"Der erste wirklich europäische Komponist"Listz wird neu entdeckt
Rund 30 Jahre hat Franz Liszt in Weimar gelebt. Er verhalf der Klassikerstadt nach der Goethe-Ära zu neuer kultureller Blüte. Sein 200. Geburtstag und 125. Todestag 2011 sind Anlass, den Europäer Liszt zu würdigen und als "Zeitgenossen" neu zu entdecken.
"Jetzt ist es mir lieb, zuerst an Weimar zu denken, meinen Fixstern, dessen wohltuende Strahlen meinen weiten Weg beleuchten, (...) an Weimar, das Vaterland des Ideals." Dies schrieb Franz Liszt 1846 an den Weimarer Großherzog Carl Alexander, in dem er einen Verbündeten für seine Ideen fand. Zwei Jahre später ließ sich der Klaviervirtuose, Komponist, Pädagoge und Musikvisionär in Weimar nieder. Für 30 Jahre - mit Unterbrechungen - war die kleine Thüringer Residenzstadt der Ort, in dem er zeitweise sein persönliches Glück fand, seine wichtigsten Werke schrieb und seine Visionen in die Tat umzusetzen versuchte.
Weimar und Thüringen erinnern 2011 in einem Themenjahr an den 200. Geburtstag und 125. Todestag des Ausnahmemusikers. "Die Aufgabe kann nicht sein, das Jubiläum abzufeiern", sagt Wolfram Huschke, der als Leiter des Franz-Liszt-Zentrums und Präsident der Deutschen Liszt- Gesellschaft die Gesamtkoordination des Projektes in seiner Hand hat. Für den 64-Jährigen ist Liszt der wirkungsmächtigste Musiker in der Musikgeschichte überhaupt. Und: "Er war der erste wirklich europäische Komponist. Dies hat ihm in nationalen Zeiten im Vergleich zu Richard Wagner sehr geschadet."
"Paganini des Klaviers"
Geboren in Raiding im ungarischen Teil des österreichischen Kaiserreichs, sprach Ferencz Liszt zunächst deutsch, dann französisch und lernte erst spät ungarisch. Bereits als Neunjähriger spielte er ausgezeichnet Klavier. Konzerte führten das Wunderkind durch Europa. Bald galt er als "Paganini des Klaviers". Die Bildungsmetropole Paris prägte ihn nach dem frühen Tod des Vaters. Dort prägte sich auch sein Welthorizont, war er mit Balzac, Berlioz, Chopin, Heine und Meyerbeer befreundet.
"Das Liszt-Jahr ist die Chance zur Wiederentdeckung eines ganz selbstverständlich europäischen Musikerlebens als Vorbild: Jenseits der Sprachen und Nationen hat sich dieser Mann bewegt, getragen von einem Freiheitssinn, der seiner Zeit weit voraus war", betont Christoph Stölzl, Historiker und Präsident der Hochschule für Musik. Seit 1956 ist Liszt Namenspatron der Schule. "Franz Liszt ist sowohl als genialer, experimentierfreudiger Komponist wiederzuentdecken als auch als Star."
Liszts Ururenkelin, die Weimarer Kunstfest-Chefin Nike Wagner, ergänzt: Liszt war ein Popstar seiner Zeit. Die Mitwelt flocht ihm alle Kränze. Am Komponisten Liszt aber habe die Nachwelt etwas gutzumachen. Ihn gelte es als "Zeitgenossen" wiederzuentdecken - "in seiner poetischen Klangsprache, den farbigen Orchester-, Klavier- und Chorwerken, seinen späten, kühnen Experimenten".
Was ist grandios? Was Alltagsmusik?
Für Wolfram Huschke heißt das: Eine kritische, historisch korrekte Neubewertung der Werke, in der der europäische Aspekt besser als vor 50 Jahren gewürdigt wird. Es gehe um die Frage, was ist grandios, was Alltagsmusik. Dies betreffe auch die Bearbeitung von Orchesterwerken anderer Komponisten für das Klavier. Liszt sei oft vorgeworfen worden, ihm sei selbst nichts eingefallen, dabei habe er die ganze Welt der Musik hineingelegt, ist der Liszt-Experte überzeugt. Das Klavierspiel sei in einer Zeit, in der es nicht all zu viele Orchester gegeben habe, ein "Kulturhebel" für das Bürgertum gewesen.
Inspiriert vom Ideal und den Werken der Klassiker schuf Liszt mit den Sinfonischen Dichtungen wie "Faust-Symphonie", "Prometheus" oder "Hungaria" eine neue Musikgattung. Er schrieb Oratorien und Kirchenmusiken und war Mitbegründer des Allgemeinen Deutschen Musikvereins, einer Art Musikergewerkschaft, die sich für Musiker und zeitgenössische Musik einsetzte.
Ihm schwebte eine Stiftung "De la Fondation-Goethe à Weimar" vor, in der, ähnlich einer Olympiade, im vierjährigen Wechsel das beste Werk in Malerei, Bildhauerei, Literatur und Musik ausgezeichnet werden sollte. Und er wollte am Rand von Weimar ein Festivalhaus für die Opern seines Freundes und Schwiegersohnes Richard Wagner bauen, das in Bayreuth entstehen sollte.
Scheitern auf hohem Niveau
Liszt, so ist seinen Briefen zu entnehmen, war der Überzeugung, er sei in Weimar gescheitert, weil er seine beiden Herzblut-Projekte nicht verwirklichen konnte. Wenn, dann war es ein Scheitern auf hohem Niveau, meint Huschke. "Aus unserer Sicht war es mit Abstand die größte Leistung, niemand seiner Vorgänger und Nachfahren hat so viel erreicht."