Panorama
Freitag, 05. Februar 2010

Jesuitenpater zieht Aussagen zurück: Wirbel um Judenvergleich

In einem Interview vergleicht der Jesuiten-Geistliche Eberhard von Gemmingen die Situation seines Ordens mit der Verfolgung der Juden. Kurze Zeit später zieht er die Äußerung als "unzutreffend" zurück. Derweil sehen im Missbrauchsskandal Experten keine Möglichkeiten für Betroffene, Schadensersatz geltend zu machen.

Unglücklicher Vergleich: Pater von Gemmingen.
Unglücklicher Vergleich: Pater von Gemmingen.(Foto: picture alliance / dpa)

Jesuitenpater Eberhard von Gemmingen hat einen Vergleich seines Ordens im aktuellen Missbrauchsskandal mit der Judenverfolgung gezogen und diesen Vergleich anschließend wieder zurückgezogen. Von Gemmingen hatte sein Interview mit der "Heilbronner Stimme" schriftlich autorisiert, die entsprechende Passage nach deren Bekanntwerden jedoch wieder streichen lassen. Die Zeitung hatte das komplette Interview bereits auf seiner Webseite veröffentlicht.

Er wolle den Vergleich der Jesuiten mit den Juden zurückziehen, weil dieser unzutreffend sei, erklärte der frühere Leiter der deutschsprachigen Redaktion von "Radio Vatikan" dem Blatt.

Von Gemmingen hatte der Zeitung gesagt: "Ich muss einen Vergleich ziehen: Mit den Juden ist es so losgegangen, dass vielleicht der ein oder andere Jude Unrecht getan hat. Dann aber hat man schlimmerweise alle angeklagt und ausrotten wollen. Man darf nicht von einzelnen Missetaten ausgehen und eine ganze Gruppe verurteilen." Die Zeitung strich diese Passage auf Wunsch des Jesuitenpaters nachträglich aus dem autorisierten Interview.

Jesuiten "betroffen"

Zugleich nahm Gemmingen einen der Patres in Schutz, die sexuellen Missbrauch begangen haben sollen. "Ich stehe zu ihm. Der hat gesündigt, wenn ich das so sagen darf. Leider laufen in Deutschland noch viele andere Sünder rum, auf die niemand mit dem Finger zeigt." Es sei aber gut, dass die Fälle aufgedeckt werden. Früher habe man nur versucht, einen öffentlichen Skandal zu vermeiden, heute gehe man vom Leid der Opfer aus und dürfe Missbrauch von Jugendlichen nicht tolerieren.

Gemmingen war selbst Schüler und Präfekt am Jesuitenkolleg in St. Blasien, an dem es auch Opfer gab. Die Jesuiten in Deutschland und speziell auch in St. Blasien seien "betroffen, erschüttert, traurig, ärgerlich, beschämt".

Ansprüche verjährt

Unterdessen sehen Experten kaum Chancen für Entschädigungen. Wie bei der strafrechtlichen seien auch bei der zivilrechtlichen Aufarbeitung Verjährungsfristen zu berücksichtigen, gab ein Berliner Schadenseratz-Experte zu bedenken. Die Opfer hätten bis spätestens drei Jahre nach ihrer Volljährigkeit aktiv werden müssen, sagte der Jurist und Opfer-Anwalt Roland Weber der "Berliner Morgenpost". Sonst sei in diesen Fällen der Anspruch auf Entschädigung hinfällig. Zwei Berliner Rechtsanwälte prüfen derzeit im Auftrag mehrerer Opfer Zivilklagen gegen das katholische Canisius-Gymnasium und den Jesuiten-Orden.

Nach Einschätzung der Berliner Staatsanwaltschaft sind die meisten bisher bekannten Fälle strafrechtlich verjährt. Die Vorermittlungen zu den Taten in den 70er und Anfang der 80er Jahre liefen zwar noch bis nächste Woche, sagte ein Justizsprecher. Aber die Verjährungsfrist für diese Form sexuellen Missbrauchs betrage zehn Jahre ab dem 18. Geburtstag des Opfers und sei abgelaufen.

Immer mehr Fälle

In der "Bild"-Zeitung berichtete derweil ein früherer Schüler des Bonner Aloisius-Kollegs von sexuellem Missbrauch in der zweiten Hälfte der 80er Jahre. Der Täter habe sich später nach Vermittlung des Ordens entschuldigt. In der "Süddeutschen Zeitung" sprach ein anderes Opfer vom gleichen Gymnasium über "Genugtuung" angesichts der jetzt aufgeflammten Diskussion: "Jetzt wird die Verlogenheit der katholischen Kirche endlich aufgedeckt."

Das Bistum Hildesheim bestätigte einen weiteren Fall, über den die "Neue Presse" berichtet hatte. Eine damals bereits volljährige Frau sei in den 90er Jahren von einem Pater belästigt worden, gegen den bereits Vorwürfe vorlagen und der von 1982 bis 2003, mit kurzen Unterbrechungen, im Bistum arbeitete.

Kirchen-Beauftragten für die Aufklärung sexuellen Missbrauch befürchten, dass in Zukunft noch viele Missbrauchsfälle auftauchen könnten. Die katholische Kirche habe das Thema Pädophilie zu lange tabuisiert, sagte Prälat Armin Bernhard aus Dresden.

Quelle: n-tv.de