Öffentliches Gut OestergaardModerne Zeiten im Herrenhaus

Ein großes Herrenhaus mit Wirtschaftsgebäuden zu erhalten - das ist heute nicht mehr so leicht wie noch vor 150 Jahren. Man muss vielseitig sein und sich dem "gemeinen Volk" öffnen. Wie auf Gut Oestergaard, dem "Ferienhof".
Natürlich ist es manchmal auch einsam auf Gut Oestergaard (Kreis Schleswig-Flensburg). Wenn im Winter der Schnee hoch liegt, so wie im letzten Jahr, als Svea Lempelius mit ihrem Mann Jörg die Schwiegermutter am anderen Ende des Geländes über den zugefrorenen Teich ins Herrenhaus holte, damit sie nicht allein in ihrer Wohnung bleiben musste. An Sommertagen aber ist das erstmals um 1400 erwähnte Gut heute ein höchst lebendiger, bevölkerter Ort.
Gutsherrin Svea Lempelius lebt hier mit ihrer Familie, zu der auch noch zwei kleine Töchter gehören - und mit Touristen. Im 1856 erbauten, zartgelben Herrenhaus befinden sich vier Ferienwohnungen, vier weitere sind im Kutscherhaus. Zwei Ferienhäuser gibt es auch noch. "Anfangs war es ungewohnt, immer Gäste zu haben. Aber inzwischen genießen wir es so, wie es ist", sagt die 38-jährige Lempelius. "Wir haben alles gemacht, um das Gut zu erhalten. Wir haben keine große Ackerfläche, unsere Ressourcen sind die Gebäude."
Trend schon früh erkannt
Früh hat die Familie auf Tourismus gesetzt. Schon in den 1960er Jahren wurden Zimmer vermietet, in den Neunzigern erkannte Lempelius' Schwiegermutter den Trend zum Urlaub auf dem Bauernhof. "Sie war auch eine von nur dreien, die in den Neunzigern mit Bauernhof-Cafés hier im Norden angefangen haben." Das Café allerdings musste erst mit etwas Mühe und neuem Stuck auf historisch getrimmt werden. Alte Fotos gab es kaum. Inzwischen erinnern an den hellblau gestrichenen Caféwänden Porträts der Ahnen der Familie an die Geschichte.
1927 übernahmen die Lempelius' das Gut - der erste von ihnen brach damals mit der Pastoren- und Kaufmannstradition und wurde Landwirt. Erbauer des Hauses aber war 1856 Hans von Qualen, der sich auf dem Dachboden erhängt haben soll. "Seitdem geht er als Geist um", schmunzelt Lempelius. Ein wenig eitel soll sein Grund für den Bau des Herrenhauses gewesen sein: Das Vorgängergebäude wurde von der Scheune überragt - unmöglich für den Adligen.
Konzerte in "Kulturscheune"
Die 1780 erbaute Scheune ist heute "Kulturscheune". Seit vor Jahren die Junge Philharmonie Köln anfragte, ob man dort ein Konzert geben könnte, kamen sie jedes Jahr wieder. Zu ihnen gesellten sich Jazzbands, Klarinettenquartette und Irish-Folk-Sänger. Wer nicht singen kann, kann die Scheune zumindest für eine Familienfeier buchen. "Das macht uns Spaß", sagt Svea Lempelius. "Mein Mann organisiert den musikalischen Part, und ich kümmere mich um das Catering."
Unter Denkmalschutz steht das gesamte Ensemble nicht, auch wenn die schmiedeeisernen Freitreppen wohl eine Besonderheit für Schleswig-Holstein seien, sagt die 38-Jährige. "So lange es nicht notwendig ist, ist es einfacher so" - ohne Vorschriften und Auflagen.
"Alles öffentlich"
Das historische Ambiente gefällt der gelernten Bankkauffrau - es fiel ihr leicht, sich an das Leben im Herrenhaus zu gewöhnen. "Die Geschichte umgibt einen immer - ein Stück weit fühlen wir uns verpflichtet, das Gut zu erhalten und an die Nachkommen weiterzugeben", sagt Lempelius. Auch das selbständige Arbeiten - sie entwirft auch Kinderaccessoires, die sie auf dem Gut verkauft - gefällt ihr. "Als Bankkauffrau muss man sonst ständig nach Vorgaben arbeiten."
Auf dem Gutshof tummeln sich inzwischen Schüler der auch hier ansässigen Ferienreitschule, die Pferde wiehern, im Graben planschen die Hechte. "Hier ist alles öffentlich", sinniert Svea Lempelius. "Aber das wollen wir auch so. Die Leute sollen sich hier wie in der Familie fühlen."