Panorama

Erdbebentrümmer und kaum Aufbau Spaziergang durch veränderte Landschaften

Pescara d Tronto 2.jpg

Der Ort Pescara d Tronto rutschte während des Erdbebens komplett ab.

(Foto: Andrea Affaticati)

Das Erdbeben am 24. August 2016 in den Randgebieten von Umbrien, Marken und Latium tötete Hunderte Menschen und zerstörte unzählige Gemeinden. Eine Wanderung entlang des Kraters zeigt noch immer verwüstete Dörfer, aber hie und da auch Lichtblicke.

Die Geschichte von Elena und Stefano ist die einer Liebe, die aus den Trümmern einer Tragödie entsprang. Stefano Cappelli ist ein stämmiger Mittfünfziger mit einem Vollbart, der ihn noch imposanter macht. Elena Pascolini ist um einiges jünger, kleiner und verschwindet regelrecht in der Umarmung ihres Mannes. Stefano und Elena betreiben die Berghütte Mezzi Litri im Herzen des Nationalparks Monte Sibillini, der sich über Umbrien und die Marken erstreckt. Es ist eine wunderschöne Landschaft, die sie umgibt. Auf den Almen weiden Rinder und Schafe, weiter unten liegen blühende Felder umsäumt von felsigen und dicht bewaldeten Berghängen.

IMG_1429.jpg

Stefano Cappelli und Elena Pascolini versuchen einen Neuanfang im nachhaltigen Tourismus.

(Foto: Andrea Affaticati)

Von hier aus gesehen erscheint einem die Welt in Ordnung. Doch der Schein trügt, denn man befindet sich inmitten eines Erdbebenkraters. Es war der 24. August 2016, 3.36 Uhr nachts, als ein Erdstoß der Stärke 6 die Randgebiete der mittelitalienischen Regionen Umbrien, Marken und Latium erschütterte. 299 Menschen starben, Tausende wurden obdachlos. Unzählige Dörfer, die seit Jahrhunderten das Landschaftsbild prägten, zerfielen zu Schutt. Dem ersten Beben folgten zwei starke Ende Oktober und dann noch eins Anfang Januar 2017.

Stefanos Haus und die Bäckerei in Arquata del Tronto wurden schon am 24. August stark beschädigt. "Die Bäckerei gab es seit 1958", erzählt er ntv.de. "Und als mein Vater einen Herzinfarkt erlitt, machte ich allein weiter." Elena stammt aus Ancona und ist Psychologin. Kennengelernt haben sie sich vier Tage nach dem Erdstoß. Elena war nach Arquata gekommen, um mit anzupacken. Dort traf sie auf Stefano. Es war Liebe auf den ersten Blick und so beschlossen sie, hier gemeinsam neu anzufangen.

Elena und Stefano hielten nach einer Berghütte Ausschau, wo sie leben und gleichzeitig mithelfen konnten, dieser Gegend wieder eine Zukunftsperspektive zu geben. Am Fuß des Monte Vettore fanden sie, was sie gesucht hatten. Die Aufgaben haben sie sich geteilt: Stefano führt die Wanderer auf Entdeckungsausflüge, Elena macht sich in der Küche zu schaffen. Verwendet werden ausschließlich lokale Produkte, das sei nachhaltiger und setze die Kreislaufwirtschaft in Gang. Elena und Stefano wissen, dass sie mit ihrem Unterfangen nicht die Welt ändern, aber immerhin machen sie etwas. Die Alternative wäre, tatenlos auf den Beginn des Wiederaufbaus zu warten. Gleich nach dem Erdstoß hatte der damalige Premier Matteo Renzi den Obdachlosen versprochen, man werde ihre Häuser und Ortschaften eins zu eins wieder aufbauen. Nur wann, hatte er nicht gesagt.

Wandern, um nicht zu vergessen

IMG_1382.JPG

Wenn man die zerstörten Orte hinter sich lässt, ist die Landschaft beeindruckend.

(Foto: Andrea Affaticati)

Um sich ein Bild der Lage zu verschaffen, kann man an dem alljährlich stattfindenden Solidaritätswandern "Cammino nelle Terre Mutate" (Spaziergang durch die veränderten Landschaften) teilnehmen. Der Rechtsanwalt Enrico Sgarella, heute Vorsitzender des Movimento Tellurico, rief die Aktion 2012 ins Leben. Sein Ziel war, die Öffentlichkeit auf den nach drei Jahren noch immer nicht begonnen Wiederaufbau von L'Aquila aufmerksam zu machen. Die Hauptstadt der Abruzzen war 2009 von einem starken Erdbeben heimgesucht worden. Der erste Cammino startete in Piazza del Popolo in Rom und verlief über 110 Kilometer bis nach L'Aquila. Sechs Tage waren die 40 Teilnehmer unterwegs. Nach den Erdbeben in Mittelitalien wurde die Route 2017 geändert: Das Ziel bleibt weiter L'Aquila, die Wanderung startet aber in Fabriano in den Marken, erstreckt sich über 257 Kilometer und dauert zwei Wochen.

Es genügt aber schon, an dem viertägigen Spaziergang von Norcia nach Castelluccio di Norcia und dann weiter nach Arquata del Tronto, Accumoli und Amatrice, also entlang des Kraters teilzunehmen, um den Stand der Dinge zu erfassen. So großartig einem die Natur hier im zentralen Apennin erscheint, so niederschmetternd ist der Anblick der noch immer in Trümmern liegenden Ortschaften, die man zu Fuß durchquert. Angefangen bei Castelluccio, das für seine im Frühling weiß erblühenden Linsenfelder bekannt ist. Der alte Ortskern hoch oben am Hügel ist noch immer eine rote Zone, in die man nicht hineindarf. Das neue Castelluccio befindet sich am Fuß des Hügels und ist wie alle anderen nach den Erdbeben errichteten Siedlungen aus Wohn- und Gewerbemodulen zusammengewürfelt. Eigentlich handelt es sich um provisorische Unterbringungen, nur: Wie lange ist provisorisch? Fra Carmelo, ein Franziskanermönch, der in Accumoli lebt, hat darauf keine Antwort: "Die Menschen hier ertragen ihr Schicksal mit großer Würde", bemerkt er gegenüber ntv.de. Doch Würde allein genügt nicht immer, um hier weiterzuleben. Kein Wunder, dass viele für immer weggezogen sind, vor allem die Jüngeren, die hier keine Zukunft sehen.

Das ganze Dorf rutschte den Hang hinunter

Wie sollte man sich auch eine Zukunft in Pescara del Tronto vorstellen? Die kleine Ortschaft, die zur Gemeinde von Arquata del Tronto gehört, ist nur mehr Schutt und Trümmer. 47 Menschen kamen hier ums Leben, eine kleine Gartenanlage erinnert an sie, am Zaun hängen T-Shirts, eins für jedes Opfer. Pescara del Tronto erstreckte sich entlang eines Hügels und ist beim Beben hinabgerutscht. Von oben erkennt man noch die Stiegen, die in die kleinen Gassen hinabführten. Links und rechts sieht man die Grundmauern der Häuser. Und überall stehen noch Hausskelette, man schaut direkt auf Betten, Badezimmer, Küchen. Stumme Zeugen des Unglücks.

Aber wann und wie soll es endlich weitergehen? Vor ein paar Monaten wurde ein neuer Sonderkommissar ernannt, der aus den Abruzzen kommt und weiß, was es bedeutet, unter diesen Umständen zu leben. Vielleicht beginnt mit ihm wirklich der Wiederaufbau. Er wird aber lange dauern, in L'Aquila ist er nach elf Jahren noch nicht beendet. Und so krempelt jeder, der will und kann, die Ärmel hoch. "Was wir Bewohner hier sofort machen können, ist, einen langsamen Tourismus aufzubauen, der die Ressourcen der einzelnen Gemeinden nutzt und bündelt", sagt Chiara Caporicci, die zusammen mit anderen in der Gemeinde Ussita den Verband C.A.S.A. gegründet hat. In dem Akronym steckt die Frage: Was geschieht, wenn wir wohnen? (Cosa succede se abitiamo?) Es ist dasselbe Projekt, das Stefano und Elena mit ihrem Verband Mezzi Litri verfolgen. Man kann ihnen allen nur wünschen, dass sie Erfolg haben.

Quelle: ntv.de