Blumen, Süßes, WodkaSo feiert Russland die Frauen

Frauentag in Russland - das ist ein rauschendes Fest. Männer kaufen Geschenke, Frauen lassen es bei Alkohol krachen. Um die Rechte der Frauen geht es bei den Trinksprüchen selten.
Russland verdankt auch der deutschen Frauenrechtlerin Clara Zetkin (1857-1933) einen seiner wichtigsten nationalen Feiertage: den Internationalen Frauentag am 8. März. Wenn Moskauer Kommentatoren an den von Zetkin vor 100 Jahren ins Leben gerufenen Tag erinnern, müssen sie jedoch feststellen, dass das Datum für den Kampf um die Grundrechte von Frauen seinen politischen Hintergrund verloren hat. Frauentag in Russland und den meisten Ländern der Ex-Sowjetunion - das ist ein rauschendes Fest, als ob im Westen Muttertag und Valentinstag auf ein Datum fallen würden. Männer kaufen Geschenke. Frauen lassen es bei Sekt und Wodka krachen.
Schon in den Tagen vor dem 8. März wimmelt es auf Moskaus Straßen von Menschen mit Blumensträußen. Am Kiewer Bahnhof etwa bevölkern Dutzende Blumenverkäufer die Bürgersteige. "Rosen, pralle frische rote Rosen, mein Herr!", rufen die meist aus dem Kaukasus stammenden Händler. Überall in der Stadt wittern sie das Geschäft des Jahres: Die Preise reichen von rund 1000 Rubel (25 Euro) für einen Blumengruß bis 200.000 Rubel (5000 Euro) für den 60-Kilogramm-Strauß aus 1001 Rosen.
Um die Rechte geht es selten
"Vom Betrieb gab's wie in jedem Jahr Blumen, Pralinen und ein nicht offizielles Essen für das Kollektiv", sagt die 51 Jahre alte Ingenieurin Olga. Sie liebt den 8. März dafür, dass er arbeitsfrei ist. Schon am Freitagabend, dem letzten Werktag vor dem langen Wochenende, knallten an vielen Arbeitsplätzen in Russland die Sektkorken. Um die Rechte der Frauen geht es aber bei den Trinksprüchen in den seltensten Fällen.
Die russische Bürgerrechtlerin Swetlana Gannuschkina kritisiert, dass etwa in der islamisch geprägten Teilrepublik Tschetschenien im Nordkaukasus Minderjährige zwangsverheiratet würden und oft ein Mann viele Frauen habe. Das seien klare Verstöße gegen die föderalen russischen Gesetze, sagte sie der Agentur Interfax.
Auch die Moskauer Zeitung "Nowyje Iswestija" zieht in ihrer Titelgeschichte "Ein Jahrhundert Frauentag", den die Sozialistin Zetkin 1910 auf dem Frauenkongress in Kopenhagen aus der Taufe hob, eine traurige Bilanz. In Russland gelte der 8. März nur noch als Feier des Frühlingsbeginns. "Die Mehrheit der Wünsche auf Gratulationskarten kreist um die soziale Rolle als Mutter, Ehefrau, Geliebte", zitiert die Zeitung die Soziologin Walerija Mikulina. Wünsche für "Erfolg im Beruf" hingegen seien selten.
Arbeitslosigkeit mit "weiblichem Gesicht"
Zwar sieht das größte Land der Erde, wo einst die Kommunisten den Internationalen Frauentag schon vor seiner Anerkennung durch die Vereinten Nation (1977) aufwerteten, viele Grundrechte erfüllt: wie etwa das Wahlrecht, das Recht auf höhere Bildung und den Schwangerschaftsabbruch. Doch klagen Experten, dass die Arbeitslosigkeit in Russland ein "weibliches Gesicht" habe und Frauen viel schlechter als Männer bezahlt würden. Sie bedauern auch, dass ungeachtet der einst starken Stellung der Frau im Sozialismus viele weibliche Bewerber von Berufen ausgeschlossen seien: unter anderem beim Fahren der Metro-Züge oder bei der Feuerwehr.
Bei diesen beruflichen Einschränkungen gehe es vor allem um die "staatliche Sorge", dass die schwere Arbeit auf die Gesundheit potenzieller Mütter Einfluss haben könne, schreibt "Nowyje Iswestija". Unterdessen erinnern in den russischen Städten auf Schritt und Tritt Plakate an den 8. März und das "schöne Geschlecht", wie es in Russland heißt. Immer wieder ist beim kritischen Nachfragen von den Frauen zu hören, dass doch eigentlich einiges erreicht und Grund zum Feiern sei. Vielleicht ist das so.
Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International lenkt zum Weltfrauentag jedenfalls das Augenmerk einmal auf andere Länder. So kritisiert die Organisation in einem aktuellen Bericht den Umgang mit Opfern sexueller Gewalt in den skandinavischen Ländern - Dänemark, Norwegen und Schweden - und Finnland, wo vergewaltigte Frauen oft von Polizei und Justiz im Stich gelassen würden. Viele Täter kämen auch in reichen Ländern wegen des Desinteresses von Politik und Gesellschaft ungestraft davon, sagte die Generalsekretärin von Amnesty in Deutschland, Monika Lüke. Deshalb warte noch viel Arbeit für die Regierungen in vielen Teilen der Welt.