Preußens TugendenKlischees, Mythen, Legenden
Als Altkanzler Helmut Schmidt vor einigen Jahren verlorengeglaubte Tugenden wie Pflichtbewußtsein rehabilitieren wollte, erwiderte ihm Oskar Lafontaine, damals Ministerpräsident des Saarlandes: "Mit solchen Tugenden hätte ein Konzentrationslager geleitet werden können ".
Dieses Zitat illustriert die Schärfe der Diskussion um das Erbe Preußens. Kritiker des "Mythos Preußen" ziehen eine historische Linie von den Tugenden, die in den Obrigkeitsstaat und später in den Nationalsozialismus (NS) geführt hätten. Konservative Historiker verteidigen die alten Werte als Grundlage eines solidarischen Gemeinwesens, als Schutzwall gegen Egoismus und Individualismus.
Der Soldatenstaat habe seine Bürger zu Untertanen erzogen, lautet das Argument der Kritiker. Militarismus, Befehl und Gehorsam, unbedingte Bereitschaft zu Dienst und Leistung, Selbstdisziplin, Sparsamkeit und das eingangs genannte Pflichtbewußtsein hätten demokratischem Geist keinen Vorschub geleistet. Die gescheiterte Revolution von 1848, der aggressive Nationalismus des 1871 gegründeten Deutschen Reichs und die NS-Opfer seien folgerichtig ein Ergebnis dieser preußischen Mentalität.
Sparsamkeit und Toleranz sind nichts als Legende, behauptet gar der Publzist Wolf Schneider. Die preußischen Könige litten unter Verschwendungssucht und die religiöse Toleranz sei "geschäftstüchtiges Kalkül" gewesen. Begriffe wie Mut stünden lediglich für soldatische Haltung, schrieb Schneider in einer Beilage der Berliner Morgenpost.
Preußen regelte Konflikte auch am Konferenztisch
Der Geschichtsprofessor Julius H. Schoeps beurteilt den Militarismus und die Tugenden Preußens differenzierter. Unter Friedrich dem Großen (1740-1786) explodierten zwar die Militärausgaben, doch galt den Hohenzollern Krieg als "ultimatio ratio ", als lezte Möglichkeit. Oft genug löste das Königreich Konflikte nicht auf dem Schlachtfeld, sondern am Konferenztisch. Preußische Tugenden wurden von den Nationalsozialisten instrumentalisiert. Zwischen 1933 und 1945 sei Pflichterfüllung zur Unmenschlichkeit verkommen.
Der Historiker Heinrich von Sybel rechnete aus, dass Preußen und das Deutsche Reich an allen zwischen 1701 und 1933 geführten Kriegen nur zu acht Prozent beteiligt gewesen sei. Der alte "Erzfeind" Frankreich schlägt mit 28 Prozent zu Buche.
Der vorbildliche Staat
Nicht Preußens Heere lehrten Europa das fürchten, ist denn auch die Meinung des verstorbenen Buchautors Sebastian Haffner. Es sei die "Qualität seiner Staatlichkeit gewesen". Eine unbestechliche Verwaltung und unabhängige Justiz machten aus Preußen den modernsten Staat des Kontinents. Napoleon nahm sich dieses Modell zum Vorbild.
Aufruf zu Gelassenheit
Grautöne in der Debatte um die Bedeutung Preußens sind selten zu hören. Bundespräsident Johannes Rau rief deshalb bereits vor Beginn der Jubiläums-Veranstaltungen zu Gelassenheit auf.