Politik

Neues Flüchtlingscamp auf Lesbos "Die sperren uns da ein"

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Viele Migranten in Moria verbringen derzeit die Nacht ohne Obdacht im Freien.

(Foto: Nadja Kriewald)

Nach dem Großbrand im Flüchtlingslager Moria sollen Tausende Migranten in ein neues Zeltlager ziehen. Doch die Lage auf der griechischen Insel Lesbos ist weiterhin angespannt. Es fehlt an Wasser und Medikamenten. Zudem lehnen viele einen Umzug in das neue Camp ab.

"Wir haben jetzt Feierabend! Kommt morgen wieder", sagt der Mann vor dem neuen Camp. "Hier ist jetzt Schluss!" Ungläubig schaut der Familienvater aus Afghanistan. Es ist kurz nach 19 Uhr. Der Mann müsste jetzt mit seiner Frau und den drei Kindern bereits die fünfte Nacht auf der Straße verbringen. Dabei stehen hinter dem Zaun schon die neuen Zelte.

Als die versammelten Journalisten protestieren, registriert der Mann vom Lager die Familie schließlich doch noch. Etwa 250 Flüchtlinge sind bis Samstagabend ins neue Lager umgezogen. 250 von mehr als 12.000. Die meisten Flüchtlinge wollen nicht umziehen. Sie wollen nicht auf Lesbos bleiben, sie wollen weg aus Griechenland, weiter in andere europäische Länder wie Deutschland.

Doch aus Athen heißt es, man werde die Brandstifter nicht noch belohnen. Die Regierung behauptet, die Flüchtlinge selbst hätten das Camp Moria in Brand gesteckt. Das sagt auch der griechische Migrationsminister, Notis Mitarakis, gegenüber ntv. Auf die Frage, ob er dafür Beweise habe, antwortet er: "Die Ermittlungen der Polizei laufen noch." Spricht man die Flüchtlinge darauf an, heißt es, die Faschisten waren das. Damit sind radikale Bewohner von Lesbos gemeint, die das Lager weg haben wollen.

Tumulte bei der Wasserverteilung

Rund zwei Kilometer weiter schlafen die Menschen auf der Straße. Familien mit kleinen Kindern, Schwangere, Alte und Kranke. Mariam aus Afghanistan kommt auf uns zu. "Ich will nicht in das neue Lager. Die sperren uns da ein. Und wenn dann einer Corona hat, dann bekommen wir das alle." Tatsächlich sollen die Flüchtlinge alle vor Einzug ins neue Lager auf Corona getestet werden. Und dann sollen sie 14 Tage unter Quarantäne stehen.

Doch Mariam hat trotzdem Angst. Ihr Sohn habe Brandwunden am Bein, vom Feuer im Camp Moria. Niemand gebe ihr Medikamente. Die Polizei, die die Straße an beiden Seiten abgesperrt hat, schicke sie immer wieder zurück, sagt die 25-Jährige. Sie ist verzweifelt. Ein Mann sagt, sein Vater sei herzkrank, die Medikamente seien verbrannt. Ein anderer hat Angst um seine Frau, sie ist im achten Monat schwanger und hat Schmerzen. Aber niemand würde ihnen helfen.

Als Transporter mit Wasser kommen, brechen Tumulte aus. Die Menschen prügeln sich um die Plastikflaschen mit Wasser. Gerade hatte der Migrationsminister noch gesagt, dass die Flüchtlinge mit Essen, Wasser und Medikamenten versorgt werden. Danach sieht es nicht aus.

Die Flüchtlinge sind wütend. Steine fliegen auf die Polizisten. Die antworten mit Tränengas - mitten in die Menge. Am Rand stehen Kinder und Frauen. Noch eine halbe Stunde später hat die achtjährige Diana aus Afghanistan rot verweinte Augen. Das blonde Mädchen versucht zu lächeln. "Tränengas", sagt die Mutter. Wird sie in das neue Lager gehen? Sie weiß es nicht.

Quelle: ntv.de