Panorama

KZ-Ärzte von AuschwitzSS-Dokumente aufgetaucht

22.03.2010, 17:07 Uhr

In Polen entdecken Historiker bisher unbekannte Dokumente über SS-Medizinpersonal aus dem KZ Auschwitz. Die Sammlung betrifft Personen, die an den medizinischen Experimenten an den Häftlingen sowie an "Selektionen" der Juden vor ihrer Ermordung teilgenommen hatten.

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Auschwitz-Birkenau war das größte deutsche Vernichtungslager. (Foto: dpa)

65 Jahre nach dem Kriegsende sind in Polen bislang unbekannte Dokumente über SS-Medizinpersonal aus dem KZ Auschwitz aufgetaucht. Historiker fanden insgesamt 280 Dokumente über den berüchtigten KZ-Arzt Josef Mengele und andere hochrangige Nazis. "Es handelt sich insofern um eine wichtige Entdeckung, als die Namen auf den Dokumenten nicht einfachen SS-Leuten, sondern sehr bekannten Nazi-Verbrechern gehören", sagte Adam Cyra, ein Historiker der Gedenkstätte Auschwitz im Süden Polens. Dazu gehöre der Lagerarzt Mengele, der mit seinen menschenverachtenden Experimenten an Zwillingspaaren und anderen Häftlingen traurige Berühmtheit erlangte.

Mengeles Name war den Angaben zufolge auf zwei Papieren zu den Nahrungsmittelrationen der Lagerinsassen eingetragen worden. In einem Eintrag mit der Hand sei der KZ-Arzt offenbar falsch buchstabiert als "Dr. Josef Mergerle" erwähnt. Dennoch sei davon auszugehen, dass es in den Unterlagen tatsächlich um das SS-Mitglied Mengele gehe, sagte Cyra. Der KZ-Arzt war nach dem Zweiten Weltkrieg nach Lateinamerika geflohen, 1979 starb er bei einem Badeunfall in Brasilien.

Dokumente über KZ-Apotheker

Andere Dokumente betreffen laut Cyra den Chef-Apotheker des Lagers, Victor Capesius, der Häftlinge für pharmazeutische Experimente missbrauchte. Capesius selbst war auch an der Selektion von Häftlingen für die Gaskammern beteiligt und arbeitete eng mit Mengele zusammen. Er war 1965 im Auschwitz-Prozess zu neun Jahren Gefängnis verurteilt worden, kam aber bereits 1968 frei.

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Zunächst wurden in Auschwitz politische Gefangene aus Polen inhaftiert. (Foto: ASSOCIATED PRESS)

Auch Unterlagen über Capesius' Vorgänger Adolf Kroemer und den Arzt im Konzentrationslager Auschwitz III-Monowitz, Horst Fischer, wurden gefunden. In den neu entdeckten Dokumenten fänden sich Namen von Nazis wieder, "die eine entscheidende Rolle bei der Vernichtung der Juden in Auschwitz-Birkenau spielten, die sich um die Selektion der Juden, die Anwendung von Zyklon B kümmerten", erklärte Cyra.

Auf Dachboden gefunden

Die Sammlung soll auf dem Dachboden eines Wohnhauses in der Nähe des ehemaligen Konzentrationslagers in Oswiecim bereits vor 15 Jahren gefunden worden sein. Ein Hobby-Historiker erfuhr zufällig von dem Fund und überredete am vergangenen Freitag den Finder, die Dokumente zur Untersuchung zur Verfügung zu stellen. Der Finder, der anonym bleiben will, will aber die Originale behalten.

Das KZ Auschwitz war 1940 im besetzten Polen errichtet worden. Dort sowie im benachbarten Vernichtungslager Birkenau ermordeten die Nationalsozialisten bis Kriegsende 1945 mehr als 1,1 Millionen Menschen. Die meisten Opfer waren Juden.

Quelle: ghö/AFP/dpa