"Kann man nicht nachvollziehen"Warum essen Menschen Menschen?

Es ist unvorstellbar, dass Menschen aus purer Lust andere Menschen aufessen. Noch unvorstellbarer ist es, wenn das Opfer in die Prozedur einwilligt. Immer wieder gibt es jedoch genau solche Fälle. Was treibt Opfer und Täter an?
In Sachsen tötet ein Polizist einen anderen Mann, zerstückelt ihn. Auf Verlangen, behauptet er: Sein Opfer habe ihn dazu aufgefordert, er wollte verspeist werden. Wie genau die Tat ablief und was genau dahintersteckte, ist noch unklar. Sicher scheint aber, dass sich die beiden Männer in einem kannibalistischen Internet-Forum kennengelernt haben. Das weckt Erinnerungen an den Fall des "Kannibalen von Rotenburg": Im Jahr 2001 verspeiste Armin Meiwes Teile des von ihm offenbar auf Verlangen getöteten Jürgen Brandes.
Es gibt Notlagen, in denen es nachvollziehbar erscheint, wenn Menschen kurz vor dem Verhungern Teile anderer Menschen verzehren, um zu überleben. Doch von einer solchen Situation kann im Falle des Kannibalen von Rotenburg und auch im aktuellen Fall in Sachsen keine Rede sein. Vielmehr handelt es sich in diesen Fällen um Fantasien, die aus psychischen Störungen hervorgehen.
Was bringt Menschen dazu, einen anderen Menschen zu verspeisen - und was steckt dahinter, wenn Menschen gar den Wunsch äußern, sich verspeisen zu lassen? Zunächst: Es sind nur Einzelfälle, in denen solche Fantasien tatsächlich in die Tat umgesetzt werden. Rudolf Egg, Psychologe und Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden, sagt, es gebe mehrere hundert Leute, die kannibalistische Internetforen besuchen. Dass aber jemand tatsächlich zur Tat schreitet und das Fleisch von Menschen isst, passiere sehr selten. Schätzungen, wie viele Kannibalismus-Fälle im Dunkeln bleiben, gibt es offenbar keine.
Was Menschen erzählen, die solche Fantasien hegen, klingt unfassbar. Alexander B., der sich nach Angaben der "Bild"-Zeitung vor dem Mord mit dem inzwischen in U-Haft sitzenden sächsischen Polizisten traf, sagte dem Blatt: "Auch ich wollte gegessen werden." Es sei die einzige Möglichkeit gewesen, spurlos zu verschwinden. Dem Entschluss sei ein Streit mit seinen Eltern vorangegangen. "Ich wollte mich als Spießbraten zubereiten lassen", sagte er weiter. Die Schwierigkeit dabei sei, dass das Opfer nicht zu früh ablebe. "Es soll ja noch merken, wie es zubereitet wird." Der Polizist habe sich jedoch geweigert, ihn zu essen - er sei zu jung dafür. Inzwischen will der Mann dem Bericht zufolge nicht mehr gegessen werden, er lebt nun mit seinem neuen Freund zusammen.
"Schutz des Mutterleibes"
Solche Gedanken kommen keineswegs aus dem Nichts, sagen Experten. Die Kriminologin Petra Klages sagte der "Bild", dass die Ursachen häufig in der frühen Kindheit lägen. Es gebe - bei Opfern wie Tätern - Ereignisse, die zu Störungen der sexuellen Präferenz führen könnten. Massive Gewalterfahrungen, brutale Schläge oder sexueller Missbrauch - all dies könnten Ursachen für solche Fantasien darstellen. Klages: "Der Wunsch des Opfers, gegessen zu werden, entspringt einem inneren Verlangen, in den Schutz des Mutterleibes zurückzukehren."
Klages, die vier Jahre lang den "Kannibalen von Rotenburg" therapeutisch begleitete, stellt dem Bericht zufolge zudem Parallelen zwischen dem jetzigen Fall und dem in Rotenburg her. In beiden Fällen hätten sich Täter und Opfer im gleichen Forum kennengelernt und es habe über einen längeren Zeitraum hinweg Kontakt gegeben. Beide Täter hätten bestimmte Körperteile abgetrennt und begraben. Und beide Male sei das Opfer durch einen Stich in den Hals getötet worden, wie man auch Schlachttiere ausbluten ließe. "Das deutet darauf hin, dass er sein Opfer tatsächlich essen wollte", so die Therapeutin mit Blick auf den aktuellen Fall.
Klages betont jedoch auch, dass Gewalt in der "Kannibalen-Szene" sehr selten sei. Der "Welt" sagte die Kriminologin, dass entsprechende Foren im Internet einerseits eine Möglichkeit böten, "die Neigungen zu kompensieren." Andererseits würden sie die Gefahr bergen, "dass sich Fantasien fixieren, dass die Teilnehmer mehr wollen." 99 Prozent der Foren-Teilnehmer befriedigen ihre Lust aber durch den Austausch über solche Fantasien, schätzt die Expertin.
Der Psychologe Rudolf Egg tut sich schwer bei der Einordnung von Kannibalismus-Fällen. Der "Frankfurter Rundschau" sagte Egg: "Dass jemand den Wunsch hat, Nähe zu einer anderen Person zu entwickeln und sich diese gewissermaßen symbolisch einverleiben möchte – das kann man noch nachvollziehen." Das sei sogar der Wesenskern einer romantischen Beziehung. "Aber hier geht jemand sehr viel weiter, indem er das Einverleiben wortwörtlich nimmt", so Egg weiter. "Das ist ein Quantensprung, den man nicht mehr nachvollziehen kann."