Panorama

Erdrosselt und verscharrtTodesfall Brieger vor Gericht

06.03.2012, 17:01 Uhr
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Schweigen hinterm Aktendeckel: der Angeklagte. (Foto: dpa)

Fast 30 Jahre nach dem gewaltsamen Tod von Lolita Brieger in der Eifel beginnt der Prozess gegen ihren mutmaßlichen Mörder. Doch der schweigt. Parallel wünscht sich ein ganzes Dorf, dass endlich die Wahrheit auf den Tisch kommt.

Mit gefesselten Händen hält er sich einen roten Aktendeckel vors Gesicht. Regungslos lässt der Angeklagte im Mordfall Lolita Brieger das Blitzlichtgewitter über sich ergehen, das ihn zu Beginn seines Prozesses am Landgericht Trier erwartet.

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Lolita Brieger zum Zeitpunkt des Verschwindens (Polizeifoto). (Foto: picture alliance / dpa)

Das mutmaßliche Verbrechen liegt lange zurück - fast 30 Jahre. Im November 1982 soll der heute 50 Jahre alte Landwirt aus Scheid seine schwangere Ex-Freundin Lolita Brieger aus dem Nachbarort Frauenkron in Nordrhein-Westfalen ermordet haben - erst mit Eisendraht erdrosselt und dann auf einer Müllkippe verscharrt. Am Dienstag holte die Vergangenheit den Eifeler ein.

Wie eine dunkle Wolke schwebte das Verbrechen fast drei Jahrzehnte lang über dem knapp 200-Einwohner-Ort Frauenkron. Immer wieder war das Verschwinden der 18-jährigen Brieger Gespräch im Dorf, sagt Ortsbürgermeister Richard Bistritz. "Die Bürger möchten, dass der Fall jetzt komplett aufgeklärt wird." Und fügt hinzu: "Damit endlich Ruhe einkehrt." Auch Mutter Hildegard Brieger ist froh, dass der Prozess begonnen hat. "Endlich ist es soweit", sagt die 80-Jährige. Der Auftakt wurde auch in der Eifel aufmerksam verfolgt.

Der Täter, die auf einer früheren Müllhalde entdeckte Leiche und die betroffene Brieger-Familie - alle sind im Umkreis von ein paar hundert Metern ganz nah beieinander gewesen. Aber der Einzige, der das Geheimnis um Lolita Brieger möglicherweise lüften könnte, schweigt. Auch im Prozess will der angeklagte Landwirt nichts zu den Vorwürfen sagen.

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Am Fundort der sterblichen Überreste. (Foto: dpa)

Laut Anklage hat er die junge Frau umgebracht, weil sie seiner Ansicht nach von ihrem sozialen Stand her nicht zu seiner reichen Familie passte. Der Vater war deswegen gegen die Beziehung. "Damals heiratete man von Hektar zu Hektar", sagt Triers Oberstaatsanwalt Ingo Hromada. Als "Gesindel" und "Leute, die nix gelernt haben" sei die Brieger-Familie damals beschimpft worden, sagt Staatsanwalt Eric Samel.

In Frauenkron kann man es kaum glauben, dass der Landwirt ein Mörder sein soll: "Er ist nie negativ aufgefallen und überall geschätzt", sagt Bistritz. "Wenn es so sein sollte, dass er es war, dann werden die Menschen im Umkreis von 30 Kilometern sehr enttäuscht von ihm sein." Adrett gekleidet ist der Bauer, als er auf der Anklagebank Platz nimmt. Er trägt Anzug und Weste, darunter weißes Hemd und Krawatte. Ohne Bewegung lauscht er der Anklage.

"Man kennt ja alle Seiten gut", sagt Bistritz. Lolita habe gerade mal 50 Meter unterhalb seines Hauses, der mutmaßliche Täter etwa 150 Meter oberhalb gewohnt. Und der Zeuge, der im September 2011 den Fall entscheidend ins Rollen gebracht hat, wohnte zeitweise dem Ortsbürgermeister genau gegenüber. Der Zeuge hatte die Ermittler zum Leichen-Fundort geführt, weil er dem Täter damals bei der Beseitigung der Toten geholfen haben will.

Immer wieder beschäftigt hat der Fall Brieger auch die Trierer Staatsanwaltschaft. "Wir haben die Akte in regelmäßigen Abständen aus dem Keller geholt, ohne aber neue Erkenntnisse zu bekommen", sagt Triers Leitender Oberstaatsanwalt Jürgen Brauer. Die Vermutung, dass es jemand aus dem Ort oder Umfeld gewesen sein könnte, gab es immer. Und dass es Mitwisser gibt.

"Dass es nach fast 30 Jahren überhaupt noch zu einem Prozess kommt, ist schon ein großer Erfolg", sagt Brauer. Auch, wenn es sehr schwierig werde, dem Angeklagten Mord nachzuweisen. Nur dann könnte er verurteilt werden, weil andere Straftaten wie etwa Totschlag längst verjährt wären. Der Prozess geht bis Anfang Mai.

Und dennoch: "Selbst, wenn es zu keiner Verurteilung kommt, war die Arbeit wichtig", sagt Brauer. Denn durch den Fund der Leiche von Lolita Brieger hätten wenigstens die Angehörigen Gewissheit bekommen - und ihre Tochter und Schwester würdig begraben können. "So ist Lolita Brieger nicht auf der Müllkippe verscharrt geblieben."

Quelle: ntv.de, dpa