Reich-Ranickis AbschiedSohn saß am Sterbebett
Während die literarische Welt um einen genialen Kritiker und Literaturversteher trauert, geht Andrew Ranicki der Tod von Marcel Reich-Ranicki auf ganz andere Weise nahe – er hat seinen Vater verloren. In einem Interview berichtet er von dessen letzten Stunden.
Zwei Tage nach dem Tod seines Vaters Marcel Reich-Ranickis hat sich dessen Sohn Andrew in einem Interview geäußert. Die letzten Stunden vor dessen Tod am Mittwochnachmittag habe er bei seinem Vater in einem Frankfurter Pflegeheim verbracht, erzählte er der "Bild"-Zeitung. Dorthin hatte sich Reich-Ranicki wegen seiner Erkrankung an Prostata-Krebs zurückgezogen. [kein Linktext vorhanden]
Auf Reich-Ranickis Nachttisch habe Rüdiger Safranskis neues Goethe-Buch "Kunstwerk des Lebens" gelegen. Allerdings bezweifelte Andrew Ranicki, dass sein Vater das Buch noch gelesen hat. Es gebe ja eine nette Anekdote über Thomas Mann, der in einem Brief an einen Autor dessen Buch überschwänglich lobte, so Ranicki.
Seine Tochter Erika sei darüber erstaunt gewesen, weil sie wusste, dass er es gar nicht gelesen hatte. Thomas Mann habe daraufhin gemeint, er habe aber immerhin 'Kontakt aufgenommen' zu dem Buch. "Ein wenig so war es mit meinem Vater und Safranskis Buch wohl auch."
Blick in ein besonderes Leben
Nach dem wichtigsten gefragt, was ihn sein Vater gelehrt habe, antwortete Ranicki, der einst als Andrzej Aleksander Ranicki im Londoner Exil seiner Eltern zur Welt kam: "Dass man das, was man tut, mit Überzeugung tun muss. Und zu seiner Überzeugung stehen sollte!" Von den zahlreichen Dichtern und Schriftstellern, die bei seinem Vater ein und aus gingen, blieb Ranicki besonders Siegfried Lenz in Erinnerung. Lenz sei immer besonders freundlich zu ihm gewesen. "Die meisten wollten ja mit meinem Vater sprechen und interessierten sich nicht für einen kleinen Jungen", sagt der heute 65-Jährige.
Abschiedsworte habe sein Vater nicht mehr gesprochen. "Nein, dazu war er schon zu schwach", sagte Andrew Ranicki. Diesem Umstand kann der Mathematikprofessor aus Edinburgh durchaus etwas Positives abgewinnen: "Immerhin wird es aber keine Legendenbildung geben wie bei Goethe, der angeblich 'Mehr Licht!' sagte, – und die Leute sich bis heute darüber streiten, ob er das im übertragenen Sinne meinte oder er einfach nur wollte, dass man die Fensterläden öffnet."
Er habe sich von seinem Vater verabschiedet, indem er ihn auf die Stirn geküsst habe, erzählte der Sohn. Reich-Ranicki war am Mittwoch im Alter von 93 Jahren gestorben.
Erbe wird verteilt
Den größten Teil seiner Bücher hinterließ der Literaturkritiker der Universität Marburg. Seit 2010 gibt es in Marburg eine "Arbeitsstelle Marcel Reich-Ranicki für Literaturkritik in Deutschland". Ihr Leiter, Professor Thomas Anz, kennt Reich-Ranicki über die gemeinsame Arbeit bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Über ihn sei der Kontakt zustande gekommen, berichtete Kaiser. Einen Tag nach dem Tod seines Vaters habe Andrew Ranicki Prof. Anz angerufen. "Wir haben das Erbe sehr gern angenommen", sagte Kaiser.
Nicht nach Marburg kommen Bücher mit persönlichen Widmungen: Diese gehen an das Deutsche Literaturarchiv in Marbach (Baden-Württemberg). Reich-Ranicki hatte dem Archiv bereits 2003 große Teile davon übergeben. Zum Nachlass zählen neben seiner Korrespondenz mit berühmten Autoren auch die signierten Bücher.