Landschaft erleben auf La PalmaWandern im Herzen der Kanaren

Urwüchsiger Lorbeerwald wechselt sich ab mit bäuerlich geprägter Kulturlandschaft, vulkanisch karges Hochgebirge mit endlosen Bananenplantagen. Die nordwestliche Kanareninsel La Palma ist durchzogen von einem dichten Netz gut ausgeschilderter Wanderwege.
Unablässig treibt der Seewind Wolken in den Talkessel. Wie in einem gigantischen Kochtopf verdichten sie sich dort, wirbeln nach oben und hüllen die umliegenden Bergkämme in einen Nebelschleier. Mehr als 2000 Meter hoch ist der Rand der "Caldera de Taburiente" auf La Palma. Bergwanderer blicken von hier oben auf den Überrest eines einst 4000 Meter hohen Vulkans.
Die nordwestliche Kanareninsel gilt als Wanderparadies: Wie ihre sechs Schwestern ist sie sehr bergig, anders als etwa Lanzarote oder Teneriffa jedoch von üppiger Vegetation bedeckt. Verlaufen kann sich hier niemand - ein dichtes Netz gut ausgeschilderter Wanderwege durchzieht die herzförmige Insel.
Geringe Entfernungen, beschwerliche Anstiege
Die Entfernungen jedoch täuschen: Zwar liegen in der Luftlinie zwischen Südspitze und Nordküste nur knapp 48 Kilometer. Dabei sind jedoch Höhenunterschiede von vielen hundert Metern zu bewältigen, so dass die Pfade sich in endlosen Serpentinen durch die Berge schlängeln. Urwüchsiger Lorbeerwald wechselt mit bäuerlich geprägter Kulturlandschaft, vulkanisch karges Hochgebirge mit endlosen Bananenplantagen.
Die rund 90.000 Einwohnern der 700 Quadratkilometer großen Insel leben überwiegend von der Landwirtschaft und vom Tourismus. Rund 18.000 Palmeros leben in der Hauptstadt Santa Cruz. Die Hafenstadt ist für jeden Reisenden die erste Station. Im Jahr 1493 von den Spaniern gegründet, wuchs sie durch den blühenden Handel mit Amerika. Zucker und Wein gingen von hier aus in die spanischen Kolonien, zurück kamen Gold, Silber und Gewürze. Das lockte auch die Piraten an: 1553 wurde Santa Cruz niedergebrannt, anschließend jedoch im Renaissance-Stil umso schöner wieder aufgebaut.
"Schönster Platz der Kanaren"
Ein Bummel durch die Altstadt führt vorbei an säulengeschmückten Adelspalästen und schmalen Kaufmannshäusern. Die Hauptstraße "Calle Real" mündet auf die dreieckige Plaza de España, die als "schönster Platz der Kanaren" gilt. Die leichten Säulen des Renaissance-Rathauses beherrschen die eine Seite des Platzes, die gegenüberliegende wird von der Iglesia de El Salvador mit einem Glockenturm aus schwarzem Vulkangestein beherrscht. Hohe Palmen säumen den Platz, Tauben flattern um das Denkmal des liberalen Priesters Manuel Díaz Hernández.
Schnell wäre das Zentrum der 18.000-Einwohner-Stadt durchschritten - gäbe es nicht überall kleine Cafés und Restaurants. Aber dann ist der Stadtrand doch erreicht. Als Kuriosität liegt hier ein originalgetreuer Nachbau der "Santa Maria", des Flaggschiffes von Kolumbus, unweit der Küste auf dem Trockenen: Es beherbergt ein Schifffahrtsmuseum.
Von der Hauptstadt aus führt eine Straße durch Tunnels und über Pässe in den Westen der Insel: Um die andere Küste zu erreichen, muss die Cumbre Nueva überquert werden. Der bis zu 1800 Meter hohe Gebirgszug teilt die Insel in eine oft wolkenverhangene Ost- und eine überwiegend sonnige Westhälfte. Der Blick von den Bergen ist grandios.
Observatorium auf dem Gipfel
Um auf den 2426 Meter hohen Roque de Los Muchachos am Rand der Caldera zu gelangen, muss sich dabei niemand besonders anstrengen: Eine asphaltierte Straße führt direkt bis auf den Gipfel. Was zunächst wie eine Maßnahme für fußfaule Touristen aussieht, hat einen wissenschaftlichen Hintergrund - auf dem Gipfel des Berges blicken Forscher von einem Observatorium in den Weltraum. Als die kugeligen Bauten Mitte der achtziger Jahre gebaut wurde, musste mit einem Spezialtransporter der tonnenschwere Spiegel auf den Berg verfrachtet werden.
Nachts erschließt sich jedem Besucher sofort, warum sich die Astronomen ausgerechnet La Palma als Arbeitsplatz wählten: Anders als in Europa ist der Nachthimmel hier draußen auf dem Atlantik ungewöhnlich klar. Kein Streulicht stört das samtene Schwarz mit den Abermillionen Sternen. Damit das so bleibt, herrscht auf der Insel ein strenges Licht-Management. Nur sparsam sind die Straßen beleuchtet, und rund um den Berg mahnen Schilder den Autofahrer: Fernlicht verboten.
Tagsüber bietet der Roque de Los Muchachos aus mit etwas Glück einen Blick weit über die Insel, bevor wieder Wolken den Berg umhüllen. Wem es dann zu kalt wird, der fährt zurück nach unten an einen der Strände: Von knapp 2500 Meter bis auf Meeresniveau sind es nur 20 Minuten. Zwar ist La Palma nicht reich an Badestellen, die Steilküste verhindert oft den direkten Zugang zum Meer. Die wenigen Strände sind jedoch oft ausgesprochen reizvoll - und dabei selten überlaufen. Schwarz wie frischer Asphalt liegt etwa der Strand von Puerto de Tazacorte in der Sonne.
Vulkanischer Ursprung
Wie die ganze Insel ist auch der Sand vulkanischen Ursprungs. Dahinter leuchten die bunten Fassaden des ehemaligen Fischerdörfchens an der Westküste, das inzwischen weitgehend vom Tourismus lebt und auf der ganzen Insel für seine Fischrestaurants berühmt ist. Gleich neben dem Ort ragt eine steile Felswand in die Höhe, in der sich im Zickzack ein Pfad windet. Denn wie an viele Stellen der Insel führen auch zum Strand zwei Wege: eine gut ausgebaute Autostraße und ein Wanderweg. Nach dem schweißtreibenden Abstieg zum Strand erfrischt ein Bad im Meer und anschließend gebratener "bacalao" (Kabeljau) oder "merluza" (Seehecht) mit Blick auf die Sonne, die im Ozean versinkt.
In den sechziger Jahren waren es vor allem Aussteiger, die La Palma entdeckten. Die Insel lag lange im Schatten der reichen Schwestern Gran Canaria und Teneriffa und galt als Armenhaus Europas. Vom 19. bis noch zur Mitte des 20. Jahrhunderts verließen viele Palmeros ihre Dörfer und wanderten aus. Die Ursprünglichkeit der Insel zog Alternativ-Reisende an, die sich verlassene Bauernhäuser ausbauten und oft eine dauerhafte Existenz auf La Palma aufbauten.
Aussteiger der ersten Stunde
Auf dem Markt von Argual nahe der "heimlichen Inselhauptstadt" Los Llanos treffen sich noch heute zweimal im Monat die Aussteiger der ersten Stunde und bieten Kunsthandwerk an - aber auch alte Bücher, altes Mobiliar und Geschirr oder indische Räucherstäbchen. Beim Schlendern zwischen den Marktständen und selbst gebauten Wohnmobilen wird schnell klar: Hier wird ausschließlich deutsch gesprochen - und alle sind gleich beim Du und tauschen Tipps zu alternativen Pensionen, Naturkostläden oder Wanderrouten aus.
Ganz anders dagegen der Bauernmarkt von Mazo im Osten der Insel: Hier bietet sich den Sinnen die ganze Vielfalt der palmerischen Küche: Käse und Brot, aber auch Gemüse, Süßigkeiten und Früchte sind erhältlich - und natürlich der palmerische Wein, vom süßen "vino dulce" bis zum harzigen "vino de tea".
La Palmas Vulkane sind immer noch höchst aktiv: Die Südspitze der Insel etwa ist bis heute vom Ausbruch des Vulkans Teneguía 1971 geprägt. Seine Lavaströme hinterließen eine spärlich bewachsene Mondlandschaft, die völlig im Kontrast zum Rest der grünen Insel steht. Auch der Teneguía ist eine Wanderung wert, die mit einem Gipfelerlebnis besonderer Güte belohnt wird: Der Boden ist buchstäblich noch heiß unter den Füßen.