Politik

Massaker dauerte 60 Minuten Attentäter schoss mit Spezialmunition

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Blumen und Kerzen vor dem Osloer Dom.

dpa

Zahlreiche Pannen und Fehlplanungen sorgten dafür, dass der Attentäter von Utøya eine volle Stunde lang morden konnte: Die norwegische Anti-Terror-Einheit musste mit dem Auto zum Einsatzort fahren, weil der einzige verfügbare Hubschrauber noch weiter entfernt war als die Insel Utøya. Ein Polizeischiff war ungeeignet, stattdessen setzten die Elitepolizisten mit privaten Booten über. Die örtliche Polizei war zwar schneller vor Ort, griff jedoch nicht ein. Der Täter benutzte offenbar Spezialmunition. Auf der Insel starb ein Polizist, der zum Schutz der Jugendlichen eingesetzt war.

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Mitglieder der norwegischen Spezialeinheit beim Sturm auf die Insel.

(Foto: Reuters)

Der Beinahe-Untergang eines Polizeibootes und die Entscheidung, auf die Anti-Terror-Einheit aus Oslo zu warten, haben das Einschreiten der Sicherheitskräfte gegen das Massaker auf der norwegischen Insel Utøya verzögert. Mit Spezialmunition wollte der Attentäter Anders Behring Breivik offenbar größtmöglichen Schaden anrichten.

Ein im benachbarten Hønefoss angefordertes Polizeischiff habe sich für den Transport der Beamten als ungeeignet erwiesen, erklärte die Polizei. "Mit so vielen Menschen und Ausrüstung an Bord lief das Boot voll Wasser, und der Motor setzte aus", beschrieb Einsatzleiter Erik Berga die Polizeipanne. Das erklärt, warum der 32 Jahre alte mutmaßliche Massenmörder nach neuesten Berechnungen der Polizei 60 Minuten lang Zeit hatte, 86 Menschen kaltblütig zu erschießen.

Sie könne Kritiker verstehen, die den Sicherheitskräften ein zu langes Zögern vorwürfen, erklärte die Polizeichefin von Hønefoss, Sissel Hammer. "Ich bitte um Verständnis, dass es seine Zeit braucht, um eine Spezialeinheit in Marsch zu setzen", sagte Hammer. "Das Personal muss alarmiert werden, es muss Schutzkleidung anlegen, sich bewaffnen und sich dann zum Tatort aufmachen."

Täter nahm Dum-Dum-Geschosse

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Spezialkräfte suchen noch immer im Tyrifjord nach Toten.

(Foto: REUTERS)

Der norwegischen Zeitung "Verdens Gang" zufolge war ein Polizist zum Schutz des Ferienlagers auf der Insel. Er sei von den Veranstalter, der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF, privat engagiert worden, sei unbewaffnet gewesen und habe keine Schutzausrüstung getragen. Auch er wurde von Breivik erschossen.

Weiter schreibt die Zeitung, Breivik habe Spezialmunition verwendet, die im Körper der Getroffenen explodiere. Der Chirurg Colin Poole sagte "Verdens Gang", Breivik habe sogenannte Dum-Dum-Geschosse verwendet. "Dies sind nicht die Kugeln, die Sie in Norwegen über dem Ladentisch kaufen", zitiert das Blatt Chef der Chirurgie im Ringerike-Krankenhaus in der Kleinstadt  Hønefoss. Wegen der vielen Munitionssplitter hätten die Ärzte große Schwierigkeiten gehabt, Röntgen- und CT-Bilder von Patienten zu interpretieren.

Spezialeinheit kam mit dem Pkw

Die "Delta" genannte Anti-Terror-Einheit legte die 45 Kilometer lange Strecke von Oslo nach Utøya im Auto zurück, was Oslos amtierender Polizeichef Sveinung Sponheim am Samstag so begründet hatte: "Im Auto ging es schneller, ein Hubschrauberflug hätte zu lange gedauert." Ihm zufolge verging zwischen der ersten Alarmmeldung bei der Polizei am Freitag und der Ergreifung des Täters um 18.27 Uhr eine Stunde.

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Die Toten werden von Utøya auf das Festland gebracht.

(Foto: REUTERS)

Der einzige zur Verfügung stehende Helikopter parkte auf dem rund 50 Kilometer südlich von Oslo gelegenen Flughafen Rygge. Utøya liegt im Nordwesten der Hauptstadt im See Tyrifjord, dem größten Binnensee Norwegens. In der norwegischen Polizei wird seit langem kritisch angemerkt, dass es der "Delta"-Einheit an Transportmöglichkeiten mangelt. Bei ihrem Eintreffen griff die Spezialeinheit auf Boote von Freizeitkapitänen zurück, um nach Utøya übersetzen zu können, sagte Berga. Dort ergab sich Breivik den Elitepolizisten.

Wertvolle Zeit verstrich

Polizeikreisen zufolge wird in der Polizei heftig darüber diskutiert, ob die Ortskräfte nicht früher hätten eingreifen müssen. Die erste Meldung über den Angriff des in einer Polizeiuniform gekleideten Rechtsextremisten ging nach einer offiziellen Übersicht um 17.27 Uhr bei der Polizei in Hønefoss ein. Die ersten Beamten trafen 25 Minuten später am Bootssteg zur Überfahrt nach Utøya ein, mussten aber "auf ein zuverlässiges Boot warten". Die Sondereinheit erreichte den Anleger um 18.09 Uhr und brauchte 16 Minuten bis zur Insel. Zwei Minuten danach ließ sich Breivik widerstandslos festnehmen.

In Deutschland wurden die die Polizeigesetze nach dem Amoklauf von Erfurt 2002 in den meisten Bundesländern so geändert, dass auch Streifenpolizisten frühzeitig eingreifen können. Nach Ansicht der baden-württembergischen Polizei wurde so bei dem Amoklauf von Winnenden 2009 eine noch höhere Opferzahl verhindert. Das höhere Risiko für die Polizei wird bei diesem Konzept bewusst in Kauf genommen.

Fünf Jugendliche noch vermisst

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Trauergottesdienst in der Kathedrale von Oslo.

(Foto: REUTERS)

Unterdessen stieg die Zahl der Toten auf mindestens 93. Wie der TV-Sender NRK berichtete, starb ein Schwerverletzter vom Massaker auf Utøya am Sonntag im Osloer Ullevål-Krankenhaus. Bei der Explosion der im Osloer Regierungsviertel platzierten Autobombe starben mindestens 7 Menschen. Nach Polizeiangaben werden in den betroffenen Osloer Gebäuden noch weitere Tote vermutet.

Zudem suchen Spezialkräfte im Tyrifjord noch immer nach fünf Vermissten. Es gilt als wahrscheinlich, dass sie bei der Flucht vor dem wild schießenden Attentäter im Fjord ertrunken sind.

Ein Polizeisprecher gab die Zahl der schwer oder lebensgefährlich Verletzten im Ullevål-Krankenhaus mit 10 oder 11 an. Insgesamt hätten die Ärzte nach den beiden Anschlägen knapp 100 Verletzte behandelt.

Tat war lange geplant

Der mutmaßliche Attentäter hat seine Taten offenbar seit langem geplant und nach eigener Aussage allein gehandelt. Sein Mandant habe sein Handeln als "grausam", aber "notwendig" bezeichnet, sagte sein Anwalt im norwegischen Fernsehen. Laut Polizei versicherte Breivik am Sonntag, ein Einzeltäter zu sein.

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Auch die norwegische Kronprinzessin Mette-Marit kam zur Trauerfeier.

(Foto: AP)

Er habe geäußert, er habe "diese Taten zu Ende bringen müssen", sagte sein Anwalt Geir Lippestad am Samstagabend im norwegischen Fernsehen. Er habe dafür "Verantwortung" übernommen. Am Sonntag sagte er, sein Mandant sei überzeugt, dass er "nichts Strafbares" getan habe. Die Polizei erklärte, der 32-Jährige habe die Fakten zugegeben, jedoch "keine kriminelle Verantwortung" übernommen.

Die Polizei prüfe aber weiterhin, ob bei dem Angriff auf ein Feriencamp der Arbeiterjugend "ein oder mehrere" Schützen geschossen hätten, sagt Polizeichef Sponheim. Indes endete am Sonntag ein Polizeieinsatz im Osten von Oslo im Zusammenhang mit den Anschlägen "ohne Ergebnis". Mehrere kurzzeitig Festgenommene wurden nach Angaben der Polizei wieder freigelassen, nachdem es keine Hinweise auf eine Verbindung zu den Taten gegeben habe.

1500 Seiten im Internet veröffentlicht

Seine Anschläge plante der 32-jährige Breivik offenbar seit neun Jahren. Das geht aus einem 1500 Seiten langen Traktat hervor, das im Internet auftauchte und ihm zugeschrieben wird. Das Dokument wurde teilweise als Tagebuch geführt, teils enthält es Anleitungen zum Bombenbau oder beschreibt die Islamfeindlichkeit des Autors.

Terrorismus rechtfertigt er darin "als ein Mittel, um die Massen aufzuwecken". Und dann gibt es auch noch diesen Satz: "Ich werde als das größte (Nazi-)Monster beschrieben werden, das es seit dem Zweiten Weltkrieg gegeben hat." Nach Angaben der Polizei handelt es sich bei Breivik um einen "christlichen Fundamentalisten" mit Kontakten zu rechtsextremen Kreisen.

Trauergottesdienst in Osloer Kathedrale

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Tränen in der Kathedrale.

(Foto: AP)

Norwegens Regierungschef Jens Stoltenberg sagte bei einem Trauergottesdienst in der Osloer Kathedrale, "jedes einzelne Opfer" sei eine Tragödie. Norwegen werde aber "seine Werte niemals aufgeben". Vor der Kathedrale legten er und der Leiter der Arbeiterjugend, Eskil Pedersen, Blumen nieder. Papst Benedikt XVI. äußerte sich "zutiefst bekümmert" über die Bluttaten. "Wir beten für die Opfer, die Verletzten und ihre Lieben", sagte der Papst in seiner wöchentlichen Predigt in seiner Sommerresidenz nahe Rom.

Norwegen war bisher von schweren Anschlägen verschont geblieben. Das liberale Land vergibt den Friedensnobelpreis und hat in internationalen Konflikten unter anderem im Nahen Osten und auf Sri Lanka vermittelt. Das dünn besiedelte Land ist offen für Zuwanderung und gewährte nach 1933 auch Deutschen Asyl, darunter dem späteren Bundeskanzler Willy Brandt. Die vor allem von den Sozialdemokraten betriebene multikulturelle Politik wird von der rechtspopulistischen "Fortschrittspartei" angegriffen, der Breivik früher angehörte.

Quelle: n-tv.de, hvo/dpa/rts/AFP

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