Politik

Teile der Dissertation abgeschrieben? Schwere Vorwürfe gegen Guttenberg

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"Ob bei über 1200 Fußnoten und 475 Seiten vereinzelt Fußnoten nicht oder nicht korrekt gesetzt sein sollten", kann Guttenberg nicht sagen.

(Foto: dpa)

Von mindestens acht Autoren soll Verteidigungsminister Guttenberg in seiner Doktorarbeit Textpassagen übernommen haben. Er selbst bestreitet, fremde Texte kopiert zu haben, ohne Quellen zu nennen. Die Uni Bayreuth will Guttenberg nun zu einer Stellungnahme auffordern. Experten nennen die Vorwürfe im Gespräch mit n-tv.de "schwerwiegend".

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg gerät wegen der Plagiats-Vorwürfe bei seiner Dissertation immer stärker unter Druck. In seiner Doktorarbeit gibt es offenbar mehr Passagen als bisher angenommen, die wörtlich mit Formulierungen anderer Autoren übereinstimmen und nicht entsprechend gekennzeichnet wurden. Guttenberg streitet die Vorwürfe ab. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet, dass der Minister den Anfang seiner Einleitung aus einem Artikel der Zeitung fast eins zu eins abgeschrieben habe.

Der Bremer Juraprofessor Andreas Fischer-Lescano wirft Guttenberg vor, mit seiner Dissertation gegen die Promotionsordnung der Universität Bayreuth verstoßen zu haben - der Doktortitel könnte damit aberkannt werden. Nach Fischer-Lescanos Recherchen für die Fachzeitschrift "Kritische Justiz" soll Guttenberg bei insgesamt acht Autoren Textpassagen übernommen haben, ohne dies ausreichend zu kennzeichnen, schreibt die "Financial Times Deutschland" (FTD).

Vom Botschafter abgeschrieben?

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Juraprofessor Andreas Fischer-Lescano hat die kopierten Passagen entdeckt.

(Foto: dpa)

Zu den Autoren, bei denen der Verteidigungsminister abgekupfert habe, zählen den Angaben zufolge unter anderem der Tübinger Europarechtler Martin Nettesheim, der frühere EU-Botschafter in den USA, Günter Burghardt, und die Journalistin Sonja Volkmann-Schluck. Auch einen Text aus der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vom Juli 2003 listet der Juraprofessor auf. Die Doktorarbeit sei an mehreren Stellen "ein dreistes Plagiat" und "eine Täuschung", so Fischer-Lescano. "Die Textduplikate ziehen sich durch die gesamte Arbeit und durch alle inhaltlichen Teile."

Nach Angaben der "Süddeutschen Zeitung" geht es auch um eine Textpassage aus einem Bericht der "NZZ (Neue Zürcher Zeitung) am Sonntag" vom 22. Juni 2003, eine Passage aus einem Aufsatz des Politikwissenschaftlers Hartmut Wasser sowie um die schriftliche Fassung eines Vortrags des Politologen Wilfried Marxer am Liechtenstein-Institut von 2004. Bei allen Passagen finde sich kein Nachweis. Der NZZ-Text sei in zwei Details geändert worden, die beiden übrigen Texte zeigten kleine Abwandlungen.

Die Schweizer Journalistin Klara Obermüller, die den Artikel für die NZZ geschrieben hat, findet das Verhalten "nicht sehr ehrenhaft und eigentlich auch nicht sehr klug". "Es kostet ja keine Mühe, Anführungszeichen zu machen - vorne eins, hinten eins, die Quelle angeben, und schon ist man schön raus und hat den Gedanken trotzdem drin", sagte die Autorin.

Hochschulverband beschwichtigt

Der Geschäftsführer des Deutschen Hochschulverbands (DHV), Michael Hartmer, sieht angesichts der bisher geäußerten Vorwürfe gegen Guttenberg keine Grundlage für eine Aberkennung des Doktortitels. Der Geschäftsführer des Berufsverbands der deutschen Universitätsprofessoren sagte der FTD, bislang gebe es allenfalls Anlass für eine Rüge. Zu den nicht ausgewiesenen Zitaten in der Arbeit sagte Hartmer: "So etwas kann passieren, das muss nicht vorsätzlich sein. Aber der Spaß hört auf, wenn jemand seitenweise Texte übernimmt, ohne die Quellen zu nennen."

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"Nicht sehr klug": Der Minister soll kopiert haben.

(Foto: dpa)

Die FAZ meldet zudem, der einleitende Absatz von Guttenbergs Arbeit decke sich fast wortwörtlich mit einem am 27. November 1997 in der Zeitung veröffentlichten Text der Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig. Das Zitat sei aber weder als solches kenntlich gemacht noch sei die Autorin in der Einleitung als Quelle angegeben. Lediglich im Literaturverzeichnis sei Zehnpfennigs Text aufgeführt.

Die Politologin selbst sagte, sie erkenne Passagen seiner Dissertation als ihren eigenen Artikel wieder. "Ich bin als Autor nicht angegeben", sagte Zehnpfennig. Das sei ein "eklatanter Verstoß gegen den wissenschaftlichen Anstand" und "politisch ungemein unklug". Sie sei verblüfft, dass Guttenberg so vorgegangen sei. "Denn in der Politik hat man immer Konkurrenten, und die suchen natürlich auch Schwachstellen. Eine solche zu liefern ist derart unüberlegt, dass ich das wirklich nicht verstehen kann."

Uni Bayreuth prüft

Die Universität Bayreuth will den Plagiats-Vorwürfen auf den Grund gehen. "Wir prüfen jetzt, ob dieser Vorwurf berechtigt ist", sagte der Dekan der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, Markus Möstl. Die Kommission zur Selbstkontrolle in der Wissenschaft an der Universität Bayreuth befasse sich mit den Vorwürfen gegen Guttenberg. "Wir werden die an der Universität Bayreuth vorgesehenen formalen Verfahrensschritte nutzen", erklärte Unipräsident Rüdiger Bormann. "Diese sind an die Richtlinien der Deutschen Forschungsgemeinschaft angelehnt." Die Hochschule werde demnach Guttenberg zu einer schriftlichen Stellungnahme auffordern.

"Der Vorwurf, meine Doktorarbeit sei ein Plagiat, ist abstrus", reagierte Guttenberg auf die Anschuldigungen. Er sei jedoch bereit zu prüfen, "ob bei über 1200 Fußnoten und 475 Seiten vereinzelt Fußnoten nicht oder nicht korrekt gesetzt sein sollten". Dies würde er dann bei einer Neuauflage berücksichtigen.

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Was macht Merkel? Sie wartet ab.

(Foto: AP)

Bundeskanzlerin Angela Merkel sieht derzeit keinen Grund, aus den Plagiat-Vorwürfen Konsequenzen zu ziehen. Auf die Frage, ob Merkel die Vorwürfe im Zusammenhang mit dessen Doktorarbeit ernst nehme, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert aber: "Die Bundeskanzlerin hat davon wie der Rest der Republik gerade erst erfahren und interessiert sich dafür." Sie sei der Auffassung, dass die Aufklärung beim Ombudsmann der Universität Bayreuth in den richtigen Händen liege und es sinnvoll sei, das Verfahren abzuwarten.

"Einer meiner Besten"

Kritik erntete Guttenberg von Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin. "Egal ob vorsätzliches Plagiat oder einfache Schlamperei: Guttenberg hat zum ersten Mal das Problem, dass er die Verantwortung auf keinen anderen abschieben kann", erklärte Trittin. Der CSU-Bundestagsabgeordnete Norbert Geis nahm Guttenberg in der "Mitteldeutschen Zeitung" dagegen in Schutz. "Er wird von allen Seiten angegriffen, weil er ein so hohes Ansehen in der Bevölkerung hat."

Auch der Doktorvater Prof. Peter Häberle stellte sich auf die Seite des CSU-Politikers. "Der Vorwurf ist absurd, die Arbeit ist kein Plagiat", sagte Häberle der "Bild"-Zeitung. "Sie wurde von mir in zahlreichen Beratungsgesprächen eingehend kontrolliert." Gleichzeitig betonte der inzwischen emeritierte Wissenschaftler: "Herr zu Guttenberg war einer meiner besten Seminaristen und Doktoranden."

"Wie kann man nur so blöd sein?"

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Die Ursache für die Aufregung: Guttenbergs Dissertation.

(Foto: REUTERS)

Wissenschaftler und Plagiatsexperten bewerten die Vorwürfe allerdings als schwerwiegend, "weil es nicht nur punktuell um zwei oder drei Sätze geht, sondern um ganze Abschnitte", sagte der Münchner Jurist Volker Rieble im Interview mit n-tv.de. "Das ist bei einer Dissertation, also einer Prüfungsleistung, letztlich eine Täuschung." Es werde eine Leistung vorgespielt, die so nicht erbracht worden sei. Guttenberg drohe die Aberkennung des Doktortitels. Auch der Medienwissenschaftler Stefan Weber stimmt dem zu: "Es handelt sich um Plagiate auf Basis einer klaren Intention", sagte er der "Welt". Er warf dem Minister vor, sehr geschickt zu täuschen. "Besser täuschen kann man gar nicht."

Rieble nennt Guttenbergs Verteidigung, dass einzelne Fußnoten falsch sein könnten, eine "Ausrede", die in solchen Fällen gern gebraucht werde. "Das kann auch passieren, wenn es sich nur um ein oder zwei Sätze handelt. Aber dass das bei 20 oder 30 Zitaten mit wortwörtlicher Textübernahme ohne Fußnoten so ist, das darf man doch bezweifeln." Es sei schon beeindruckend, wie bei Guttenbergs Arbeit Texte wortwörtlich übernommen worden seien. "Man fragt sich bei den ertappten Plagiatoren schon, wie jemand eigentlich so blöd sein kann, seitenweise abzuschreiben, wenn das Original verfügbar ist und damit die Täuschung leicht aufgedeckt werden kann", sagte Autor des Buchs "Das Wissenschaftsplagiat" mit Blick auf ähnliche Fälle.

Aberkennung möglich

Dass der Doktortitel aberkannt werde, ist nach Informationen der SZ nach einem Urteil des Verwaltungsgerichtshofs Baden-Württemberg von 2008 möglich, wenn fremde Passagen "wiederholt und planmäßig" kopiert worden seien. Viele Universitäten lassen dem Zeitungsbericht zufolge jedoch in der Praxis Milde walten, wenn die Arbeit insgesamt als Eigenleistung gelten kann. Mitunter würden Wissenschaftler den Überblick über ihre Abschriften oder die Zulieferungen von Mitarbeitern verlieren.

Diese Mutmaßung wies Guttenberg jedoch zurück. "Sollte jemand auf die Idee kommen zu behaupten, Mitarbeiter meiner Büros hätten an der wissenschaftlichen Erarbeitung meiner Dissertation mitgewirkt, stelle ich fest: Dies trifft nicht zu", betonte der Minister. "Die Anfertigung dieser Arbeit war meine eigene Leistung".

Der heute 39 Jahre alte CSU-Politiker hatte seine Doktorarbeit 2006 an der juristischen Fakultät in Bayreuth abgegeben. 2007 wurde er mit der Bestnote "summa cum laude" zum Dr. jur. promoviert. Die Dissertation trägt den Titel "Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU".

Quelle: n-tv.de, tis/dpa/rts

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