Panorama

Wandern im Valle MairaZauberhaftes Piemont

23.05.2005, 12:23 Uhr

Das Valle Maira ist ein Tal an der Alpensüdseite, wo verlassene Weiler in den Wäldern versinken und Orte mit windschiefen Häusern Schwindel erregend hoch auf Felsspornen liegen.

Wandernd durch das Valle Maira im Piemont

Endlich oben. Durchatmen. Die Hand fasst das Gipfelkreuz, das seit einer Woche immer wieder im Blick aufgetaucht war. Ein halbes Dutzend Etappen lang dauerte der Weg zum 3026 Meter hohen Monte Chersogno im Valle Maira im Piemont.

In dem Tal an der Alpensüdseite finden Wanderer ein altes, in weiten Teilen intaktes Wegenetz. Und das Tal gilt als eines der "schwarzen Löcher" Europas: Die geringe Bevölkerungsdichte ist mit der Alaskas zu vergleichen. Verlassene Weiler versinken in den Wäldern, Orte mit windschiefen Häusern liegen Schwindel erregend hoch auf Felsspornen.

Start- und Zielort der Valle-Maira-Tour ist der Ort Dronero. In der Ferne schimmert schon der Gipfel des Chersogno in der Sonne - und ist doch erst in einer Woche zu erobern. Vor Jahrzehnten wurden die zugewachsenen Verbindungswege in der verfallenden Kulturlandschaft freigelegt und die "percorsi occitani" geschaffen, ein ein- bis zweiwöchiger Wanderweg, der einst die Weiler verknüpfte. Auf der Sonnenseite führen die grellgelb markierten Wege bis Campo Base, dann geht es mit dem Bus oder erneut zu Fuß zurück nach Dronero.

Hotels, Pensionen, Matratzenlager oder unbenutzte Schul- oder Pfarrhäuser warten als Etappenposten auf die Wanderer. Für eiserne Selbstverpfleger gibt es auch Kochgelegenheiten, wenngleich dann die einheimischen Kochkünste zu fairen Preisen verpasst werden. Unterwegs sind Italienisch-Kenntnisse von Vorteil. Im unteren Tal wird zudem Piemontesisch gesprochen und in den oberen Weilern teils sogar noch Okzitanisch, die Sprache der mittelalterlichen Troubadours.

Schon auf den ersten Etappen kann es sein, dass außer einem Schäfer oder einem Rentner, der sein Elternhaus in Schuss hält, keine Menschenseele den Weg quert. War das Mairatal im 19. Jahrhundert noch intensiv besiedelt, sah es sich durch die Gründung Italiens und die neue Grenze an den Rand gedrängt. Nach dem Ersten Weltkrieg ging die Bevölkerungszahl zurück. In den meisten Gemeinden seien "die Hälfte bis zwei Drittel der Häuser nicht mehr bewohnt", hieß es schon 1932. Etliche Orte zählten 1999 weniger als ein Zehntel ihrer Bevölkerung von 1861. In vielen Dörfern halten nur noch einige Alte die Stellung.

Naturstraßen führen an gackernden Hühnern vorbei durch Landstriche mit Hausruinen und Geschichte: Vor 60 Jahren zogen sich die Partisanen auf der Flucht vor der Wehrmacht in diese Dörfer zurück. Im Bergnest San Martino erinnert sich die Österreicherin Maria Schneider an die ersten Erfolge des Rundwegs. Seit mehr als 20 Jahren führt sie in den Bergen ein "Centro Culturale" mit Koch- und Sprachkursen, Wanderwochen, Konzerten und Ausstellungen. Einen Boom werde es nicht mehr geben, sagt Schneider - dafür sei das Tal als Urlaubsziel zu speziell. "Aber es bleibt ein unglaublicher Luxus, mitten in Europa einen Tag lang für sich alleine gehen zu können."

Das Ziel des fünften Wandertages, Elva, wurde in einer der jüngeren Steuerstatistiken Italiens als ärmste Gemeinde des Landes registriert. Knapp sechs Stunden und 1500 Höhenmeter weiter zeigt sich stolz das Gipfelkreuz des Chersogno, und dann geht es zurück nach Dronero an den Talausgang dieser verträumten, vergessenen und teils bizarren Landschaft aus dem Märchenbuch.

Informationen: Tourismusbüro Dronero (Tel. von Deutschland: 0039/0171/91 70 80), Italienisches Fremdenverkehrsamt ENIT (Kostenloses Broschüren-Tel.: 00800/00 48 25 42).