Politik

900 Infizierte wissen von nichts Was die Bayern-Panne anrichten könnte

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Welcher Test gehört nochmal zu wem?

(Foto: AP)

Zehntausendfach werden Testergebnisse nicht kommuniziert, 900 positiv auf Covid-19 getestete Menschen wissen womöglich nichts von ihrer Infektion. Bahnt sich in Bayern ein Corona-Skandal an oder ist alles halb so wild? Fragen und Antworten.

Wer ist von der Panne betroffen?

In Bayern können sich Bürgerinnen und Bürger an den Flughäfen München, Nürnberg und Memmingen, an den Hauptbahnhöfen München und Nürnberg sowie an drei Autobahnraststätten an der A8, der A93 und der A3 freiwillig auf Corona testen lassen. In anderen Bundesländern gibt es ein solches Angebot nicht. An den Raststätten und Bahnhöfen kam es offenbar zu Problemen. Dort wurden nach Angaben des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) rund 60.000 Tests gemacht. 44.000 Ergebnisse wurden nicht übermittelt, darunter - und das ist besonders ärgerlich - sind auch 900 positive Ergebnisse.

Von dem Problem betroffen sind aber nicht nur Menschen aus Bayern. Auch viele Durchreisende und Personen aus anderen Ländern haben das Angebot genutzt. Wie viele Betroffene aus Bayern, anderen Bundesländern oder dem Ausland kommen, ist derzeit noch unklar - ebenso, wo sie sich nun aufhalten.

Warum wurden die Daten nicht weitergeleitet?

Wo zwischen Teststation und Getesteten es zu der "Übermittlungsproblematik", wie das Gesundheitsamt es nennt, gekommen ist, muss noch abschließend geklärt werden. Zum einen habe es Probleme bei der händischen Übertragung von Daten geben, weil das Test-Angebot unerwartet stark genutzt worden sei, erklärte der Chef der Gesundheitsbehörde, Andreas Zapf. Zudem seien Formulare von Getesteten unvollständig oder schwer leserlich ausgefüllt und müssten mit den Codes von Rachenabstrichen abgeglichen werden.

Ein Leser von ntv.de, der gerne anonym bleiben möchte, schildert per Mail seine Erlebnisse. Er habe am 6. August nach seiner Rückkehr aus Spanien am Flughafen in München einen Test gemacht. Drei Tage später habe ihn das Labor darauf hingewiesen, dass er einen Verifizierungscode benötige, um das Ergebnis einzusehen. Mehrfach schrieb der Mann an das Labor und fragte nach dem Code, den er erst sieben Tage nach dem Test bekam. "Das Resultat war zum Glück negativ."

Tauchen die 900 positiv Getesteten in der Statistik bereits auf?

Größtenteils nicht. "Die positiven Fälle, die an den Abstrichzentren ermittelt worden sind, sind überwiegend noch nicht in der offiziellen Meldestatistik erfasst", sagt eine Sprecherin des LGL zu ntv.de. Dazu müssten zunächst die zuständigen Gesundheitsämter in Bayern und in den anderen Bundesländern - je nach Wohnort der positiv Getesteten - ermittelt und informiert werden.

Wie viele Menschen könnten die 900 Infizierten angesteckt haben?

Auch das ist völlig unklar und hängt unter anderem davon ab, wie viele der Infizierten ihre Erkrankung gespürt haben. Wer das Virus unbemerkt in sich trägt, kann schnell zu einem sogenannten Superspreader werden, der ahnungslos viele weitere Menschen ansteckt. Dass sich das Coronavirus rasend ausbreitet, haben die vergangenen Monate eindrucksvoll gezeigt. Ebenso deutlich ist geworden, dass ein Infektionszentrum ausreichen kann, um einen ganzen Kontinent zu verseuchen.

Bei der Rekonstruktion der Verbreitung der Seuche vom österreichischen Ischgl aus gehen Forscher inzwischen davon aus, dass ursprünglich 600 Personen mit einer Infektion wieder ihre Heimreise angetreten hatten. In einer aufwendigen Recherche machte der "Spiegel" mindestens in 11.000 Infektionsfällen als Quelle einen der 600 Covid-19-Infizierten aus Ischgl aus.

Was wollen die Behörden nun tun?

Ministerpräsident Markus Söder hat einen Besuch an der Küste abgesagt. Dort wollte er eigentlich mit seinem Amtskollegen Daniel Günther im Watt spazieren. Er selbst nennt das Problem "ärgerlich" und hat angekündigt, die Betroffenen so schnell wie möglich zu kontaktieren. Die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml kündigte an, dass alle Betroffenen bis zum Donnerstagmittag benachrichtigt werden sollen.

Was sagt die Opposition?

Erwartungsgemäß brandet Söders Landesregierung gerade eine Welle der Empörung entgegen. Die bayerische SPD fordert wegen der Testpanne den Rücktritt von Gesundheitsministerin Huml. Bayerische Politiker von Grünen, SPD und FDP sprachen wahlweise von "eklatantem Regierungsversagen", einer "desolaten Bilanz" oder Schlamperei.

Auch in Berlin gab es deutliche Worte. Der FDP-Innenexperte Konstantin Kuhle sagte im "ntv Frühstart": "Herr Söder ist monatelang sehr breitbeinig aufgetreten. Hat anderen Ministerpräsidenten gesagt, was sie zu tun haben. Jetzt sollte er sich bei diesen 900 Menschen entschuldigen. Offensichtlich hat sich Bayern mit seiner Teststrategie hier verhoben. Und es gibt ein eklatantes Regierungsversagen der Staatsregierung in München."

Welche Konsequenzen hat die Panne für Söder?

Dass die Opposition die Panne nutzt, um Söder und seine Regierung massiv zu kritisieren, ist normal. Das Ganze kommt für Söder dennoch zur Unzeit. In den vergangenen Monaten hat er sorgfältig an seinem Image als souveräner Krisenmanager gearbeitet und ist im Kreis der Ministerpräsidenten aufgefallen, weil er besondere Vorsicht und Sorgfalt propagiert hat. Bei der Bevölkerung kommt das extrem gut an. In Umfragen liegt er etwa weit vor den Bewerbern um den CDU-Vorsitz Armin Laschet, Friedrich Merz oder Norbert Röttgen. Laut einer Forsa-Umfrage würden sich 52 Prozent der Deutschen wünschen, dass er Kanzler wird.

Und nicht wenige haben ihm unterstellt, damit eine Strategie zu verfolgen, die ihn letztlich auch als geeigneter Kandidat für die Nachfolge von Angela Merkel im Kanzleramt dastehen ließe. Von daher ist die Panne eine unschöne Macke in einem sorgsam gepflegten Bild.

Quelle: ntv.de