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Fragen und Antworten zum Klimagipfel Was passiert in Cancún?

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Urlauberinnen am Strand von Cancún.

(Foto: dpa)

Viele Delegierte aus den USA und Europa werden in Cancún die Zukunft der Welt am eigenen Leib erfahren: Krawatten und Jacketts sind nicht Pflicht. Gastgeber Mexiko schlägt den männlichen Teilnehmern eine Guayabera vor, ein Hemd, das in Mittelamerika über der Hose getragen und als Business-Oberteil akzeptiert wird. Doch so leicht der Schritt vom Dreiteiler zum Leinenhemd ist, so schwer ist der Weg vom fossilen zum nachhaltigen Wirtschaften. Ein Überblick:

Worum geht es in Cancún?

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Waldschutz ist teuer - und damit schwierig.

(Foto: picture-alliance/ ZB)

Bei der UN-Klimakonferenz vom 29. November bis zum 10. Dezember in Cancún an der mexikanischen Karibikküste wird über ein neues Klimaschutzabkommen verhandelt. Dabei geht es um gemeinsame Ziele und Verpflichtungen, um Waldschutz, Hilfen bei der Anpassung an den Klimawandel, Austausch von Technologien - kurz: um Geld. „Kopenhagen war die wichtigste Weltwirtschaftskonferenz seit dem Zweiten Weltkrieg“, sagt Ottmar Edenhofer, der Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Nach dem Scheitern der Konferenz in der dänischen Hauptstadt vor einem Jahr wird es in Cancún unter Garantie kein Abkommen geben. Dennoch bestreitet kaum jemand den Sinn dieses Gipfels, denn Cancún kann Ausgangspunkt für einen späteren Erfolg werden.

Wer nimmt an dem Gipfel teil?

In Cancún treffen sich die die Mitglieder der UN-Klimarahmenkonvention. Dieses Treffen heißt Conference of the Parties, COP. Parallel dazu tagen die Mitglieder des Kyoto-Protokolls, ihr Treffen heißt Meeting of the Parties, MOP. Für die COP ist es das 16. Treffen, daher ist das Kürzel für den Gipfel in Cancún COP 16. Die Klimarahmenkonvention wurde von 194 Staaten ratifiziert, ebenso viele nehmen am Gipfel teil - praktisch die ganze Welt. Von diesen 194 Staaten haben nur zwei das Kyoto-Protokoll nicht ratifiziert: die USA und Afghanistan.

Cancún wird nicht so hochrangig besucht sein wie Kopenhagen. Während rund 120 Staats- und Regierungschefs nach Dänemark gekommen waren, werden nur etwa 20 nach Mexiko reisen, die meisten aus Lateinamerika. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel überlässt den Gipfel ihrem Umweltminister.

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Die USA haben das Kyoto-Protokoll nicht ratifiziert.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Ist das Kyoto-Protokoll tot?

Faktisch ja, theoretisch nicht. Offiziell läuft das Kyoto-Protokoll 2012 aus. Es könnte verlängert oder ersetzt werden. Gegen eine Verlängerung spricht, dass die Bilanz von Kyoto eher durchwachsen ist. Das Protokoll hat den Anstieg der globalen Emissionen nicht bremsen können. Zudem werden es die USA als größter Pro-Kopf-Emittent wohl nicht mehr ratifizieren. Gegen eine Verlängerung spricht aus Sicht der etablierten Industrieländer, dass das Kyoto-Protokoll die Last ihnen allein aufbürdet. Schwellenländer wie China, Indien, Brasilien und Südafrika haben unter dem Kyoto-Regime keine Lasten zu tragen.

Ist es nicht viel zu spät für effektiven Klimaschutz?

Noch nicht. Aus technischer und naturwissenschaftlicher Sicht wäre es durchaus noch möglich, den CO2-Ausstoß so stark zu verringern, dass das 2-Grad-Ziel eingehalten wird. Wir müssten allerdings bald mit der Reduktion beginnen, um eine realistische Perspektive zu haben.

Was ist das 2-Grad-Ziel?

Die Begrenzung des Anstiegs der globalen Mitteltemperatur um 2 Grad im Vergleich zu der Zeit vor der Industrialisierung ist eine politische Festlegung, die die meisten Staaten dieser Welt als Ziel formuliert haben. Ungefähr 0,7 Grad haben wir bereits erreicht, das Potenzial für weitere 0,6 Grad befindet sich schon in der Atmosphäre. Eine verbindliche Festlegung auf das 2-Grad-Ziel auf UN-Ebene gibt es noch nicht. Die kleinen Inselstaaten fordern, den Klimawandel auf 1,5 Grad zu begrenzen, nur dann sehen sie eine Chance, ihre Länder und ihre Kultur zu erhalten. Dem Rest der Welt reichen 2 Grad, um hoffen zu können, die Risiken des Klimawandels wenigstens einigermaßen überschaubar zu halten.

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Wer das Klima retten will, darf bald keine Kohle mehr verbrennen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Wie wird das 2-Grad-Ziel erreicht?

"2 Grad sind erreichbar bei sehr starken Klimaschutzmaßnahmen, bei einer Reduktion des CO2-Ausstoßes um wenigstens 50 Prozent, eher 80 Prozent bis 2050, danach Null-Emissionen“, sagt der Potsdamer Klimaforscher Anders Levermann. Bis 2050 muss die Welt also auf eine carbonfreie Wirtschaft umgestiegen sein - die dann noch vorhandenen Bestände an Öl, Gas und vor allem Kohle dürfen nicht mehr verbrannt werden.

Wer steht auf der Bremse?

Im Moment steht die Welt eher im Leerlauf. Die EU hatte ihre lange gepflegte Vorreiter-Rolle schon vor Kopenhagen aufgegeben, in der dänischen Hauptstadt starrten alle nur auf die USA und China. Die USA wiederum können sich international nicht auf ambitionierte Klimaziele festlegen, solange Präsident Obama es nicht einmal schafft, ein Klimagesetz durch den US-Kongress zu bringen. Für die EU könnte Cancún ein Anstoß sein, gemeinsam mit China voranzugehen.

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China hat den höchsten CO2-Ausstoß weltweit - pro Kopf stößt das Land allerdings noch immer weniger aus als die alten Industrieländer.

(Foto: picture alliance / dpa)

Warum mit China?

Die Volksrepublik ist mittlerweile der größte CO2-Emittent. Bei einer Cancún-Vorbereitungskonferenz im chinesischen Tianjin zeigte China zwar keine sonderliche Bereitschaft, sich zu bewegen, wenn die USA es nicht tun. Aber der Westen sollte nicht mit dem Finger auf China zeigen. Das Land ist die verlängerte Werkbank der Welt: Die chinesischen Billigprodukte, deren Produktion dem Klima schadet, werden schließlich vor allem in den alten Industrieländern verkauft.

China argumentiert, dass sein Pro-Kopf-Ausstoß deutlich unter dem der Industrieländer liegt. Das ist nachvollziehbar. Zugleich gibt es Anzeichen, dass China grüner werden könnte. 2009 investierte das Land mehr als 25 Milliarden Euro in erneuerbare Energien - immerhin 30 Prozent der weltweiten Investitionen in diesem Bereich. Eine Schlüsselrolle dürfte der Fünf-Jahres-Plan spielen, der im März 2011 beschlossen werden soll. China will den Anstieg seines CO2-Ausstoßes verringern und einen nationalen Emissionshandel einführen. Vor allem letzteres wäre ein wichtiger Schritt nach vorn.

Was ist am Emissionshandel so wichtig?

Die Grundidee. CO2 braucht einen Preis, sagt Klimaökonom Edenhofer. Wenn die Emissionsrechte maßvoll und gerecht verteilt werden und der Handel möglichst alle Sektoren einschließt - also auch die Landwirtschaft und den Wohnungsbau -, wird er für eine Begrenzung des CO2-Ausstoßes sorgen. Der Vorteil etwa im Vergleich zu Steuern ist, dass im Emissionshandel eine Obergrenze eingezogen werden kann, die sich am 2-Grad-Ziel orientiert.

Edenhofers britischer Kollege Nicolas Stern sieht den Handel mit CO2 als eine von fünf Säulen eines „Global Deal“ für Klima und Entwicklung. Die anderen vier Säulen sind eine nachhaltige Nutzung der Wälder, die Förderung und der Austausch klimafreundlicher Technologien, Anpassung an den Klimawandel sowie die Stärkung der Entwicklungspolitik.

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Das ist eine Guayabera. Zu offiziellen Anlässen wird die langärmlige Version getragen.

(Foto: REUTERS)

Wie könnte ein gutes Verhandlungsergebnis von Cancún aussehen?

Da niemand einen Durchbruch erwartet, reicht eigentlich schon der Eindruck allgemeiner Handlungsbereitschaft. Christoph Bals von Germanwatch hofft, dass es gelingt, die Basis für ein Klima-Abkommen zu schaffen. Er erwartet, dass sich die Staaten in Cancún offiziell auf das 2-Grad-Ziel verpflichten. Außerdem, sagte er n-tv.de, müssten „die notwendigen Pakete für den Regenwald, Anpassung, Technologiekooperation und Finanzierung“ beschlossen sowie die freiwilligen Selbstverpflichtungen der einzelnen Staaten in formale Beschlüsse verwandelt werden.

Das klingt nicht viel, dürfte aber schon recht optimistisch sein. Edenhofer ist deutlich skeptischer: Er glaubt nicht, dass die Welt schon bereit ist, die gemeinsam mit dem Ölpreis steigenden Kosten für den Waldschutz zu übernehmen. Die Fixierung auf die großen UN-Konferenzen hält er für einen Fehler, ihm schweben kleinere Schritte vor, multi- oder bilaterale Lösungen. Seine Prognose für den internationalen Klimaschutz: „Die Verhandlungen werden lang, zäh und erst spät von Erfolg gekrönt sein.“ Ein erster Schritt dahin könnte der chinesische Fünf-Jahres-Plan sein.

Was tut man bis dahin?

Fahrrad fahren, öffentliche Verkehrsmittel benutzen, nicht so viel Fleisch essen, im Winter keine Erdbeeren kaufen, Öko-Strom beziehen, sich über nachhaltigen Konsum informieren … klimaverträglich leben.

Quelle: n-tv.de

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