungsmaßnahme erfolgt, wird zunächst die 125kg-US-Fliegerbombe entschärft", kündigten die Behörden an. "Im Anschluss folgt die Entschärfung der 1,8t-Luftmine."

Großer Knall noch nicht das Ende

Erst zum Schluss sei der dritte aufgefundene Weltkriegszeuge an der Reihe: Das Tarnnebelfass aus Wehrmachtsbeständen wird kurzerhand gesprengt. Explosionsgefahr geht von diesem Chemikalienbehälter nicht aus, Sprengstoff ist nicht enthalten. Allerdings könnten sich bei einer unbeabsichtigten Öffnung giftige Gase bilden. Deshalb wird das Fass im Rahmen der Entschärfungsaktion aus sicherer Entfernung gezielt zerstört.

Die "geräuschvolle Sprengung des Tarnnebelfasses" dürfte auch für die Koblenzer in den Notunterkünften gut zu hören sein. Aufgehoben ist damit die Sperrung der Innenstadt allerdings noch nicht. Die Behörden weisen ausdrücklich daraufhin, dass erst nach dieser Sprengung über die Aufhebung der Evakuierung entschieden werde. Ab wann die betroffenen Anwohner wieder zurück in ihre Wohnungen dürfen, wird im Internet unter www.koblenz.de und www.feuerwehr-koblenz.de bekannt gegeben.

Die Stadtverwaltung Koblenz hat außerdem eine Telefon-Hotline eingerichtet: Unter 0261 / 40404-10 und 0261 / 40404-20 können von der Räumungsaufforderung betroffene Bürger Fragen zur Bombenentschärfung stellen oder sich melden, wenn sie Hilfe benötigen.

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Quelle: n-tv.de