Panorama

Das Ende einer Ära "La Samaritaine" dicht

Vor dem verbarrikadierten Personaleingang des Kaufhauses "La Samaritaine" am Seine-Ufer kampieren protestierende Verkäuferinnen und Angestellte. Sie können es immer noch nicht fassen, dass das Traditionshaus wegen gravierender Sicherheitsmängel vor wenigen Wochen geschlossen wurde und nun vom Keller bis zum Dachboden renoviert werden muss. Ob es jemals wieder öffnet, ist ungewiss. Bis Ende Juni werden die Gehälter noch gezahlt, danach droht den meisten Angestellten die Arbeitslosigkeit. Kürzlich hatten Experten festgestellt, dass in dem Jugendstil-Bau aus dem Jahr 1900 praktisch kein Brandschutz existiert. Bei einem Feuer würde der Bau innerhalb von 15 Minuten lichterloh in Flammen stehen.

Die Protestler unter den 750 Angestellten fordern, den Verkauf während der Renovierungsarbeiten aufrecht zu erhalten. Dann aber würde die Erneuerung über zehn Jahre dauern, bei kompletter Schließung wären es nur vier. Es gehen Gerüchte um, dass aus dem Kaufhaus ein Luxushotel entstehen soll, aber genaueres weiß niemand.

Es gibt in Europa nur wenige Kaufhäuser mit so viel Tradition wie "La Samaritaine". Das "KaDeWe" in Berlin und vielleicht auch "Harrods" in London. Aber "La Samar", wie die Franzosen das Pariser Urgestein liebevoll nennen, ist nicht nur wegen seiner prachtvollen Glaskuppel und der Rundbögen im Stil des Eiffelturms berühmt geworden. In den Abteilungen ließ sich schon vor 100 Jahren der Hauch von Pariser Schick in tiefen Zügen einatmen.

Angefangen hatte alles unter einem roten Sonnenschirm. Der fliegende Händler Ernest Cognacq verkaufte 1870 seine Waren an einem Stand auf dem Pont Neuf. Das Geschäft brummte, die Frauen ließen sich gerne von seinen Komplimente einwickeln und die Männer schmunzelten über seine Scherze. Bald hatte er genügend Geld beisammen, um sich einen kleinen Laden zu mieten, den er nach der Figur benannte, die eine Wasserpumpe am Pont Neuf zierte: Samarie, die Samariterin.

Die Qualität seiner Waren und das Verkaufstalent von Cognacq sprachen sich herum. 1905 eröffnete das riesige Kaufhaus am rechten Seine-Ufer. Von Anfang an zog es die reichen Damen in seinen Bann, sie kauften dort auf 60.000 Quadratmetern Pelze und funkelnde Diamanten, während ihre Ehemänner im benachbarten Rathaus den Geschäften nachgingen. Einen Einschnitt erlebte "La Samaritaine" Ende der 60er Jahre, als der Großmarkt "Les Halles" aus dem Pariser Stadtzentrum ausgelagert wurde. Damit fiel eine wichtige Kundschaft weg.

Seinem Motto aus den 70er Jahren "Hier können Sie alles kaufen" ist das Kaufhaus jedoch bis zuletzt treu geblieben. Von den Designer-Möbeln über Wanderjacken bis hin zur Bettwäsche gab es auf den sieben Verkaufsetagen alles, was das Herz begehrt. Sogar seine Badeschuhe konnte man sich farblich individuell zusammenstellen lassen; es war ein bisschen teurer, dafür kaufte man exquisit.

Viele Kunden sind am letzten Tag noch einmal aus Sentimentalität in das Kaufhaus gekommen. Und wegen der Terrasse. Jeder zweite Reiseführer hat die Aussicht vom 10. Stock des Kaufhauses als Geheimtipp empfohlen. Womöglich müssen diese Seiten in den Führern jetzt neu gedruckt werden. Denn ob man jemals wieder auf der mondänen Terrasse seinen Kaffee genießen kann, ist mehr als ungewiss.

(von Stphanie Souron, dpa)

Quelle: n-tv.de