Politik

Seine Prognosen stimmten immer Forscher: Zu 91 Prozent bleibt Trump im Amt

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Die Umfragen sprechen klar gegen Trump, aber das muss laut Norpoth nicht so bleiben.

(Foto: REUTERS)

Helmut Norpoth hat ein Modell entwickelt, mit dem er anhand vorher fest definierter Faktoren alle US-Präsidentschaftswahlen seit 1912 noch einmal durchgespielt hat. Die Ergebnisse, die sein Modell lieferte, waren immer korrekt. Seit 1996 sagt er mit dieser Berechnung den Ausgang der Wahlen voraus - und lag immer richtig. Als Einziger warnt er schon im Frühjahr 2016 vor einem Trump-Sieg. Nun sieht er ihn erneut ganz sicher vorne. Warum, erklärt er im Interview mit ntv.de.

Herr Professor Norpoth, Sie haben ein Modell zur Prognose von US-Präsidentschaftswahlen entwickelt und fast als Einziger schon im Frühjahr 2016 den Wahlsieg von Donald Trump vorhergesagt. Haben Sie an Ihrem Modell gezweifelt, als Sie die Prognose veröffentlichten?

Nein. Mein Modell lag damals bei 24 von 26 Wahlen seit 1912 richtig - natürlich habe ich es rückwirkend angewendet auf Wahlen vor 1996. Aber ich kannte natürlich auch die Umfragen. Clintons Vorsprung war in den zumeist übereinstimmenden Umfragen signifikant und das ganze Jahr über im Schnitt konstant. Bis zum letzten Tag war klar: Wenn diese Umfragen richtig liegen, hat Trump keine Aussicht auf den Sieg. Aber Umfragen haben bekanntermaßen ihre Schwächen, die ich auch vor Augen hatte.

Also waren Sie am Wahlabend nicht überrascht?

Dass Michigan, Pennsylvania und Wisconsin an Trump gehen, hat natürlich alle verdutzt. Es gab keine Anzeichen vorher, dass das passieren könnte. Die Leute waren völlig von den Socken, als klar war: Trump gewinnt.

Sie konnten sich an jenem Abend also freuen?

Meine Prognose kommt nicht einer Unterstützung gleich. Ein Rennen von Trump gegen einen anderen Kandidaten - ohne Clintons negative Seiten und ohne mehrere starke Konkurrenten in den Vorwahlen - wäre anders gelaufen. Trump hatte ja auch keine Mehrheit der Wählerstimmen, es war ein merkwürdiges Ergebnis.

Vier Jahre später finden Sie sich in der gleichen Situation wieder: Der demokratische Herausforderer Joe Biden führt alle Umfragen an, aber Sie prognostizieren mit einer Wahrscheinlichkeit von 91 Prozent einen Sieg von Amtsinhaber Trump.

Ja, es ist ein Déjà-vu-Erlebnis. Mittlerweile gibt es noch nicht einmal mehr einzelne Umfragen, in denen Trump führt. Auch nicht bei Fox News, obwohl der Sender Trump nahesteht. Der große Unterschied zu 2016 ist die Corona-Pandemie, weshalb wir keine normale Politik erleben. Der Wahlkampf ist selber unter einem Lockdown, Trump kann nicht Kampagne machen wie vor vier Jahren: mit vielen Versammlungen und Auftritten. Der Versuch in Tulsa ging ja daneben. Und Biden ist als Kandidat fast völlig abwesend. Er sitzt im Keller seines Hauses. Der eigentliche Wahlkampf hat also noch gar nicht begonnen.

Also kann man auf die aktuellen Umfragen nicht viel geben?

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Helmut Norpoth lebt, forscht und lehrt seit 1966 in den USA. Der 76-Jährige aus Essen ging nach einem Studium an der Freien Universität Berlin (FU) nach Amerika. Seit 1985 ist er Professor an der Stony-Brook-Universität. Dort beschäftigt er sich hauptsächlich mit den Themen Wahlkampf und Wählerverhalten. Auf seiner Website informiert er über sein Prognosemodell, das "Primary Model".

Seit 1948 haben wir 18 Präsidentschaftswahlen erlebt. Neun Mal hat der Kandidat, der im Frühjahr vorne lag, die Wahl im November verloren. Das ist eine Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent. Eigentlich bräuchten Umfragen einen Warnhinweis wie auf Zigarettenschachteln: "Achtung: Der Prognosewert dieser Umfrage entspricht der eines Münzwurfs. Verlassen Sie sich nicht darauf." Angesichts der besonderen Umstände in diesem Jahr haben die Umfragen meiner Meinung nach erst recht keinen Prognosewert.

Anstatt Wähler am Telefon und via Internet zu befragen, schauen Sie sich die Ergebnisse der Primaries an, in denen die Parteien ihren Präsidentschaftskandidaten bestimmen. Was sagen Ihnen die Vorwahlen?

Die Primaries sind echte Wahlen und keine hypothetische Frage wie "Wen werden Sie wählen?". In den Primaries muss sich ein Kandidat beweisen und zwar nicht nur im eigenen Lager. Die meisten Vorwahlen sind offen, es können also alle Wähler teilnehmen, auch die, die keinem Lager oder der gegnerischen Partei angehören. So läuft es zum Beispiel in New Hampshire. Es gilt die Faustregel: Wer die Vorwahlen in New Hampshire nicht gewinnt, wird nicht US-Präsident.

Gibt es Ausnahmen?

Bill Clinton und Barack Obama sind trotz Vorwahlniederlagen in New Hampshire ins Weiße Haus eingezogen. New Hampshire ist in mancher Hinsicht nicht repräsentativ, zum Beispiel gibt es kaum Afro-Amerikaner. Ich habe deshalb mein Modell angepasst und um die Vorwahlen in South Carolina ergänzt, wo die Hälfte aller demokratischen Wähler Afro-Amerikaner sind. Ein Sieg in South Carolina kann eine Niederlage in New Hampshire ausgleichen, so hat es bei Obama funktioniert.

Der demokratische Kandidat Biden ist nicht gerade durch die Primaries marschiert …

Joe Biden war mit einem einstelligen Ergebnis Fünfter in New Hampshire. Ich dachte, es ist aus für Biden, aber in South Carolina ist er zurückgekommen. Ich würde dennoch sagen, die Niederlage in New Hampshire war ein schlimmes Omen. Er wäre beinahe schon weg gewesen. Auch seine Geschichte ist nicht gut: Biden hat auch bei früheren Wahlen nicht viel erreicht.

Was sagen die Primaries über Trump aus?

Der ältere George Bush hatte 1992 in New Hampshire Pat Buchanan als Herausforderer. Bush siegte mit nur rund 50 Prozent, blamabel für einen amtierenden Präsidenten. 1980 hatte Ted Kennedy dem Präsidenten Jimmy Carter das Rennen streitig gemacht. Für beide war nach einer Amtszeit Schluss. Wenn also ein Amtsinhaber Schwierigkeiten in seiner eigenen Partei hat, ist das ein sehr schlechtes Vorzeichen für November. Dieses Problem hat Trump nicht.

Ein weiterer Faktor in Ihrem Modell ist folgende Annahme: Die meisten Präsidenten bekommen ein zweite Amtszeit, wenn ihnen ein Präsident aus der anderen Partei vorausgegangen war. Wo liegt der logische Zusammenhang?

Die Logik ist eine Pendelbewegung, die man seit der ersten Wahl 1789 beobachten kann. Nach zwei Amtszeiten einer Partei gibt es eine Tendenz, dass das Pendel zur anderen Partei umschlägt. Ausnahmen: Bush der Ältere, der auf acht Jahre Reagan folgte. Das Schwingen des Pendels ist mathematisch unterlegt, aber hat nur mäßigen Prognosewert. Die Kombination mit den Vorwahlen ergibt meine Prognose für die Wahl.

Und nimmt die US-Öffentlichkeit Sie diesmal wahr?

Ja, ich bekomme Medienanfragen, aber zumeist von Medien, die das gerne hören wollen. Vor vier Jahren habe ich keine Anfrage bekommen von CNN, PBS, MSNBC. Alle kamen von Fox News oder andere in diese Richtung tendierende Medien. Alle anderen ignorieren mein Modell. Die wollen das nicht hören. Die Demokraten sind im Kopf schon weiter, die machen sich Sorgen um den Kongress. Trump steht für sie als Verlierer fest und ist für sie schon erledigt. Da gelten meine Warnungen als akademische Spinnerei.

In die Präsidentschaftskampagnen fließen viele Milliarden Dollar. Wie können sich so viele kluge, hochbezahlte Köpfe allesamt irren?

Ich glaube, das Wahlkampagnen-Geschäft ist relativ wissenschaftslos. Man schmeißt viel Geld raus und hofft, dass es etwas bringt. Ich zitiere in meiner Vorlesung gerne das schöne Sprichwort: "Die Hälfte aller Kampagnenausgaben ist verschwendet. Das Problem ist: Niemand weiß, welche Hälfte."

Sie kommen aus Deutschland, leben seit mehr als 50 Jahren als Politikwissenschaftler in den USA. Wie erklären Sie sich die Begeisterung vieler Amerikaner für einen Mann, der in Europa zumeist als ungebildeter, empathieloser Narzisst wahrgenommen wird?

Für mich wurzelt Trumps Erfolg hauptsächlich in seiner Rolle als Gastgeber der Reality-TV-Show "The Apprentice". Das hat ihn ins Amt gebracht, nicht der Immobilienunternehmer oder der Geschäftsmann Trump. Er ist ein Unterhalter. Entertainer werden nicht danach bewertet, ob sie ehrlich sind. Sie müssen unterhalten. Das ist ein wesentlicher Grund, warum Trump bei vielen Leuten hier gut ankommt. Er liefert eine gute Show, ist ein Bauernfänger.

Das Interview führte Sebastian Huld

Quelle: ntv.de