Politik

Giulio AndreottiDer Fuchs der Schmiergeld-Republik ist tot

06.05.2013, 15:48 Uhr
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Giulio Andreotti, 1919 - 2013 (Foto: Reuters)

Er war der Chef im "Leichenschauhaus der Demokratie": Italiens langjähriger Ministerpräsident Andreotti ist gestorben. Der Christdemokrat gehörte allen Parlamenten seit 1945 an, insgesamt war er sieben Mal Regierungschef. In den 1990er Jahren wurden ihm Mord und Mafia-Verbindungen vorgeworfen - verurteilt wurde er nie.

Giulio Andreotti, eine der prägenden politischen Gestalten im Italien der Nachkriegszeit, ist tot. Seine Familie teilte mit, er sei am Montagmittag im Alter von 94 Jahren in seinem Haus in Rom gestorben, nachdem sich sein Gesundheitszustand in den vergangenen Tagen enorm verschlechtert hatte. Schon am Dienstag soll Andreotti in Rom beigesetzt werden. Ein Staatsbegräbnis ist nicht vorgesehen.

Jahrzehntelang lief in Italien politisch praktisch nichts ohne Andreotti. 7 Mal war er Ministerpräsident, 33 Mal Minister. Hoch gestiegen und so tief gefallen wie nur wenige andere Akteure in der westeuropäischen Nachkriegspolitik überlebte er mehr oder weniger unbeschadet gleich mehrere Prozesse wegen Mordes und Mafiaverstrickungen. In einem Prozess wurde er in erster Instanz zu 24 Jahren Haft verurteilt, später aber wieder freigesprochen.

"Er hat das Gute und das Böse vereint"

Viele Politiker reagierten mit Trauer und Mitgefühl auf die Nachricht von Andreottis Tod. Bei allen Sportveranstaltungen in Italien in dieser Woche soll es eine Schweigeminute geben. "Andreotti war die Politik: Er hat das Gute und das Böse vereint. Eine außergewöhnliche Persönlichkeit", sagte Pier Ferdinando Casini, der Chef der christdemokratischen Zentrumsunion, einer Nachfolgepartei von Andreottis Democrazia Cristiana (DC).

Bis Anfang der 1990er Jahre war die DC die dominierende Partei Italiens. Damit war mit der Parlamentswahl 1992 Schluss. Abgewählt wurde damals auch Andreotti als Verkörperung einer Politikerkaste, die sich den Staat als Beute gemacht zu haben schien. Am Ende lösten sich die Christdemokraten auf, ebenso die Sozialistische Partei. Politischer Erbe auf der rechten Seite des italienischen Parteienspektrums ist bis heute Ex-Ministerpräsident Silvio Berlusconi.

Auch in anderer Hinsicht war Andreotti ein Berlusconi-Vorläufer: Nach dem Fall der italienischen "Schmiergeld-Republik" musste sich der Christdemokrat gleich zweimal vor Gericht verantworten: Einmal im Prozess wegen des Mordes an dem Journalisten Mino Pecorelli, der gegen die sizilianische Mafia Cosa Nostra ermittelt hatte, und dann noch in einem Verfahren wegen Mafiaverstrickungen in Palermo.

"Leichenschauhaus der Demokratie"

Als "Leichenschauhaus der Demokratie" bezeichnete ein Staatsanwalt damals, was Mafia-Bosse dort auspackten: Andreotti sollte mit "Paten" verkehrt und dem Superboss der Mafia, Totò Riina, sogar als Zeichen seiner Ehrerbietung einen Wangenkuss gegeben haben. Der erste Prozess endete in dritter Instanz mit einem Freispruch. Vor der Verurteilung wegen Mafia-Verstrickungen bewahrte Andreotti wie so häufig bei Prozessen in Italien die Verjährung. Er selbst erklärte sich für unschuldig. "Es packt mich die kalte Wut, wenn ich an die unrechtmäßigen Prozesse denke", sagte er später und gab so ausnahmsweise eine Gefühlsregung preis.

Seine Karriere begann Andreotti nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. 1947 wurde er ins Parlament gewählt, 1954 war er erstmals Minister, 1972 führte Andreotti erstmals eine Regierung. Auch in den letzten Jahren vor seinem Tod mischte der Senator auf Lebenszeit noch in der Politik des Landes mit.

Fuchs und Beelzebub

Noch während der Prozesse nahm Andreotti er an Talkshows teil, blieb Senator und veröffentlichte eine katholische Zeitschrift. Im Vatikan ging er ohnehin seit jeher ein und aus. Und auch wenn all seine Spitznamen Bände sprachen - der "Fuchs" etwa, der "Bucklige" oder "Beelzebub" wurde der kleinwüchsige Politiker mit der Brille gern genannt - so mischte er als Senator auf Lebenszeit auch im hohen Alter noch politisch mit. So spielte er oft bei Abstimmungen unter der letzten Regierung Romano Prodis das Zünglein an der Waage.

Zu den wohl hervorstechendsten Eigenschaften Andreottis gehörten sein Zynismus und seine Unscheinbarkeit. In der bitterbösen Film- Satire "Il Divo" (Der Star oder Der Göttliche) bringt Regisseur Paolo Sorrentino dies meisterhaft auf den Punkt. Ein Kritiker goss die Quintessenz des Films in diese Frage: "Dieser von Dauerkopfschmerz geplagte Mann mit den abgebissenen Fingernägeln, den Segelohren und dem Hundeblick soll einer der größten Halunken der italienischen Politik sein?" Der Streifen bekam 2008 in Cannes den Jury-Preis.

Quelle: ntv.de, hvo/dpa/AFP