Gummitiere für AbgeordneteSaaldiener sind unabkömmlich
Während die Mehrzahl der Bundesbürger ihre Volksvertreter nur aus dem Fernsehen kennt, stehen die Saaldiener ihnen täglich gegenüber. Dabei sind Distanz und ein gutes Gedächtnis gefordert.
Wenn Birgit Engelke nach den Eigenheiten berühmter Politiker gefragt wird, lächelt sie nur verschwiegen. Dabei weiß die 46-Jährige als Saaldienerin im Bundestag besser Bescheid als viele andere. Seit fast zehn Jahren arbeitet sie im Parlament und sieht regelmäßig die Prominenz der deutschen Politik. Doch dann trägt Engelke ihr dunkelblaues Kostüm mit den goldenen Adlerknöpfen, ein dezentes Parfüm - und der Klatsch und Tratsch des Bundestags kommt nicht über ihre Lippen.
Distanz gehört zum Beruf. Ein "kumpelhafter Umgang" mit den Abgeordneten ist von den insgesamt 64 Saaldienern nicht erwünscht. Tattoos und Piercings dürfen sie auch nicht haben. Neben einem gepflegten Äußeren müssen Bewerber einen Hauptschulabschluss plus abgeschlossene Berufsausbildung vorweisen. "Manche Saaldiener waren vorher Maler, Kfz-Mechaniker oder Zahnarzthelferinnen", sagt Leiterin Brigitte Rubbel. Außerdem sind Kenntnisse übers Grundgesetz hilfreich.
Ein gutes Gedächtnis brauchen Saaldiener auch, um sich die Namen der 612 Abgeordneten zu merken. Zum Einprägen haben sie sich einen eigenen Katalog zusammengestellt, in dem die Farbfotos der Gesichter nach Fraktion und Geschlecht geordnet sind.
Kein Job für scheue Menschen
Edgar Dick ist gelernter Einzelhandelskaufmann und stand 1982 zum ersten Mal Politikern gegenüber, die er nur aus dem Fernsehen kannte. "In jungen Jahren musste man mich fast in den Plenarsaal hinein schieben", erinnert er sich. Die Scheu hat er mittlerweile abgelegt. Schließlich sind er und seine Kollegen unabkömmlich, da außer ihnen nur Abgeordnete und die persönlichen Referenten der Minister den Plenarsaal betreten dürfen.
Während der Sitzungswochen kontrollieren die Saaldiener die Eingänge zum Plenarsaal, sortieren Berge von Drucksachen, überbringen Unterlagen und tippen auf der Tribüne eingeschlafene Besucher wach. Dick und Engelke haben auch schon Knöpfe angenäht, Aspirin besorgt und Ersatzkrawatten organisiert.
Als nette Geste haben die Saaldiener vor vier Jahren zum ersten Mal Schüsseln mit Gummibärchen an die Eingänge zur Regierungs- und zur Bundesratsbank gestellt gegen den trockenen Hals der Abgeordneten. Aber nur die ganz kleinen, weil man offiziell im Plenarsaal nicht essen darf. Inzwischen füllen die Politiker die Schüsseln selbst auf. "An einem langen Donnerstag öffnen wir mehr als zehn Tüten. Das würde unseren Etat sprengen", sagt Engelke.
Mit Rita kamen die Frauen
In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg begannen die Saaldiener ihre Arbeit in Anzügen und grünen Armbinden mit der Aufschrift "Haus-Ordnungsdienst". Den Frack mit Schwalbenschwanz gibt es erst seit 1955. Bis zum Beginn der Amtszeit von Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth Ende der 80er Jahre war der Beruf eine Männerdomäne. Dick erinnert sich an Dienstbesprechungen, in denen die Saaldiener sich mit der Frage beschäftigten, wie man die Frauen einkleiden könnte. Die Wahl fiel auf ein Frackkostüm ohne Schwalbenschwanz. Heute sind mehr als die Hälfte aller Saaldiener Frauen.
Besonders gerne erinnert sich Dick an den 9. November 1989, als ein Kollege ihm ein Fax in die Hand drückte und sagte: "Das ist brandeilig!" Dick überreichte es der damaligen Bundestagsvizepräsidentin Annemarie Renger, welche die Nachricht vom Fall der Berliner Mauer verlas und sofort die Sitzung unterbrach. Die Abgeordneten sangen spontan die Hymne. "Für mich war es der emotionalste Moment in meiner Laufbahn", sagt Dick.
Von Heike Sonnberger, dpa