45 Kilometer freie FahrtMit dem Motorrad von Gaza nach Rafah
2007 noch waren sie eine Kuriosität. Heute versprechen bis zu 15.000 geschmuggelte Motorräder im Gazastreifen ein kurzes Gefühl von Freiheit - ein Boom mit Schattenseiten.
Wenn Munser Dijja und seine Freunde dem Alltag im Gazastreifen entfliehen wollen, setzen sie sich auf ihre Motorräder. "Jeden Donnerstag treffen wir uns bei meinem Kumpel Samy. Wir trinken einen Kaffee und dann geht es auf die Straße", erzählt der Mechaniker. Die Route ist gezwungenermaßen immer die gleiche: von Gaza nach Rafah, 45 Kilometer. Nur ob sie am Meer entlang oder ein paar Kilometer weiter landeinwärts fahren, können die Motorradfreunde entscheiden. Denn längere Straßen gibt es in dem maximal zehn Kilometer breiten palästinensischen Gebiet nicht.
"Ich fahre langsamer, damit es länger dauert", sagt Dijja. "Wenn ich Motorrad fahre, fühlt es sich an, als würden mir Flügel wachsen." Doch dieses Gefühl der Freiheit endet für den 42-Jährigen und seine Freunde an den Sperranlagen, die das überbevölkerte Gaza begrenzen. Die 1,5 Millionen Bewohner des Gazastreifens dürfen das Gebiet nicht verlassen. Seit die radikalislamische Hamas 2007 die Macht übernahm, steht der Gazastreifen unter israelischer Blockade. Auch der südliche Nachbar Ägypten lässt die Palästinenser nicht ins Land.
Motorräder sind ein neues Phänomen
Einziges Schlupfloch sind die Schmugglertunnel an der ägyptischen Grenze. Durch sie kommen Waren aller Art nach Gaza - auch die Motorräder. "Die Motorräder sind ein neues Phänomen hier. Vor 2007 gab es vielleicht zehn. Sie waren eine Kuriosität und kamen meistens aus Israel", sagt Dijja. Heute schätzt er die Zahl der Motorräder auf zwischen 10.000 und 15.000, bei den meisten handele es sich um chinesische Fabrikate. "In Ägypten kostet ein Motorrad 550 Euro und hier wird es dann für 800 bis 1000 Euro verkauft", sagt der Mechaniker. Die billigsten Autos kosten das Zehnfache.
Dijja hat mit der Reparatur von Motorrädern in seiner kleinen Werkstatt im Süden von Gaza-Stadt gut zu tun, Motorradfahrer schätzen sein Geschick, die Maschinen wieder flott zu machen. Doch Dijja ist nicht nur geschickt, sondern auch erfinderisch. Denn wegen der Blockade sind Ersatzteile Mangelware. Zylinderkopfdichtungen beispielsweise bastelt der Mechaniker aus Karton. "Die halten dann zwar nur ein Jahr, aber das ist besser als nichts", sagt er, während er ein Stück Pappe auf einen Zylinderkopf legt und es mit einem Schraubenschlüssel in Form klopft. "Das kostet mich nur ein paar Cent. Würde ich sie aus dem Ausland durch die Tunnel schmuggeln lassen, müsste ich zwölf Schekel (2,50 Euro) bezahlen. Und wenn wir darauf warteten, bis Israel uns liefert, was wir brauchen, käme das ganze Land zum Stillstand."
147 Tote und 750 Verletzte seit 2007
Für viele Palästinenser im Gazastreifen sind Motorräder das einzige Verkehrsmittel, das sie sich noch leisten können. Doch der Motorradboom hat auch seine Schattenseite. "Es vergeht kein Tag, an dem nicht Opfer eines Motorradunfalls in die Krankenhäuser eingeliefert werden", sagt der Arzt Moawija Hassanein, der den medizinischen Rettungsdienst in Gaza leitet. "Seit die Motorräder 2007 populär wurden, gab es 147 Tote und 750 Verletzte."
Um die Straßen sicherer zu machen, will die Hamas einen Motorradführerschein und eine Helmpflicht einführen und hat Minderjährigen das Motorradfahren verboten - bislang ohne Erfolg. "Die Jugendlichen sind für viele Unfälle verantwortlich", sagt der Mechaniker Dijja. "Aber auf dem Motorrad ist man in einer anderen Welt. Man fühlt sich frei."