Politik

Erinnerung an Holocaust Reich-Ranicki hält bewegende Gedenkrede

Der Bundestag gedenkt der Opfer des Nationalsozialismus. Anlass ist der 67. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki erinnert in seiner Gedenkrede an die Verfolgung der Juden und den von den Nazis organisierten Völkermord. Der 91-Jährige hatte das Warschauer Ghetto überlebt.

Mit brüchiger Stimme schilderte Marcel Reich-Ranicki im Bundestag seine Zeit im Warschauer Ghetto: Als Protokollant einer Sitzung war er 1942 mit dabei, als die Nationalsozialisten die Deportation tausender Juden ins Vernichtungslager Treblinka einleiteten. Die "Umsiedlung" der Juden aus Warschau "hatte nur einen Zweck: den Tod", berichtete der 91-Jährige in seiner bewegenden Rede. Der scharfzüngige Kritiker ist eben nicht nur der gefürchtete Litaraturpapst, sondern ein wichtiger Zeitzeuge des Holocaust.

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Marcel Reich-Ranicki spricht im Deutschen Bundestag.

(Foto: dpa)

Es war die Zeit des aufkeimenden Nationalsozialismus, die den späteren Leiter des "Literarischen Quartetts" in jungen Jahren prägte. Der am 2. Juni 1920 im polnischen Wloclawek geborene Sohn des Fabrikanten David Reich wuchs zwar zunächst behütet auf und besuchte die deutsche Schule. Doch nach der Pleite des Vaters schickten ihn die Eltern nach Berlin zu Verwandten. Dort geriet Reich-Ranicki in die fortschreitende Juden-Verfolgung. Wegen seiner Religion wurde er von Schulausflügen und anderem ausgeschlossen.

Reich-Ranicki widmete sich in dieser Zeit vor allem der Literatur. "Ein extremes, ein unheimliches Gefühl hatte mich befallen und überwältigt. Ich war verliebt. Ich war verliebt in sie, die Literatur", erinnerte er sich später. 1938 konnte er noch sein Abitur machen. Schon Wochen danach ging es nur noch ums Überleben. Die Nazis verhafteten ihn und wiesen ihn nach Polen aus.

In Warschau lernte er seine spätere Frau Teofila, genannt Tosia kennen. Es entstand eine symbiotische Liebe, die bis zu Tosias Tod im Frühjahr 2011 hielt. Nach ihrer Zwangsumsiedlung ins Warschauer Ghetto heirateten sie. Die junge Ehe der beiden war im Ghetto von Anfang an ein Überlebenskampf, über den er auch am Freitag im Bundestag berichtete.

Flucht aus dem Ghetto

Im Januar 1943 sollten beide vergast werden - auf dem Weg zum Versammlungsplatz des Ghettos gelang es ihnen jedoch, sich zu verstecken. Bald darauf gelang dem Paar auch die Flucht aus dem Ghetto. Ein arbeitsloser Schriftsetzer versteckte sie schließlich.

Doch bei ihrem Beschützer Bolek Gawin bestand die Gefahr, dass er seine für ihn selbst gefährlichen Gäste wieder rausschmeißen könnte. Reich-Ranicki half sich mit der Macht der Literatur und unterhielt seinen Gastgeber mit Nacherzählungen von Büchern. "Je besser eine Geschichte war, je spannender, desto mehr wurden wir belohnt. Mit einem Stück Brot, mit zwei Mohrrüben oder dergleichen. "Der Plan ging auf - anders als seine Eltern und sein Bruder Alexander Herbert überlebte Reich-Ranicki den Holocaust.

Bis 1958 blieben er und seine Frau mit ihrem 1948 geborenen Sohn Andrzej Alexander in Polen. Dort arbeitete Reich-Ranicki zunächst für die Geheimpolizei, später dann als Lektor und Schriftsteller. Doch bei einer Studienfahrt blieb er 1958 in Frankfurt am Main, bald folgten ihm auch Frau und Sohn. Reich-Ranicki begann seine Laufbahn als Literaturkritiker: Zunächst für die "Frankfurter  Allgemeine Zeitung", dann für die "Zeit" und später wieder für die "FAZ".

Seine Bedeutung für die deutschsprachigen Schriftsteller brachte einmal der Dichter Wolfgang Koeppen auf den Punkt. "Er schreibt über mich, also bin ich." Doch den Ruf als "Literaturpapst" erlangte er erst mit dem Einstieg beim ZDF 1988. Dreizehn Jahre lang leitete Reich-Ranicki dort das Literarische Quartett. Der polternde Reich-Ranicki, der von ihm missbilligte Romane in Grund und Boden stampfen konnte, ist seither vielen im Gedächtnis verwurzelt. All jene, die seine zum Bestseller gewordene  Biographie "Mein Leben" nicht kennen, haben am Freitag einen anderen Reich-Ranicki kennengelernt.

Quelle: ntv.de, von Ralf Isermann und Jürgen Petzold, AFP

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