Panorama

Trauer nach der Loveparade "Wir wollten nur Spaß haben"

Seit Jahren zieht das Spektakel die Menschen in Massen an. Auch in Duisburg, zur Loveparade 2010, geht die Zahl wieder in die Hundertausende. Doch diesmal ist alles anders: Auf der größten Party Deutschlands bricht im Gedränge plötzlich Panik aus. Augenzeugen berichten.

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Zahlreiche Helfer aus der ganzen Region waren eingeteilt - und sahen sich plötzlich einer Katastrophe gegenüber.

(Foto: APN)

Sonia K. sitzt noch Stunden nach der Massenpanik auf der Loveparade in dem Tunnel, der für viele Besucher der Open-Air-Party zur Todesfalle wurde. "Alles ging ganz schnell", schildert die 27-Jährige das Unglück, bei dem nach bisherigen Erkenntnissen 19 Menschen ums Leben kamen und 342 verletzt wurde. "Es waren Massen hier drin. Die Luft war zum Zerschneiden. Plötzlich fingen Leute an zu schreien." Von allen Seiten habe es Druck gegeben. "Da war plötzlich Panik. Die Leute fielen um." Vom vorderen Ende des Tunnels seien Menschen zurückgetaumelt, manche ganz schwarz vom Dreck, andere auf den Schultern von Freunden getragen. Viele hätten geweint. "Neben mir lag eine Frau auf dem Boden. Die hat ganz schnell geatmet. Es war schrecklich."

Im Staub des Tunnels liegen später leere Infusionsbeutel, Spritzen und goldfarbene Rettungsfolien, mit denen die Sanitäter die Verletzten eingehüllt hatten. Hier ein Schuh, dort ein Rucksack, daneben eine Sonnenbrille, Bierdosen und ein Meer an Plastikflaschen. Etwa 20 Meter breit und mehrere hundert Meter lang ist dieser Abschnitts des Tunnels an der Karl-Lehr-Straße: Durchfahrtshöhe 3,80 Meter. Doch für viele Besucher gab es kein Durchkommen. "Da war Drängelei, da war Panik. Später habe ich dann erfahren, dass Menschen ums Leben gekommen sind", sagte der 23-jährige Ömer aus Gladbeck, der noch vor der Massenpanik den Rückzug angetreten hatte.

Besorgte Familien rufen an

"Ich bin erschüttert", sagt Reinhold aus Duisburg, als er mit seinem Fahrrad und Bollerwagen weiter weg vom Tunnel durch eine Polizeisperre kommt. Seit dem Mittag habe er Pfandflaschen eingesammelt und habe von dem Unglück zunächst wie viele andere auch gar nichts mitbekommen. "Ich bin erschüttert, dass das so ausartet." Seine Familie habe ihn auf dem Handy angerufen und darüber informiert. "Ich sollte sofort nach Hause kommen." Er habe sie aber beruhigen können. Nach Hause gehe er noch nicht.

Das gilt für viele Jugendliche, die auch noch tief in der Nacht in den Seitenstraßen der Ruhrgebietstadt feiern. Aus den angrenzenden Kneipen und Wohnungen dröhnen die Beats, als wäre nicht geschehen. Menschen lachen, feiern, tanzen, trinken. Nur die immer noch heulenden Sirenen der Rettungswagen lassen ahnen, dass sich nicht weit entfernt eine Tragödie abgespielt hat. Aufgeputscht von den schnellen Beats der Techno-Musik, die Jungs zum Teil mit freien Oberkörper und die Bierdose im Griff, tanzen an einer Ecke Dutzende Besucher mitten auf der Straße. Nur mit Mühe kann sich ein Notarztwagen den Weg bahnen.

"Wir wollten nur Spaß haben"

Auch auf dem Gelände des alten Güterbahnhofs, dem eigentlichen Veranstaltungsort dröhnt noch lange die Musik. Der Krisenstab brach die Raver-Party nicht ab, um nicht eine weitere Massenpanik zu riskieren. Viele Besucher werden erst später erfahren, was sich unweit des Geländes im und um den Tunnel abgespielt hat.

Auch einer der größten Stars der Loveparade, DJ Westbam, fand sich unvermittelt mit dem tragischen Unglück konfrontiert. "Mein Flug hatte drei Stunden Verspätung, also bin ich gerade erst hier angekommen und völlig schockiert. Als ich mein Handy nach dem Flug angemacht habe, hatte ich schon 30 SMS, die mich über das Fürchterliche informiert haben", sagte die Berliner DJ-Größe der Zeitung "B.Z.".

Der schwere Gang zur Bühne

Er sei vollkommen durcheinander, beschrieb er seine erste Reaktionen vor dem Auftritt, der eigentlich als einer der Höhepunkte der Veranstaltung geplant war. "Ich weiß nun gar nicht genau, was ich jetzt tun soll. Der Veranstalter bittet mich, aufzulegen, da die Polizei ihn darum bittet. Es sind Menschen gestorben, nun können die die Stimmung und Aggression der Weiterfeiernden nicht einschätzen und wollen weiteres Unheil verhindern." Er mache sich Sorgen, "dass das weiter eskaliert".

Er würde nur "aus Disziplingründen" auflegen, gestand er ein. "Aber ich habe energetische Musik dabei, die denkbar schlecht zu der Situation passt. Das geht dann nicht", sagte er. Man müsse jetzt angemessene, leise Musik spielen, damit sich die Veranstaltung schnell und friedlich auflöse. "Es kann nicht sein, dass die Sache da nun weiter aufgepeitscht wird. Klar, die wummern auf Bitten der Polizei weiter, aber ich will es nicht, und ich kann es auch gar nicht."

"Fröhliches Miteinander von Menschen"

Dieses Konzept zumindest geht auf: Bei der Abreise Hunderttausender Besucher gibt es keine weiteren Zwischenfälle, berichtete ein Polizeisprecher Stunden später. Die Räumung des Geländes habe "reibungslos geklappt", hieß es am frühen Sonntagmorgen. Zu diesem Zeitpunkt hatte auch der Veranstalter die Liveübertragung der Loveparade im Internet längst beendet.

Wo vorher in bunten Farben Einzelheiten über Programm und Ablauf präsentiert wurden, fanden Besucher der Seite nur noch einen Hinweis in weißer Schrift auf schwarzem Grund: "Unser Anliegen, ein fröhliches Miteinander von Menschen durchzuführen, ist heute von den tragischen Unglücksfällen überschattet worden. Daher beenden wir den Livestream zur Loveparade. Unser aufrichtiges Beileid gilt allen Angehörigen und unsere Gedanken sind bei denjenigen, die derzeit noch versorgt werden müssen."

Im Tunnel, in dem es zum tödlichen Gedränge kam, sitzt Sonia K. noch Stunden nach dem Unglück. Sie versucht zu verstehen, was passiert ist. Bei ihr sind ihre Schwester und zwei Freunde. Sie umarmen sich. Sie sind mit dem Leben davon gekommen. "Wir sind doch heute nur gekommen, um Spaß zu haben."

Quelle: n-tv.de, dpa/rts

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