Politik

Widerstandstraining in Stuttgart Protest will gelernt sein

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Rund 50 Stuttgart-21-Gegner trainieren während eines Aktionstrainings der "Parkschützer" das Anketten an Bäumen, die für das Bahnprojekt Stuttgart 21 gefällt werden sollen.

dpa

Für den Widerstand gegen Stuttgart 21 gibt es spezielle Aktionstrainings. Manche Teilnehmer hätten sich nie träumen lassen, sich eines Tages an einen Baum zu ketten.

Ja, auch über die Sache mit dem Urin habe sie sich Gedanken gemacht, sagt Andrea Schmidt lachend. Für so etwas gebe es eben Erwachsenenwindeln und spezielle Plastikbeutel, die eigentlich zur Ausrüstung für Extremsportler zählen. Das, was Andrea Schmidt vorhat, ist in den Augen vieler Menschen extrem: Wenn im Stuttgarter Schlosspark die ersten Bäume für das umstrittene Bahnprojekt Stuttgart 21 gefällt werden, will sie sich festketten. Damit Schmidt weiß, wie eine solche Aktion abläuft und wie sie sich zur Not von Polizisten wegtragen lassen kann, hat sie zusammen mit rund 50 anderen Menschen an einem Widerstandstraining der Parkschützer teilgenommen.

"Wehrt Euch, leistet Widerstand", singen die angeketteten Projektgegner zu Beginn dieses Trainings. In Gruppen sitzen sie um die uralten Bäume;, rund ein Dutzend Menschen sind sogar an einer Pappel festgekettet. "Gegen das Milliardengrab im Land. Schließt euch fest zusammen, schließt euch fest zusammen", skandieren sie weiter, die Hände unter den Knien verschränkt. Doch es nützt nichts: Andere Teilnehmer des Trainings in gelben Warnwesten spielen die Rolle der Polizei und tragen die Demonstranten davon - ohne dass diese handgreiflich werden. Auch das Training soll zeigen, was laut "Aktionskonsens" der Gegner ihren Protest auszeichnet: absolute Gewaltfreiheit.

Menschen wollen sich anketten

"Wir nutzen alle Möglichkeiten des zivilen Ungehorsams", sagt auch Elke Edelkott, eine Vertreterin der Parkschützer, die bei der Organisation des Trainings mithilft. Alle zwei Wochen findet eine solche Übung statt. Das Interesse ist groß, denn auf der Homepage der Parkschützer haben mehr als 2300 Menschen angegeben, dass sie sich beim Fällen der Bäume anketten wollen. "Wir hoffen aber, dass es noch ein Einlenken gibt", sagt Edelkott. Mit dem alternativen Plan K21, der eine Modernisierung des bestehenden Kopfbahnhofs vorsieht, gebe es eine Möglichkeit, dass der Park nicht zerstört werde.

Die Projektbefürworter sehen das anders: K21 sei viel zu teuer, argumentieren sie. Außerdem würden für die 282 Bäume, die im mittleren Schlossgarten gefällt werden sollen, 293 bis zu 12 Meter hohe Bäume gepflanzt, erklärt Projektsprecher Wolfgang Drexler auf der Homepage von Stuttgart 21. "Mit Stuttgart 21 entstehen 20 Hektar neue Parkflächen, sowie 10 Hektar Grünflächen, Parks und Straßengrün in den neuen Stadtteilen." 5000 Bäume würden insgesamt neu gepflanzt und der Gleisriegel, der bisher die Stadt teilt, mache Platz für eine Vergrößerung des Parks.

Andrea Schmidt lässt solche Argumente nicht gelten. Sie will mit ihrem Protest zeigen, dass sie sich als Bürgerin übergangen fühlt. "Stuttgart 21 ist für mich exemplarisch, dass es heutzutage nur noch um die Wirtschaft geht und darum, was ein Mensch wert ist" sagt sie. Sie wolle den derzeitigen Park erhalten, damit ihre Kinder darin aufwachsen könnten, sagt die 42-jährige noch. Dann geht sie mit rasselnden Ketten davon; es beginnt eine zweite Protestübung.

Quelle: n-tv.de, Christian Fahrenbach, dpa

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