Panorama

Abtreibung in NicaraguaMutterleben ist unwichtig

16.07.2008, 07:51 Uhr

Seit 2006 sind in Nicaragua Abtreibungen verboten. Seitdem müssen Ärzte befürchten, sich strafbar zu machen, wenn sie sich in einer Notsituation für die Mutter und gegen das Kind entscheiden.

Julia hatte schon zwei Kinder und das dritte war unterwegs. Eine Problemschwangerschaft, wie die Ärzte erkannten. Am 20. Juli 2007, da war sie im siebten Monat, wurde sie mit Blutungen ins "Deutsch-Nicaraguanische Krankenhaus", die einst anerkannte Karl-Marx-Klinik, in der nicaraguanischen Hauptstadt Managua gebracht. Am 23. war sie tot, das ungeborene Kind auch. Um das Baby nicht zu gefährden, hatten die Ärzte nichts getan, um die Mutter zu retten. Denn seit ausnahmslos alle Abtreibungen, auch die sogenannte therapeutische, in Nicaragua verboten sind, müssen die Mediziner befürchten, sich strafbar zu machen, wenn sie sich in einer Notsituation für die Mutter und gegen das Kind entscheiden.

Das neue Abtreibungsgesetz wurde im Oktober 2006 kurz vor der Wahl des Sandinisten Daniel Ortega zum Präsidenten des mittelamerikanischen Landes verabschiedet. Es war aufgrund einer Allianz der Katholischen Kirche, der Sandinisten Ortegas und der konservativen Parteien zustande gekommen. Und bis heute ist diese Koalition der Abtreibungsgegner nach Ansicht von Fachleuten verantwortlich dafür, dass Mädchen und Frauen aus armen Schichten zu Kurpfuschern gehen, auch wenn sie von ihrem Vater, dem Liebhaber der Mutter, dem Onkel oder von einem Fremden vergewaltigt wurden, und auch dann, wenn sie krank sind, und die Schwangerschaft zu einer Gefahr für sie werden könnte.

Ungeborenes Baby an erster Stelle

Julias jüngere Schwester Marbeli steht in der Hütte der Familie am südöstlichen Rand von Managua und zeigt Bilder. Julia war eine lebensfrohe junge Frau, auf den Fotos lächelt sie stets. Als sie in jenen Tagen aus dem Krankenhaus anrief, bat sie um Hilfe. "Sie weinte und sagte: Ich habe Schmerzen." Die Ärzte hätten Injektionen verabreicht, um das Baby am Leben zu halten, aber keinen Kaiserschnitt gemacht, der das Leben des Kindes hätte gefährden können. "Man hat sie sterben lassen, praktisch getötet", klagt Marbeli.

Rafael Cabrara Artola sieht das ganz anders. Der Frauenarzt und Geburtshelfer ist der medizinische Vorkämpfer der Verschärfung des Abtreibungsgesetzes in dem mittelamerikanischen Land. "Ich verteidige vor allem die Frauen", sagt er, der sich gerne als "Apostel und Gesandter des verstorbenen Papstes Johannes Paul II." vorstellt. Seit der Einführung des neuen Gesetzes sei die Sterblichkeit der Frauen um elf Prozent zurückgegangen.

Geheime Abtreibungen

Die Gynäkologin Ligia Altamirano aber weist die Zahlen zurück. Nach ihrer Kenntnis gehen die Frauen Nicaraguas nicht mehr ins Krankenhaus, sondern versuchen, sich wie einst die Großmütter zu helfen: mit Kräutern und unhygienischen Eingriffen. "Wenn die Frauen sterben, wird irgendeine Todesursache angegeben", sagt Altamira, eine Sandinistin. Eine verlässliche Statistik gebe es nicht.

Eine schnelle Änderung des Gesetzes ist nicht in Sicht. "Es ist ein Konkordat des Sandinisten Ortega mit der Kirche", analysiert die Frauenrechtlerin und Politologin Sofia Montenegro. Das Ergebnis eines christlichen Fundamentalismus, der die Frauen wieder an den Herd zwinge. "Ortega hat die Frauen Nicaraguas der Kirche geschenkt, um an die Macht zu kommen." Die Frauen würden wieder zur Gebärmaschine. "Wenn eine Schwangerschaft problematisch ist, ist das möglicherweise das Todesurteil für die Frau."

Der aus Deutschland stammende Bischof von Grenada am Nicaragua-See, Bernhard Hombach, ist als Kirchenmann auch ein Befürworter des neuen Gesetzes. "Die therapeutische Abtreibung ist ein Ziername", sagt er. "Wenn wir das Leben an seinem Anfang antasten, dann machen wir das schließlich auch am Ende." Allerdings tritt der Bischof, der seit vielen Jahren in Nicaragua lebt und wirkt, dafür ein, im Zweifel für die Mutter zu entscheiden. Und er sagt auch, dass die Kirche ihre ablehnende Haltung gegenüber der Verhütung überdenken sollte.

Franz Smets, dpa