Panorama

Postschiffer Fiede Nissen Weihnachten auf der Hallig

"Moin, ich bin Fiede - jetzt aber rin in die Lore, der Kaffee wird kalt." Der Postschiffer ist ein echtes nordfriesisches Unikat und schippert, natürlich tideabhängig, die Post zu den abgelegen Halligen.

Erst müssen die Pakete verladen werden, ...

Die Pakete werden verladen.

Eingemümmelt in einen gelben Friesennerz wartet Fiede Nissen morgens um sieben am Leuchtturm von Dagebüll an der Nordseeküste. "Moin, ich bin Fiede", sagt der Mann mit dem blonden, bereits leicht gräulichen Rauschebart. "Jetzt aber rin in die Lore, der Kaffee wird kalt." Mit dem kleinen Eisenbahn-Waggon geht es zehn Kilometer quer durch die Nordsee - über einen 1900 errichten kleinen Damm. Angetrieben von einem Rasenmähermotor tuckert die Lore durch das Watt, es ist gerade Ebbe.

Vorne an der Lore wackelt im Fahrtwind ein Tannenzweig - es weihnachtet bei Deutschlands einzigem Postschiffer. Je nach Tide holt er die Post per Lore oder mit seinem Boot "Störtebekker" am Festland ab - und versorgt die Halligen Langeneß, Oland, Gröde und Habel an sechs Tagen pro Woche mit Briefen und Paketen. "Eigentlich dürfen wir nur 20 km/h fahren, aber mit Rückenwind sind wir schneller", sagt der 58-Jährige.

Selbst das japanische Fernsehen war schon da, um eine Story über das schrullige Original aus Nordfriesland zu drehen. Weil sein Job tidenabhängig ist, vertreibt sich Nissen die Zeit zwischen den Gezeiten mit einem ganzen Strauß an Nebentätigkeiten: "Ich bin stellvertretender Bürgermeister, Kurdirektor, Theatergruppenleiter, Vorsitzender des Friesenvereins, Vermieter von Ferienwohnungen, Landwirt, Friedhofswärter und Kuhlengräber, wenn einer auf der Hallig stirbt." Er ist hier bekannt wie ein bunter Hund.

Eigentlich würde da nur noch das Präsidentenamt beim örtlichen Fußballverein fehlen. "Ja", sagt Nissen, "aber wir kriegen hier keine elf Leute für ein Team zusammen." In Kindergarten und Schule gehen jeweils nur sechs Kinder. "Die Abwanderung der jungen Leute ist ein großes Problem."

Auf Langeneß enden die Schienen, die nur die Halligbewohner mit ihren Loren nutzen dürfen. Ein kleiner Prellbock bildet den "Bahnhof" von Langeneß, dem friesischen Wort für lange Nase. "Das ist unser Hauptbahnhof, bitte aussteigen", sagt Nissen. Weiter geht es mit seinem blauen Transporter durch die weiten Wiesen, die bei Flut überspült werden, zum Haus. Landeiern erklärt er den Unterschied zwischen Hallig und Insel mit knappen, prägnanten Worten, mal eben so im Vorbeigehen: "Eine Hallig wird überflutet, eine Insel nicht." Deshalb wohnen alle Halligbewohner auf kleinen Erhebungen, den Warften. Bei einer Sturmflut schauen nur noch Häuser und Höfe aus dem Wasser - im Halligjargon heißt das "Landunter".

Schon von Weitem leuchtet Nissens sattgrüne Warft weihnachtlich im Morgengrauen, am Holzschuppen erstrahlt ein Weihnachtsbaum. Es ist kalt - und absolut still. Tief lässt sich die salzige Meeresluft einsaugen, der schneidige Wind bläst über das der Nordsee abgerungene Land. Hier leben gerade mal 30 Familien auf 18 Warften, Langeneß ist mit 960 Hektar etwas kleiner als Deutschlands einzige Hochseeinsel Helgoland. Auf diesem Stück Land gibt es noch dreistellige Telefonnummern. Nissens Frau Lore wartet schon in der Küche mit duftendem Kaffee, geschnittenem Schwarz- und Weißbrot, Aufschnitt und Marmelade. Während draußen die Nordsee an der Hallig nagt, erzählt sie vom schlimmsten Heiligabend der Nissens.

24. Dezember 1977: Ihr Mann arbeitet gerade einige Monate im Postdienst, da ertrinkt er um ein Haar bei der Arbeit. Als eine schwere Sturmflut kommt, unterschätzt der junge Postbote die Kraft: Eine Welle schlägt über den schmalen Bahndamm, er schafft es mit der Lore auf dem Weg von Dagebüll nach Langeneß gerade noch so bis zur Nachbarhallig Oland, wo die Eltern wohnten. "Das war ein sattes Landunter", sagt der Postschiffer.

"Das war ein Scheiß-Weihnachten", sagt seine Frau Lore. "Ein Chaos hoch drei." Sie musste allein den Baum schmücken, "bei meinem technischen Sachverstand bekam ich natürlich die Lichterkette nichts ans Brennen". Essen musste gekocht werden, die beiden kleinen Kinder Kerstin und Thies quengelten. Erst um 23 Uhr konnte Fiede Nissen sein weihnachtlich erleuchtetes Haus erreichen. Die Kinder waren schon im Bett, der Heiligabend gelaufen. "Schöne Bescherung", sagen die Eheleute, die seit 36 Jahren verheiratet sind. "Hauptsache, Fiede hat überlebt, er hätte auch ertrinken können", fügt seine Frau hinzu.

"Daraus haben wir gelernt: Wir schmücken jetzt den Baum einen Tag vor Heiligabend." Die Frau mit dem grauen Pferdeschwanz und dem schlagfertigen Humor hat die Geschenke dieses Jahr bereits im November bestellt, schön verpackt liegen sie in einem Zimmer ihrer angrenzenden Ferienwohnung. Für Enkelkind Malte (6) gibt es Traktor- Bettwäsche, Lone (2) darf sich über eine Puppenstube freuen.

"Sicher ist sicher", begründet die 56-jährige Oma die frühe Bestellung. "Denn vor Weihnachten kann immer ein Landunter dazwischen kommen." Da es auf den Halligen Oland, Gröde, Habel und Langeneß keine Geschäfte gibt und der Weg zum Festland beschwerlich ist, bestellen die Familien seit Jahrzehnten ihre Geschenke bei Versandhäusern.

Ein klassischer Heiligabend bei Nissens sieht so aus: 17 Uhr Gottesdienst in der kleinen Halligkirche. "Um 18 Uhr ist damit Sense, dann gibt's erstmal Essen", sagt das Post-Original. Dieses Jahr gibt es Raclette. Zu lange dauern darf das Festmahl nicht: Malte und Lone wollen ihre Geschenke auspacken. "Die essen dann ratzfatz und sind schneller fertig, als Du denkst." Doch bevor Auspacken auf dem Plan steht, muss nach einer alten Tradition erstmal der Schlüssel zum Wohnzimmer gefunden werden. "Einmal hat ihn Fiede so versteckt, dass wir lange suchen mussten", erzählt Lore.

Im Flur hing damals ein großes Bild, in dem unterschiedliche Seemannsknoten befestigt waren. Nissen wickelte den Schlüssel in ein weißes Tau und befestigte den "falschen" Knoten mitten in dem Bild. "Das war fies von Fiede." - "Ich war der Weihnachtsmann, da kann ich auch nichts dran machen", erwidert er seiner Frau. Wenn der Schlüssel gefunden ist, wird gewürfelt. Wer eine Sechs hat, darf auspacken.

Lore Nissen wischt nach dem Frühstück die rot-orange-karierte Plastiktischdecke ab, während ihr Mann draußen auf dem Warfthügel die Friesenflagge hisst. Auf den Unterschied zwischen Flagge und Fahne angesprochen, gibt er eine Antwort, die keinen Widerspruch duldet: "Das hier ist ne Flagge, ne Fahne hast Du nur nach der Party."

In der Küche hängen bereits an einer Schnur über dem Fenster zahlreiche Weihnachtskarten, in diesen Tagen muss Fiede Nissen das Zehnfache an Post bewältigen. Am Festland in Dagebüll nimmt er täglich Dutzende Pakete in Empfang, ein Versandhaus aus Fürth ist besonders häufig vertreten. "Die ganzen Pakete passen kaum in meine Lore." Bei Wind und Wetter fährt er die Strecke - sofern es die Gezeiten erlauben.

Auch den Tannenbaum für die Familie hat er so geholt. "Ich sitze lieber im Cabrio", erteilt er einer Kabinen-Lore eine klare Absage. Dieses Jahr hat er sein 30-jähriges Postjubiläum gefeiert. "Ich bin selbstständig und nicht bei der Post angestellt. Deshalb nenne ich mich Postschiffer." Der Vertrag mit dem Bonner Unternehmen als "freier Mitarbeiter" verlängert sich jedes Jahr fast automatisch.

Wenn Nissen aus Dagebüll zurückkommt, macht er die "Störtebekker" los und bringt Post rüber zur Hallig Gröde. Auf dem Bötchen thront ein kleiner Tannenbaum mit roten Schleifen. "Es gibt hier keinen Zeitverzug, ein Paket aus München ist am nächsten Tag auf der Hallig." Die genaue Zeit der Zustellung ist aber von Flut und Ebbe abhängig. Jeden Tag muss er sich mit dem Briefträger von Langeneß, der die Post zu den einzelnen Warften bringt, absprechen, wann er vom Festland mit der Lieferung zurückkommt. Auf der Hallig gibt es wohl den einzigen gelben Briefkasten Deutschlands, wo bei den Leerungszeiten steht: "tidenabhängig." Die besondere Lage bringt noch ein anderes Phänomen zu Weihnachten mit sich. "Wir hatten hier bisher mehr Landunter als weiße Weihnacht."

Von Weihnachtsstress ist nichts zu spüren. Vor zwei Jahren war das Ehepaar auf dem Weihnachtsmarkt in Lübeck. "Das hat mir überhaupt nicht gefallen, das ganze Geschiebe, das war so voll", sagte Lore. Ihr Mann drängt, er will eine Hallig-Rundfahrt machen. In einen Blaumann gehüllt, eine blaue Friesenmütze auf, geht es zur Dorfkirche. Sie liegt natürlich auf der Kirchwarft. Mit Bürgermeister Boy Andresen liegt er ein wenig im Clinch, weil der auf allen offiziellen Schildern Warft ohne "t" schreibt. "Das ist eine Glaubensfrage. Aber ansonsten ist er in Ordnung."

Auf dem Kirchhügel liegt angespültes Treibsel, bis hierhin reichte die letzte schwere Sturmflut im November. "Bei der Sturmflut habe ich eine Flaschenpost gefunden, da war sogar Rückporto drin", erzählt Nissen, während er den goldenen Fischgriff zur roten Backsteinkirche runterdrückt. Das reetgedeckte Gotteshaus wurde 1894 gebaut, die Kirche, die zuvor hier stand, ist mit der Warft bei einer Flut untergegangen. An der Außenmauer ist ein Schild befestigt, das zeigt, wie hoch hier schon die Nordsee, der Blanke Hans, gewütet hat. Am 24. November 1981 wurde mit 4,73 über Normal Null der höchste Stand erreicht. Mit Hilfe der Europäischen Union sind in den letzten Jahren alle Warften erhöht worden, da der Meeresspiegel steigt. "Mehr als eine Million Euro kostet das pro Warft."

In der Mitte der kleinen Kirche baumelt ein dreimastiges rot-gelb- blaues Schiff von der Decke, die Rollen, durch die die Seile laufen, sind aus Bernstein. "Ein Geschenk für einen Halligmann, der nach langer Zeit erfolgreich vom Walfang zurückgekehrt ist", sagt Nissen. Am Pult hängt ein liafarbenes Tuch, auf dem in goldenen Lettern ein Spruch steht, der hier ganz besondere Bedeutung hat: "Ich bin bei Euch alle Tage". Nissen weist auf die besondere Funktion der Halligen hin: "Wir sind die Wellenbrecher für das Festland."

Rechts vom Altar steht auf einem Brett, das mit einem lilafarbenen Tuch ummantelt ist, eine schlichte Holzkrippe mit Maria, Josef, Ochs und Esel. "An Weihnachten ist die Kirche rappelvoll." Dann marschiert er nach draußen und schaut in seiner Funktion als Friedhofswärter auf dem Friedhof nach dem Rechten. 1962, nach der schweren Sturmflut, war die Ruhestätte toter Halligbewohner fast fortgespült worden. Viele Inschriften sind hier auf Plattdeutsch.

Zurück bei seiner Warft zieht Fiede Nissen um 13 Uhr wieder den gelben Friesennerz an. Es ist Zeit, um die Tagespost in Dagebüll abzuholen. An Bord hat er Weihnachtskarten und Geschenke der Halligbewohner für Freunde und Familie draußen, auf dem Festland. Er löst die Bremse der Lore und das monotone Rattern beginnt. Gestützt auf gelbe Postkisten und Pakete blickt er festgefroren auf die Nordsee. Schweigen, fast 30 Minuten lang.

In Dagebüll wartet Marianne Nahnsen mit ihrem Kombi, ein Paket nach dem anderen wandert in die Lore, dieses Jahr scheint ein reicher Geschenkesegen über den Halligen niederzugehen. Irgendwann sagt Fiede Nissen: "Nun ist aber gut, Anne, die Lore ist voll." Natürlich bekommt er alles irgendwie unter. "Bisher ist noch kein Brief und kein Paket in die Nordsee gefallen", verweist er auf ordnungsgemäßen Dienst in all den Jahren. Frühere Postschiffer sollen schon mal - wie Nissen es sagt - "den Kompass leer getrunken haben."

Quelle: ntv.de, Georg Ismar, dpa