Politik

Ethikrat im "ntv Frühstart" Maßnahmen sind "fürchterlich aber notwendig"

Für die harten Corona-Maßnahmen bekommt die Bundesregierung Rückendeckung vom Nationalen Ethikrat. Sie seien ethisch gerechtfertigt, in der jetzigen Situation "muss man einfach umsteuern", sagt die Vorsitzende Buyx im "ntv Frühstart".

"Ethisch gerechtfertigt" - so kommentiert die Vorsitzende des Deutschen Ethikrats und Professorin für Medizintechnik an der Technischen Universität München, Alena Buyx, die neuen Corona-Maßnahmen der Bundesregierung. "In einem Satz kann man sagen: Das ist fürchterlich, aber notwendig. Wir haben eine Situation, in der relativ gut absehbar ist, dass wir in einigen Wochen in die Überlastung des Gesundheitswesens kommen würden. Da muss man einfach umsteuern", sagte Buyx im "Frühstart" von ntv und fügte hinzu: "In der gegenwärtigen Lage ist das auch ethisch gerechtfertigt."

Man habe im Deutschen Ethikrat bereits im März formuliert, dass, wenn es zu einer Überlastung im Gesundheitswesen käme, dann auch "sehr drastische Maßnahmen ethisch gerechtfertigt" wären. Allerdings fehle es an einer Diskussion über die psychischen Auswirkungen der Corona-Regeln auf die Menschen. "Diese Pandemie zeigt uns, dass es viele ethische Abwägungsfragen und Konflikte gibt. Aber was unterbelichtet ist, das sind tatsächlich die psychischen Folgen", so Buyx.

"Differenzierter als im Frühjahr"

Weiter sagte Buyx, dass die neuen Maßnahmen zwar gerade in den Wintermonaten nicht leicht für die Menschen seien, aber: "So herb das jetzt ist: Das ist sehr viel differenzierter, als es im Frühjahr war. Wenn das nicht der Fall wäre, dann wäre das problematisch." Allerdings müssten die kommenden vier Wochen genutzt werden, um sich auf die Zeit danach besser vorzubereiten.

Auf die Frage, ob die neuen Corona-Regeln denn die Würde des Menschen angreife, sagte Buyx: "Wir hatten im Frühjahr Situationen, wo Menschen ganz einsam und allein gestorben sind. Wir hatten Situationen völliger Isolation bei ganz vulnerablen Gruppen. Das ist als einer der typischen Bereiche beschrieben worden, in denen es zu wirklich schweren Würdeverletzungen gekommen ist." Nun vier Wochen nicht Essengehen zu können, "ist, glaube ich keine Verletzung der Menschenwürde. Da muss man schon die Kirche im Dorf lassen. Aber insgesamt greifen uns natürlich diese Einschnitte auch in unseren Freiheitsrechten an", sagte Buyx.

Kassenärzte-Papier geht an Realität vorbei

Weiter kommentierte Buyx ein Positionspapier der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, in dem die derzeitige Strategie von Bund und Ländern kritisiert wird. Unter anderem wird dort gefordert, zu hinterfragen, ob das grundlegende medizinisch-ethische Prinzip des ärztlichen Handelns "erstens nicht schaden" wirklich auf die derzeitige Situation angewandt würde.

Das Papier gehe aber an der "gegenwärtigen Realität vorbei", gerade wenn man bedenke, dass eine Überlastung des Gesundheitssystems bei weiter steigenden Infektionszahlen bevorstehe, so Buyx. "Das kommt nicht zum richtigen Zeitpunkt und bietet auch nicht wirklich etwas an. Das ist dann auch aus ethischer Perspektive durchaus verantwortungslos", sagte Buyx zu ntv.

Quelle: ntv.de