Politik

Helfer trotz Corona eingeflogen Ohne Osteuropäer verdirbt Briten die Ernte

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Zumindest die Rosenkohlernte verlief im Dezember in Wolverhampton noch störungsfrei.

(Foto: picture alliance / Aaron Chown/P)

Großbritannien steuert auf ein Ausscheiden aus der EU zu, ohne dass die künftigen Beziehungen geregelt wären. Das könnte viele Jobs kosten. Der Versuch, Briten stattdessen in der Landwirtschaft zu beschäftigen, scheitert krachend. Das sollte London eine Warnung sein.

Noch vor wenigen Monaten gab es hier in Großbritannien nur ein Thema: Brexit. Am 31. Januar um 23 Uhr Ortszeit - einem großen Tag für EU-Gegner - hatte das ewige Hin und Her ein Ende. Es war klar: Großbritannien hat die EU verlassen. Danach wurde es um den Brexit relativ ruhig. Warum denn auch noch über etwas sprechen, was schon passiert ist?

Zu Erinnerung: passiert ist eigentlich noch gar nichts. Großbritannien ist zwar offiziell raus aus der EU, befindet sich aber noch bis Ende des Jahres in einer Übergangsphase, in der alles beim Alten bleibt. Sollte bis dahin allerdings kein Handelsabkommen zwischen Großbritannien und der EU geschlossen werden können - außer den Brexit-Hardlinern glaubt kaum jemand, dass das klappen kann -, verliert Großbritannien am 31. Dezember seinen privilegierten Zugang zu seinem wichtigsten Handelspartner, den EU-Ländern.

Auch wegen des Ausbruches einer weltweiten Pandemie mussten sich Boris Johnson und sein Kabinett hierzu zuletzt keinerlei Fragen und Kritik stellen. Doch das dürfte sich jetzt ändern. Schuld daran sind die Bauern. Die brauchen nämlich dringend Arbeitskräfte, die ihre Felder bewirtschaften, ihre Maschinen bedienen und ihre Früchte pflücken. Das waren bisher osteuropäische Saisonarbeiter - nur die kann man jetzt natürlich schlecht einreisen lassen, inmitten einer Gesundheitskrise, oder?

"Pflücke für Großbritannien"

Das fand vor einigen Wochen auch die Regierung und hat wohl gedacht, sie schlage zwei Fliegen mit einer Klappe. Schließlich hatten auch in Großbritannien wegen der Corona-Krise viele Menschen ihre Arbeit verloren. Sie appellierte mit der Kampagne "Pick for Britain ("Pflücke für Großbritannien") an joblose Briten, sich für die Feldarbeit zu bewerben. In der Theorie eine gute Idee - die Bauern sind zufrieden, das Volk bekommt sein Obst und Gemüse und es wird sich gleichzeitig auf die Post-Brexit-Zeit vorbereitet.

Nur hat auch ein theoretisch lückenloser Plan in der Praxis manchmal Löcher. Das größte Loch in diesem Fall: Die wenigsten Briten wollen auf den Feldern arbeiten und noch viel weniger von denen, die wollen, können es. Immerhin: Um die 30.000 Briten haben sich tatsächlich beworben. Davon wurden bisher aber nur 125 angestellt. Das liegt zum einen daran, dass manche mit der Arbeitszeit, den Arbeitsbedingungen, oder dem Arbeitsort nicht zufrieden waren, zum anderen aber auch daran, dass sie einfach nicht für die Arbeit auf den Feldern gemacht sind und den Bauern mehr Arbeit bereiten als abnehmen würden.

Also zurück zur Ausgangsfrage: Man kann doch nicht einfach osteuropäische Saisonarbeiter einreisen lassen inmitten einer Gesundheitskrise, oder?

Eigentlich wollte man ja keine Europäer mehr...

Doch, kann man. Man kann sie sogar mit einer gecharterten Maschine einfliegen lassen. Es fehlen nämlich noch rund 80.000 Feldarbeiter für den Sommer. Und so ist vergangene Woche die erste Gruppe eingeflogen worden, um die 150 Rumänen. Zwei Wochen zuvor schon hatte Nick Ottewell, ein Salatbauer aus Kent - wo übrigens eine große Mehrheit für den Brexit gestimmt hat -, auf eigene Faust 80 Osteuropäer einfliegen lassen, obwohl er noch gar keine Arbeit für sie hatte. Trotzdem hat er sie bezahlt und ihnen eine Unterkunft gegeben - denn sogar das sei günstiger für ihn, als ungeübte Briten einzustellen, erzählte er der BBC. Für die Saisonarbeiter hätte es besser nicht laufen können.

Es bleibt dennoch ein fader Beigeschmack. Großbritannien, das Land, das fast vier Jahre lang betont hat, dass Europäer, die in Großbritannien arbeiten, "sich in der Schlange vordrängeln" - so Theresa Mays Worte; das Land, dessen neues Einwanderungssystem nur noch hochqualifizierten Ausländern mit mehr als 25.600 Pfund Jahreseinkommen ein Visum gewährt (auch wenn Innenministerin Priti Patel zugeben musste, dass ihre aus Uganda stammenden Eltern nach ihren Regeln nicht hätten einwandern dürfen); dieses Land lässt jetzt Osteuropäer einfliegen. Jetzt, in einer Zeit, in der jedem geraten wird, das Haus so wenig wie möglich zu verlassen und nicht zu reisen. In einer Zeit, in der zu Hause bleiben Leben rettet.

Derweil gibt die britische Regierung bekannt: Die Brexit-Übergangsphase soll nicht verlängert werden - das ginge nämlich noch bis Ende Juni. Und welch bessere Ausrede hätte es dafür gegeben als eine weltweite Pandemie, von der auch Teile beider Verhandlungsteams betroffen waren, sodass die Gespräche erst jetzt über Videochat wieder aufgenommen wurden?

Natürlich werden auch nach dem Brexit noch Europäer in Großbritannien arbeiten, sicher auch in der Saisonarbeit. Und trotzdem muss Großbritannien langfristig seine Strategie ändern - denn schon in 2019 gab es 11 Prozent zu wenig Feldarbeiter. Und das ohne Corona.

Quelle: ntv.de