Panorama

Junge Männer als Zwangsarbeiter Verschleppt und versklavt in China

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Vor zwei Jahren machte ein riesiger Skandal um Sklavenarbeit in China international Schlagzeilen.

(Foto: REUTERS)

In einer Fernsehdokumentation über massenhafte Zwangsarbeit in China hat Hu Xiaojiao plötzlich ihren seit langem vermissten Sohn entdeckt: als Arbeitssklaven in einer zentralchinesischen Ziegelei. Seit zwei Jahren hatte die Fabrikarbeiterin ihren damals 26-jährigen Sohn zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr gesehen. "Ich eilte sofort zu der Fabrik, aber mein Junge war nicht mehr dort. Ich bin sicher, dass sie ihn an einen anderen Ort verschleppt haben. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört", sagt die kleine resolute Frau mit erregter Stimme.

Hu gehört zu einer Gruppe von Eltern aus Henan, einer Provinz im östlichen Zentralchina. Seit vor zwei Jahren ein riesiger Skandal um Sklavenarbeit international Schlagzeilen machte, reisen sie durch die Volksrepublik und suchen verzweifelt nach ihren vermissten Kindern. Sie sind überzeugt, dass die jungen Männer entführt und als Zwangsarbeiter an Ziegeleien und Minen verkauft wurden. Schockierende Fernsehbilder zeigten 2007, wie verschleppte Männer in tausenden Fabriken und Bergwerken unter miserablen Bedingungen zur Arbeit gezwungen wurden.

Suche in Eigenregie

In einer heruntergekommenen Mietwohnung in der Provinzhauptstadt Zhengzhou erzählt Hu, wie sie sich - getarnt als Arbeitsuchende - bereits in unzählige Ziegeleien eingeschlichen hat und dort nach ihrem Sohn Ausschau hielt. "In manchen Fabriken sahen wir Männer mit langen Haaren, in zerrissenen Kleidern und ohne Schuhe. Manchen waren verletzt", berichtet Miao Lisong, dessen Sohn vor fünf Jahren im Alter von 25 Jahren verschwand. "Wir versuchten sie zu fragen, woher sie kamen, aber sie wagten nicht zu antworten. Ich habe gehört, dass sie geschlagen werden, wenn sie reden."

Die Väter und Mütter nahmen die Suche nach ihren vermissten Kindern selbst in die Hand, nachdem sie bei der Polizei nur auf untätiges Schweigen stießen. Viele der als Sklaven gehaltenen Arbeiter wurden den Berichten der Staatsmedien zufolge in Henan und in der benachbarten Provinz Shanxi verschleppt - teilweise mit Billigung der örtlichen Behörden und Sicherheitskräfte. Nach einer groß angelegten Regierungskampagne wurden laut offiziellen Angaben rund 600 Sklavenarbeiter befreit, doch viele werden noch in den Fängen ihrer kriminellen Arbeitgeber vermutet.

Betrügerische Hoffnung

Manche Fabriken verwehren den Eltern den Zugang, doch bei ihren Ermittlungen auf eigene Faust stoßen die Mütter und Väter auch auf verheißungsvolle Spuren. Auf einer Reise nach Shanxi habe er in drei Fabriken mit Arbeitern gesprochen, die seinen Sohn gesehen hätten, sagt Miao. Allerdings wecken auch Betrüger manchmal falsche Hoffnung. Ein angeblicher Augenzeuge in der östlichen Stadt Hangzhou, der seinen Sohn in einer Suchanzeige im Internet erkannt haben wollte, forderte vor einem ersten Treffen Geld, berichtet Miao. Erst als er ihm 100 Yuan (zehn Euro) überreicht hatte und nichts mehr von ihm hörte, erkannte der verzweifelte Vater, dass er einem Hochstapler aufgesessen war.

Hunderte Eltern in Henan suchen noch nach ihren Söhnen, doch viele haben ihre Hoffnung bereits verloren. Hu und Miao jedoch wollen mit ihren Mitstreitern weiter um ihre Kinder kämpfen - auch wenn die Chancen mit der Zeit immer weiter sinken. Miao appelliert an die Regierung: "Sie muss hart durchgreifen, wenn örtliche Behörden und kriminelle Unternehmer unter einer Decke stecken", fordert er. "Solche schrecklichen Fabriken kommen nur durch, wenn sie von offizieller Seite gedeckt werden."

Quelle: ntv.de, Marianne Barriaux, AFP