Politik

Reaktionen auf Istanbul-Anschläge Manche Muslime "feiern Ende der Türken"

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Es wird vermutet, dass der Islamische Staat hinter dem Anschlag steckt.

(Foto: AP)

Reaktionen in sozialen Medien spiegeln, wie aufgeheizt die Stimmung unter Muslimen ist – manche freuen sich sogar offen über neue Terroranschläge. n-tv Nahost-Experte Constantin Schreiber im Interview.

n-tv.de: Welche Reaktionen gibt es zu den Anschlägen im Netz?

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Constantin Schreiber: Es ist nach wie vor so, dass die überwiegende Zahl arabischer Muslime Anschläge wie die jetzt in Istanbul verurteilt. Ein Nutzer schreibt bei Twitter etwa, sie seien "Verbrechen gegen die Menschen und den Glauben". Viele fürchten auch, dass mit jedem weiteren Anschlag Muslime immer stärker unter einen Generalverdacht geraten, insgeheim Terrorismus zu unterstützen. Gerade viele, die bei uns leben, haben Angst, dass der Alltag für sie dadurch ganz konkret schwieriger wird. Aber, und das muss man auch offen ansprechen, Terroranschläge rufen auch Unterstützung, Zuspruch und sogar Freude bei manchen Menschen hervor. Einige schreiben etwa bei Twitter: "Wir werden das Ende der Türken feiern."

Nimmt die Polarisierung zu?

Ganz eindeutig ja. In dem Maße wie Länder im Nahen Osten wie der Irak, Syrien oder Libyen im totalen Chaos versinken, gibt es eine immer größer werdende kritische Masse an Menschen, die das Gefühl haben: "Das geschieht denen Recht". Der Westen wird zumindest für die katastrophalen Lebensbedingungen im Irak verantwortlich gemacht. Dort sterben bis heute zahlreiche Menschen durch Gewalt und islamistischen Terror, nicht zuletzt des IS. Da denken immer mehr Iraker, warum soll es denen besser gehen als uns, die für unser Elend verantwortlich sind. In ähnlicher Weise gilt das für Syrien und andere arabische Länder, in denen sich Menschen von der internationalen Staatengemeinschaft in einem Todesstrudel im Stich gelassen fühlen.

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Constantin Schreiber

(Foto: Charles Yunck)

Warum auch diese kritische Grundhaltung arabischer Muslime gegenüber der Türkei?

Erdogan ist in der arabischen Welt nicht weniger umstritten als bei uns. Er will ja die Türkei zur maßgeblichen "Großmacht" in der Region aufbauen und mischt sich immer häufiger und immer stärker in arabische Politik ein. Dem steht eine vollkommen zerstrittene arabische Welt gegenüber. Die mangelnde Solidarität innerhalb der arabischen Welt ist ein großes Thema. Arabische Staaten sind zu Gegenspielern untereinander geworden. Von einer "arabischen Einheit", wie viele sie sich wünschen würden, ist nichts zu spüren. Wenn dann ein großer Nachbarstaat wie die Türkei in der Region eine Führungsrolle beansprucht, ruft das große Ablehnung hervor.

Welche Rolle spielen Deutschland und Europa da?

Es ist ja nichts Neues, dass der Westen das Feindbild von Islamisten ist. Aber der Fokus hat sich doch stark verschoben. Lange war Amerika DAS Feindbild. Ich kann mich erinnern, auf meinen zahlreichen Reisen in der Region noch vor ein paar Jahren, wurde ich immer zuerst grimmig gefragt, ob ich "Ameriki", also ein Amerikaner sei. Wenn ich dann sagte, ich komme aus Europa, aus Deutschland, änderte sich die Grundhaltung sofort. Man wurde freundlich behandelt, Europa und Deutschland seien ja "gute Nationen". Das ist so nicht mehr. Heute ist Europa das Feindbild. Eine Reaktion gestern Abend auf die Anschläge in Istanbul war zum Beispiel auch "bald wird Europa ins Zeitalter der Finsternis zurück kehren". Und wenn man sich Stimmungen und Erwartungen in sozialen Netzen anschaut, wird erschreckenderweise klar: Die meisten glauben, Deutschland ist als nächstes dran.

Quelle: n-tv.de

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