Politik

ISAF-Bericht zum Kundus-Angriff NATO dementiert Existenz

Der von der Bundeswehr angeordnete Luftangriff auf entführte Tankwagen sorgt weiter für Ungereimtheiten. Medienberichten zufolge kam die ISAF in einer Untersuchung zu dem Ergebnis, dass Oberst Klein Kompetenzen überschritten habe. Nun behauptet die NATO, ein solcher Bericht existiere überhaupt nicht.

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Hat Oberst Georg Klein die Lage falsch eingeschätzt?

(Foto: AP)

Die NATO hat bestritten, dass das Vorgehen der deutschen Bundeswehr beim Bombenangriff auf zwei Tankwagen in Afghanistan in einem vorläufigen NATO-Bericht scharf kritisiert worden sei. "Ich habe heute mit der (Afghanistan-Schutztruppe) ISAF gesprochen", sagte NATO-Sprecher James Appathurai in Brüssel. "Und man hat mir versichert, dass es keinen ISAF-Bericht gibt, in dem irgendwelche Schlussfolgerungen oder Bewertungen hinsichtlich des Zwischenfalls in Kundus stehen."

Unter Berufung auf einen ungenannten führenden NATO-Offizier hatte unter anderem die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, mit der Genehmigung für den Luftangriff auf zwei Tanklastzüge in der vorigen Woche habe der deutsche Oberst in Kundus offensichtlich gegen die neuen Regeln der Afghanistan-Schutztruppe ISAF verstoßen. Eine Entscheidung solcher Tragweite habe er nicht ohne Rücksprache mit dem ISAF- Hauptquartier treffen dürfen.

Noch "keinerlei Bewertungen"

Der NATO-Sprecher sagte: "Ich habe keine Ahnung, woher diese Berichte kommen." Es gebe eine offizielle Untersuchung. Bis deren Ergebnis vorliege, werde es "noch einige Zeit brauchen". Zudem habe es kurz nach der Bombardierung der Tankwagen einen Besuch von US-Admiral Gregory Smith am Einsatzort gegeben. Dieser habe auch Fakten hinsichtlich des Ablaufs gesammelt: "In diesem Bericht gibt es keinerlei Bewertungen."

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Laut ISAF-Bericht waren die beiden Tanklaster beim Zeitpunkt des Angriffs manövrierunfähig und nicht wie von der Bundeswehr behauptet "rollende Bomben".

(Foto: AP)

Die "Süddeutsche Zeitung" schrieb, ein NATO-Offizier halte es für "sonnenklar", dass der Oberst den vorgeschriebenen Befehlsweg nicht eingehalten habe. Es habe keine unmittelbare Bedrohung für ISAF- Truppen gegeben. Die beiden Tanklaster, die nach Darstellung der Bundeswehr als rollende Bomben hätten eingesetzt werden können, hätten auf einer Sandbank im Fluss Kundus festgesteckt. Ferner dürfe der sogenannte "Close Air Support", die Unterstützung durch Kampfflugzeuge, nur angefordert werden, wenn Soldaten am Boden in Gefechte verwickelt seien. Dies war nicht der Fall. Zwei US-Kampfjets hatten schließlich die Bomben abgeworfen.

Kabul verteidigt Bundeswehr

Der afghanische Außenminister Rangin Spanta hat sich in der Debatte über die vom deutschen Oberst Georg Klein angeordnete Bombardierung zweier Tanklastzüge in Kundus vor die Bundeswehr gestellt. Zwar müsse bei militärischen Aktionen der Schutz von Zivilisten im Vordergrund stehen, "aber das ist ein Krieg, und bedauerlicherweise kann so etwas passieren", sagte Spanta der "Süddeutschen Zeitung".

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"Das ist ein Krieg, und bedauerlicherweise kann so etwas passieren", sagt der afghanische Außenminister Spanta.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Die Bundeswehr leiste in Afghanistan seit Jahren gute Aufbauarbeit, ergänzte der Außenminister. Zudem seien die afghanische Polizei und das Militär noch nicht allein in der Lage, das Land zu verteidigen. Die Taliban bemühten sich mit aller Macht, vor der Bundestagswahl "solche Aktionen zu unternehmen, um die deutsche Öffentlichkeit zu beeinflussen", sagte Spanta in Bezug auf die am Freitag von Taliban gekaperten Tanklastzüge.

Der vorläufige ISAF-Bericht zu dem Angriff in der Nacht zu Freitag stellt der Zeitung zufolge auch fest, dass die Anforderung von Luftunterstützung durch zwei US-Kampfjets, die schließlich die tödlichen Bomben auf zwei von Taliban entführten Tanklaster warfen, nicht zu erklären sei. Der sogenannte "Close Air Support" dürfe nur angefordert werden, wenn Soldaten am Boden in Gefechte verwickelt seien. Dies war aber nicht der Fall. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums habe das Papier einen "Reisebericht" mit unbestätigten Spekulationen genannt, schrieb die "Süddeutsche Zeitung". Vor dem Abschluss der Untersuchungen werde das Ministerium nicht zu derartigen Spekulationen Stellung nehmen.

Bundeswehr zu schwach in Kundus

Der Luftangriff ist nach Informationen der "Neuen Osnabrücker Zeitung" auch auf die Truppenschwäche der Bundeswehr in Kundus zurückzuführen. Wie die Zeitung unter Berufung auf hochrangige deutsche Militärs berichtete, hatte der Leiter des deutschen Wiederaufbau-Teams in Kundus keine Möglichkeit, Bodentruppen zu entsenden. "Zu dem Zeitpunkt standen dem Oberst keine ausreichenden Kräfte zur Verfügung, da alle Kampftruppen anderswo im Einsatz oder bereits für eine andere Mission eingeplant waren", sagte ein deutscher Offizier dem Blatt.

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In der deutschen Bevölkerung - hier Proteste in Kassel - wächst der Unmut.

(Foto: dpa)

Seinen Angaben zufolge gehört fast jeder zweite der 950 in Kundus stationierten Mann den Kampftruppen an. Da deren Verantwortungsbereich jedoch die Größe Hessens umfasse, "müsste eigentlich jedem klar sein, dass wir die Region Kundus mit mehr als 400 Soldaten nicht sichern können". Die Truppen seien "nahezu ununterbrochen im Einsatz".

Steinmeier weist Kollegen in die Schranken

Kritische Äußerungen von Frankreich und Großbritannien sind vom deutschen Außenminister zurückgewiesen worden. Frank-Walter Steinmeier sagte der "Bild"-Zeitung: "Gerade von unseren NATO- und EU-Partnern erwarte ich, dass sie das Ergebnis der Untersuchung abwarten. Man kann doch kein Urteil fällen, ohne die Fakten zu kennen. Das habe ich meinen Amtskollegen auch sehr klar gesagt."

Der französische Außenminister Bernard Kouchner hatte gesagt, der Angriff habe der afghanischen Zivilbevölkerung großen Schaden zugefügt. Sein britische Kollege David Miliband hatte erklärt, "zivile Opfer seien das Gegenteil von dem, weshalb wir dort sind."

Quelle: ntv.de, dsi/hdr/rts/AFP/dpa

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