Panorama

Persönlicher Abschied nehmen Neue Formen der Trauerkultur

21.11.2009, 13:23 Uhr

Deutschlands Trauerkultur ist im Umbruch: Viele Trauernde möchten keine klassische Beerdigung mit Pfarrer und festen Ritualen, sondern ein lebendiges und kreatives Abschiednehmen.

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Trauer ist nicht nur depressiv. (Foto: picture-alliance/ dpa)

Das Foto zeigt zwei Cowboy-Stiefel, die im Sand stecken, daneben die Frage: "Wie lebendig möchten Sie begraben werden?" In einem Werbespot heißt es: "So wie er gelebt hat, soll er auch bestattet werden." In Deutschland macht sich eine neue Form der Trauerkultur bemerkbar: Weg von der klassischen Beerdigung mit Pfarrer und festen Ritualen, hin zu einem persönlicheren Umgang mit Trauer und Tod. "Die Bestattungskultur in Deutschland befindet sich derzeit in einem grundlegenden Umbruch", stellt der Historiker Prof. Norbert Fischer von der Universität Hamburg fest. Viele Menschen möchten selber bestimmen, was nach dem Tod mit ihnen passiert, Angehörige wünschen sich einen unverkrampfteren Umgang.

Dabei treten ganz unterschiedliche Entwicklungen hervor: "Einerseits die rasant zunehmende Zahl von namen- und zeichenlosen Rasenbeisetzungen (anonyme Bestattung), andererseits ganz neue Orte von Trauer und Erinnerung", sagt Fischer. So gebe es mittlerweile mehr als 80 so genannte Friedwälder, wo Urnen aus ökologisch abbaubarem Material im Wurzelbereich eines Baumes beigesetzt werden. Und es gibt immer neue Gemeinschafts-Grabanlagen. So können sich Fußballfans des Hamburger SV in der Nähe des Stadions auf dem Hauptfriedhof Altona beerdigen lassen. Und Mitglieder des gleichnamigen Vereins "Garten der Frauen" können sich neben berühmten Hamburgerinnen auf dem Ohlsdorfer Friedhof bestatten lassen.

In der Trauer stecken verschiedene Energien

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Christian Hillermann, Inhaber des Trostwerks, möchte Trauernden neue Formen des Abschiednehmens bieten. (Foto: picture alliance / dpa)

"Viele Menschen möchten weg von einer als trostlos und unpersönlich empfundenen Trauerfeier", bestätigt auch Christian Hillermann, Inhaber von Trostwerk. Seit 2003 bemüht sich das Unternehmen um neue Formen des Abschiednehmens. "Je persönlicher der Abschied, desto mehr Kraft wird freigesetzt, um den Verlust zu verarbeiten", ist er überzeugt. Das fange schon damit an, dass seine Mitarbeiter keine schwarzen Anzüge tragen und die Räumlichkeiten "sehr lebensbejahend, offen und transparent" gestaltet sind. Die Trauerfeier müsse auch nicht unbedingt auf einem Friedhof stattfinden. "Das kann im Tanzstudio, im Kino oder im Theater sein, das sind alles Beispiele, die wir schon gemacht haben."

In einer weltlichen Trauerfeier mit einem professionellen Trauerredner, die sich immer mehr Menschen wünschen, könnten dann viele persönliche Elemente aufgegriffen werden - von Karten, auf denen die Trauergäste noch ein paar Worte an den Verstorbenen schreiben, bis hin zum individuell bemalten Sarg oder Urne. "Unser Versuch, mehr Lebendigkeit und Kreativität hereinzubringen, wird von vielen Leuten als befreiender Impuls erlebt", sagt Hillermann. So könne man begreifen, dass Trauer "nicht nur dieses Zurückgezogene, Deprimierte ist, sondern dass in der Trauer ganz viele verschiedene Energien stecken". "Trauer ist Liebe und der Tod sollte wieder als ein Teil des Lebens verstanden werden", meint der Experte.

"Schwieriger, wichtiger, aber auch schöner Beruf"

Wie man locker und unverkrampft mit dem Tod umgehen kann, beschreibt auch die Schriftstellerin Maiken Nielsen in ihrem neuen Roman "Das siebte Werk" (Rowohlt Verlag, Hamburg). "Im Zusammenhang mit dem Tod können sehr komische Situationen entstehen. Das war mir vorher gar nicht so aufgefallen", sagt die Autorin, die für ihren historischen Roman intensiv über die Entstehung des Bestattungsgewerbes recherchiert hat. Die Arbeit an ihrem Buch hat die Hamburgerin von Grund auf verändert. "Ich fange jetzt an, meinen ja irgendwann einmal eintretenden Tod als Teil meines Lebens hinzunehmen", sagt sie. "Und ich empfinde ganz tiefen Respekt für Menschen, die im Bestattungsgewerbe tätig sind. Ein schwieriger, wichtiger, aber auch schöner Beruf."

Quelle: Carola Große-Wilde, dpa