Politik

"Die Messen sind gesungen" Dresden verliert Erbe-Titel

Das Dresdner Elbtal wird aller Voraussicht nach seinen Welterbetitel wegen des Baus der Waldschlößchenbrücke verlieren. Der Streit mit der UNESCO wird zum politischen und finanziellen Dilemma für Sachsens Landeshauptstadt. Auswirkungen auf weitere zukünftige deutsche Welterbestätten werden nicht ausgeschlossen.

Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur dpa ist es nahezu ausgeschlossen, dass sich die 21 Mitglieder des Welterbekomitees doch noch für den Erhalt einsetzen oder die Entscheidung bei ihrer Sitzung im spanischen Sevilla (22. bis 30. Juni) vertagen.

In der Beschlussvorlage des Welterbezentrums der UNESCO in Paris ist die Aberkennung des Titels vorgesehen. Aus Regierungskreisen heißt es, lediglich ein neues Brückendesign könne eventuell noch zu einer Verschiebung der Entscheidung führen. Das Welterbezentrum nehme Dresden aber als "eher unkooperativ" bei der Suche nach einer gütlichen Lösung wahr.

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Blick auf das Dresdner Elbtal. Im Hintergrund ist die Baustelle der geplanten Waldschlößchenbrücke zu sehen.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Das Dresdner Elbtal steht seit 2006 auf der sogenannten Roten Liste der gefährdeten Welterbestätten. Die UNESCO ist der Ansicht, dass die Waldschlößchenbrücke das Elbtal irreversibel zerschneidet und die Kulturlandschaft mit ihren Flussauen zerstört.

Bereits finanzielle Konsequenzen

Die drohende Aberkennung des Welterbetitels hat schon jetzt finanzielle Konsequenzen für Dresden. So erhalte die Landeshauptstadt kein Geld mehr aus einem 150 Millionen Euro umfassenden Fördertopf für deutsche Welterbestätten, berichtete die "Sächsische Zeitung". Eine Expertenkommission von Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) sehe wegen des Baus der Waldschlößchenbrücke keine Grundlage für die Finanzhilfe, hieß es. Mit insgesamt zehn Millionen Euro wollte die Stadt laut Bericht unter anderem das im Welterbegebiet gelegene Lingnerschloss sanieren.

Bereits zuvor hatte der Minister die Stadt für ihr Vorgehen beim Bau der Brücke scharf kritisiert. "Der Welterbetitel ist für Dresden verloren", sagte er dem Rundfunksender Radio PSR. Es seien von Anfang an die falschen Weichen gestellt worden, die Messen nun gesungen. "Dresden muss damit leben." Tiefensee warf der sächsischen Landeshauptstadt Sturheit bei der Auseinandersetzung mit der UNESCO um den Brückenbau im Elbtal vor. "Das ist ein ganz ärgerlicher Vorgang. Dort sind Fakten geschaffen worden in einer beispiellosen Sturheit."

Gesetze schützen nicht ausreichend

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Die Baustelle der umstrittenen Brücke.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Auch Deutschlands oberste Denkmalschützerin hat kaum noch Hoffnung auf einen Kompromiss. "Ich halte das Ganze für ein ungeheures Dilemma, ein politisches Dilemma", sagte die Präsidentin des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz (DNK), Eva-Maria Stange, in Dresden. Stange (SPD) ist auch sächsische Wissenschaftsministerin. Die Natur- und Denkmalschutzgesetze von Bund und Ländern würden das Weltkulturerbe nicht ausreichend schützen.

"Mit der Verleihung des Welterbetitels sind Stadt, Land und Bund eine Verpflichtung eingegangen, die es umzusetzen gilt", betonte Stange. Der drohende Verlust sei somit "nicht nur ein Imageschaden für Dresden". Für weitere deutsche Anträge auf den Welterbe-Titel sei die Lage in Dresden ein "schwieriges Zeichen". Das gelte unter anderem für die Montanregion Erzgebirge, die laut Stange 2011 den Antrag stellen könnte, als auch für die Görlitzer Innenstadt.

Naturerbe Wattenmeer

Sicher scheint, dass in Sevilla das Wattenmeer als Weltnaturerbe ausgezeichnet wird. Die Beschlussvorlage sieht die Annahme des Antrags von Bund, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und den Niederlanden vor. Das Wattenmeer stünde damit auf einer Stufe mit so bekannten Naturwundern wie dem Great Barrier Reef, dem Grand Canyon, den Galapagos-Inseln oder dem Serengeti-Nationalpark.

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Die Computersimulation von der Grünen Liga Sachsen zeigt eine Darstellung der Waldschlößchenbrücke über die Elbe.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Schlechte Nachrichten aus Sevilla haben dagegen auch die Städte Schwetzingen, Aachen und das Bundesland Rheinland-Pfalz zu befürchten. Dem Antrag der nordbadischen Barockstadt Schwetzingen auf einen Welterbetitel für Schloss und Garten soll nach Ansicht der Welterbe-Gutachter ebenso wenig entsprochen werden wie dem Antrag Aachens, neben dem Dom auch das heutige Rathaus in den Katalog der schützenswerten Kulturdenkmäler aufzunehmen.

Brückenstreit auch in Rheinland-Pfalz?

Diskussionen gibt es nach dpa-Informationen noch über das UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal. Rheinland-Pfalz will in diesem Jahr die Entscheidung über einen Brückenbau treffen. Vom Welterbekomitee erhofft es sich eine klare Stellungnahme dazu, ob das Bauwerk mit dem Welterbetitel vereinbar ist. Vor allem der Internationale Rat für Denkmalpflege (ICOMOS) soll die geplante Brücke in dem Tal mit dem berühmten Loreley-Felsen allerdings kritisch sehen.

Keine endgültige Entscheidung des Welterbekomitees ist in Bezug auf das Werk des französischen Architekten Le Corbusier zu erwarten, von dem ein Bauwerk auch in Stuttgart steht. Die Experten schlagen vor, eine neue, reduzierte Liste einzureichen. Auf dieser sollten nur Bauten stehen, die wirklich als besonders für das Werk des Architekten angesehen werden können.

Quelle: n-tv.de, dpa