Panorama
Montag, 09. März 2009

Ein Staat geht unter: Tuvalu versinkt im Meer

Von Gudula Hörr

Auch das Paradies ist endlich. Gerade mal 20 bis 50 Jahre bleiben ihnen noch, den Inseln von Tuvalu. Dann wird der Zwergstaat vom Pazifischen Ozean verschluckt sein - der wohl erste Staat der Welt, der nicht durch Kriege, sondern durch den Klimawandel untergeht.

Bislang war das Leben auf den gerade mal 26 Quadratkilometer großen Inseln beschaulich. Vergessen vom Rest der Welt, liegen die vier Inseln und fünf Atolle im Ozean hingesprenkelt zwischen Hawai und Australien. Erst seit 2002 gibt es hier überhaupt asphaltierte Straßen, acht Kilometer. Das Parlament besteht aus gerade 15 Mitgliedern, eine Armee existiert nicht, Staatsoberhaupt der ehemaligen britischen Kolonie ist immer noch Queen Elizabeth II. Höchstens 100 Touristen ? und das meist offizielle Besucher der Regierung - verirren sich auf die Inselkette. Die meisten Bewohner leben von Fischfang und Landwirtschaft - wie einst ihre Vorfahren, die vor etwa 2000 Jahren die Inseln besiedelten. Jeder wird satt. "DieTuvaluer wissen wie man das Leben genießen kann, ohne von Geld abhängig zu sein", meint der japanische Fotograf Shuuichi Endou, der seit Jahren regelmäßig die Inseln besucht.

Bekannt wurde Tuvalu bislang vor allem dadurch, dass es die Internet-Adresse ".tv" zugewiesen bekam. Das Land verkaufte die begehrte Domain für 50 Millionen US-Dollar - und konnte sich dafür die Aufnahmegebühr für die Vereinten Nationen leisten. Wie lange es allerdings UN-Mitglied bleiben kann, ist höchst fraglich.

Dem Klimagremium der Vereinten Nationen ( IPCC) zufolge könnte der Meeresspiegel bis zum Ende des 21. Jahrhunderts um 59 Zentimeter ansteigen. Sollte es soweit kommen, würde dies das sichere Ende der Inselgruppe bedeuten. Stündlich werden die Wasserstände im Hafen der Hauptinsel Funafuti gemessen und an das Auswertungszentrum der Universität Adelaide in Australien übermittelt. "Aus den langfristigen Messreihen kann man ablesen, dass der Meeresspiegel durchschnittlich fünf bis sechs Millimeter pro Jahr ansteigt", beklagt Tuvalus Klimaforscher Tauala Katea.

Kleinere Inseln schon überspült

Die höchste Erhebung der malerischen Inseln ist gerade fünf Meter hoch. Durchschnittlich liegen die Atolle, die vielfach kleine Lagunen einschließen, zwei Meter über dem Meeresspiegel. Schon jetzt sind etliche kleinere Inseln, auf denen man vor 20 Jahren noch zwischen Palmen spazieren gehen konnte, vom Meer überspült.

Immer wieder müssen die rund 12.000 Bewohner der Inseln mit Überschwemmungen und schweren Stürmen kämpfen. Das Land erodiert, der Boden und das Grundwasser versalzen, was gerade für tief verwurzelte Pflanzen wie Kokosnüsse und die Wasserbrotwurzel Taro fatal ist. Der Anbau von Lebensmitteln wird zunehmend schwieriger. Immer mehr Nahrungsmittel müssen importiert werden. Für die Tuvaluer sind dies düstere Zukunftsaussichten. Rund 5000 sind bereits in den vergangenen Jahren emigriert.

Die verbliebenen Tuvaluer fotografiert nun der Japaner Endou, Gründer der NGO "Tuvalu Overview". Er will damit weltweit auf das Leben und die bedrohte Existenz der Tuvalu-Bevölkerung aufmerksam machen und dem Klimawandel ein Gesicht verschafften. Bereits jetzt hat Endou mehr als 1000 Bewohner der Inseln Nukulaelae und Niuato aufgenommen und deren Träume und Pläne protokolliert. "Tuvaluaer sind jeden Tag glücklich. Ich weiß nicht ob wir jeden Tag glücklich sind. Es wäre fürchterlich, wenn Tuvalu im Meer versinken würde wegen des CO2-Ausstoßes durch unser unglückliches wirtschaftliches Leben", beklagt der ehemalige Architekt, für den der Einsatz für die Inseln inzwischen zur Lebensaufgabe wurde. Indem er die Gesichter der Insulaner zeigt und ihre Geschichte erzählt, hofft er , dass die westliche Welt zweimal über ihren Lebensstil nachdenkt und er so mit dem Projekt noch die Zukunft der Insulaner und unsere retten kann.

Kampf gegen die Zeit

Doch auch Endou weiß: Es ist ein Kampf gegen die Zeit. Die Regierung von Tuvalu richtete für ihre gesamte Bevölkerung im Jahre 2001 vorsorglich ein Asylbegehren an Neuseeland. Andere Pläne wie die des aus Tuvalu stammenden Wissenschaftlers Don Kennedy sehen vor, die Bevölkerung geschlossen auf die Fidschi-Insel Kioa umzusiedeln. "Wenn die Kultur unseres Inselstaates weiterleben soll, müssen die 9.000 Tuvaluer gemeinsam nach Kioa umziehen", so Kennedy. Die Kosten für einen solchen Umzug sollten die Industriestaaten als Verursacher der Klimaerwärmung übernehmen.

Doch selbst wenn den Tuvaluern ein solcher Umzug gelingen würde, bleibt das Grundproblem. Die Erde wird wärmer. Die Tuvalu-Inseln versinken im Meer. Auch anderen kleinen Inselstaaten wie Kirabati, den Marschall-Inseln und den Malediven bleibt nicht mehr viel Zeit.

Quelle: n-tv.de

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