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Hamburg legt den Nahverkehr trocken Kein Alkohol ist auch keine Lösung

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In Hamburg tritt morgen das vieldiskutierte Alkoholverbot im öffentlichen Nahverkehr in Kraft. Was einige Politiker als Allheilmittel für mehr Sicherheit preisen, ist aber nicht mehr als ein begrenzter Versuch: Die drängenden Probleme – Alkoholmissbrauch und Gewalt in der Öffentlichkeit – geht die Maßnahme nicht direkt an.

Die Hamburger können heute zum letzten Mal ein Feierabendbier in der S-Bahn genießen: Ab dem 1. September legt der Hamburger Verkehrsverbund (HVV) den öffentlichen Nahverkehr in der Hansestadt trocken. Die Partymeute, die sich am Wochenende von den Außenbezirken auf die sündige Meile in St. Pauli transportieren lässt, sie muss sich künftig statt mit Alcopops und dem obligatorischen Astra-Bier mit Orangensaft und Cola auf die langen Nächte vorbereiten.

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Das Vorbild für den HVV: In den Zügen der Metronom herrscht schon lange Alkoholverbot.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der HVV reagiert damit auf die Wünsche ihrer Kunden. 86 Prozent der Fahrgäste befürworteten in einer Umfrage ein Alkoholverbot im Nahverkehr. "Wenn im Wochenendverkehr die Gruppen die Flasche kreisen lassen, wird es schon mal laut", schildert HVV-Sprecherin Gisela Becker die Situation in den Bahnen der Stadt. "Dazu kommt der Müll und alle anderen Reste, die so anfallen" – jeder, der schon einmal eine Hamburger U-Bahn an einem frühen Sonntagmorgen von innen gesehen hat, weiß, worauf Becker anspielt. 

Aber gleich ein kompletter Alkoholbann? Sicher, räumt Becker ein, die Maßnahme treffe auch die Falschen – aber so sei das nun einmal bei Verboten. Der Pendler, der nach Feierabend sein Wegbier trinkt, belästige natürlich niemanden. Sie hofft aber auf die Einsicht ihrer Kunden, dass der Nahverkehr durch das Alkoholverbot sauberer und angenehmer wird. Zahlen der Bahngesellschaft Metronom legen nahe, dass dies klappen könnte. Das Unternehmen, das einige Regionalbahnen zwischen Hamburg, Bremen und Hannover betreibt, registrierte ein Jahr nach dem Erlass eines Alkoholverbots einen starken Rückgang von Vandalismus und Müll.

"Lass die Finger von meinem Bier"

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Das Feierabendbier in der Bahn gehört zumindest in Hamburg der Vergangenheit an.

(Foto: picture alliance / dpa)

Bei einigen Kunden kann der HVV jedoch nicht auf Einsicht hoffen – vor allem unter jungen Hamburgern regt sich Widerstand. Sie empfinden das Verbot als Bevormundung und artikulieren auf Facebook in Gruppen wie "HVV lass verdammt nochmal die Finger von meinem Bier" ihre Missbilligung. Über 5000 Menschen haben sich mittlerweile über die Internet-Plattform zum "HVV-Abschiedstrinken" am 30. September verabredet – dann endet die Schonfrist, in der statt Bußgeldern von 40 Euro nur Verwarnungen ausgesprochen werden.

Die Internet-Satireseite "Der Postillon" überzieht die HVV mit Spott – in einem Artikel unter der Überschrift "Endlich beide Hände frei: U-Bahnschläger loben Alkoholverbot in Hamburger Nahverkehr". Bei allem Humor wirft der Beitrag eine wichtige Frage auf: Führt das Alkoholverbot überhaupt zu einer verbesserten Sicherheit?

Für Frank Henkel, Spitzenkandidat der CDU in Berlin, ist die Lage klar. Schon im Mai forderte er vor dem Hintergrund der regelmäßigen Gewaltausbrüche in den Bahnen der Hauptstadt eine Verbannung von Bier und Schnaps aus dem Nahverkehr. Dies wäre "ein wirksamer Beitrag für mehr Sicherheit und Ordnung im Nahverkehr". Der hessische Innenminister Boris Rhein positionierte sich angesichts der Einführung in Hamburg in der "Welt" erneut als energischer Verfechter eines bundesweiten Verbots.

Dabei übersehen all jene, die den Hamburger Vorstoß für ihre Zwecke nutzen, dass die Hansestadt mitnichten als Vorzeigeprojekt taugt: "Die Sicherheit steht beim Alkoholverbot gar nicht im Vordergrund", stellt Maja Weihgold klar. Die stellvertretende Sprecherin der Hochbahnwache  sieht den Zweck eher darin, den Fahrgästen ein besseres Gefühl zu geben. "Wenn ich mich wohl fühle, fühle ich mich dann vielleicht in einem nächsten Schritt sicherer". Hier handele es sich allerdings eher um "subjektive Sicherheit".

Dem Personal der Hochbahnwache steht mit der Durchsetzung des Verbots eine delikate Aufgabe ins Haus – kein Problem, meint Weihgold: "Ob unsere Angestellten die Leute wegen Vandalismus oder Alkoholgenuss ansprechen, die Gefahr einer Eskalation ist immer gegeben." Das Personal werde ohnehin angewiesen, mit "Augenmaß" zu agieren. Taschenkontrollen soll es nicht geben, die Wachleute dürfen je nach Situation auch einmal den Bußgeldbescheid stecken lassen. Law and Order sieht anders aus.

Aus den Zügen, aus dem Blick?

Eine Verbesserung der Sicherheitssituation kann auch Jens Wieseke, stellvertretender Vositzender des Berliner Fahrgastverbandes IGEB, nicht erkennen: Das strikte Alkoholverbot hält er für einen "Schnellschuss". Zwar wisse er von Polizisten, dass Alkohol oft aggressionsfördernd wirke -  was aber, fragt er, sei mit anderen Drogen?

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Das Thema Alkohol in Bus und Bahn dürfte auch Innenminister Friedrich bald wieder beschäftigen.

(Foto: picture alliance / dpa)

"Wenn man nicht will, dass Alkohol im Nahverkehr konsumiert wird, muss man noch ganz andere Sachen ansprechen", meint Wieseke und wird konkreter: "Wenn ich am Berliner U-Bahnhof Klosterstraße aussteige, wo der Berliner Innensenator sitzt, könnte ich dort Drogen kaufen." Letztlich, gibt Wieseke zu bedenken, handele es sich um ein gesamtgesellschaftliches Problem. Alkohol sei leider eine akzeptierte Droge und werde überall getrunken.

Damit spricht Wieseke ein weiteres Problem an, dass mit einem Alkoholverbot im Nahverkehr entsteht: Wenn Alkohol fast überall konsumiert werden darf - in Kinos, Parks, im Wahlkampf -, warum dann nicht in Bussen und Bahnen? Ein wirkliches Programm ist mit dem Verbot jedenfalls nicht verbunden. Die Drogenbeauftrage der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans, versprach sich im Interview mit n-tv ein "anderes Konsumverhalten". "Wir trinken sehr viel Alkohol. Wenn das im Übermaß geschieht, ist das oft mit Gewalt und Vandalismus verbunden." Deswegen, schlussfolgerte Dyckmans, müsse der Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit zurückgedrängt werden. Wohin er verschwinden soll, erklärte die FDP-Politikerin nicht.

Quelle: n-tv.de

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