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Interview mit WFP im Libanon "Wir brauchen Cash"

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Flüchtlingslager in den Bergen Libanons

Heute wäre der Tag, an dem knapp eine Million syrische Flüchtlinge im Libanon ihre elektronischen Einkaufsgutscheine hätten aufladen dürfen. Doch das Konto des Welternährungsprogramms ist leer. n-tv.de hat mit Gawaher Atif darüber gesprochen, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Die Landesdirektorin des WFP im Libanon erklärt außerdem, woher das Geld sonst kommt und dass beileibe nicht nur "der Westen" für die Krise zahlt.

n-tv.de: Am Montag hat das WFP mitgeteilt, dass es im Dezember kein Geld für die syrischen Flüchtlinge gebe. Seit wann wussten Sie davon?

Die gebürtige Ägypterin Gawaher Atif ist Landesdirektorin des Welternährungsprogramms im Libanon.

Gawaher Atif: Vor etwa zehn Tagen zeichnete sich ab, dass wir kein Geld mehr haben. Einige Geldgeber hatten ihre Zusagen nicht eingehalten. Ich möchte jetzt aber keine Namen nennen, denn die Geldgeber sind schon überstrapaziert und waren bisher extrem großzügig.

Wie aber konnte das passieren? Gibt es keine langfristige Planung?

Das Problem ist, dass es konkurrierende Krisen in der Welt gibt. Innerhalb des WFP gibt es also immer Konkurrenz um die Gelder. Was nun passiert ist, ist eine Situation, in der wir nie sein wollten. Doch langfristig ist nie möglich – das Geld kommt in der Regel in der letzten Minute.

Wie viel Geld benötigt die Lebensmittelhilfe im Nahen Osten?

Die syrische Flüchtlingskrise frisst ein Fünftel der Gelder im WFP. Das zeigt die ungeheure Dimension dieser humanitären Katastrophe. Der Libanon allein hat ungefähr 1,5 Millionen Syrer aufgenommen. Hier brauchen wir pro Monat 30 bis 37 Millionen US-Dollar. Für die ganze Region, also Libanon, Jordanien, die Türkei, den Irak und Ägypten brauchen wir diesen Monat 64 Millionen Dollar.

Nothilfe für syrische Flüchtlinge

  • Das Welternährungsprogramm (WFP) der UN versorgt 1,7 Millionen Flüchtlinge in Syriens Nachbarländern.
  • Der größte Anteil an Bedürftigen lebt im Libanon – mindestens 938.000 Syrer sind hier auf Lebensmittelhilfe angewiesen.
  • Die Hilfe erfolgt über elektronische Einkaufsgutscheine auf Chipkarten. Mit dem Guthaben können die Menschen in lizenzierten Supermärkten einkaufen.
  • Aktuell fehlen 64 Millionen US-Dollar für diesen Monat. Die Dezember-Auszahlung wurde abgesagt.
  • Das WFP hat eine 72-Stunden-Kampagne gestartet. Wer spenden möchte, findet unter diesem Link weitere Informationen.
  • Spenden an das WFP in Deutschland wickelt die Maecenata-Stiftung ab:
    IBAN DE 5070 0205 0000 0887 8700
    BIC BFSWDE33MUE

Der kleine Libanon braucht mehr als die Hälfte der Mittel. Wie lange geht das noch gut?

Bei einem Verhältnis von 1,5 Millionen Flüchtlingen zu 4 Millionen Einwohnern sollte jedem sofort klar sein, was für ein ungeheurer Schock das für die Wirtschaft dieses kleinen Fleckchens Erde ist. Ich bewundere die Großzügigkeit, das Durchhaltevermögen und die Geduld der Libanesen. Ich kenne kein Land der Erde, das so viele Flüchtlinge aufnehmen würde. Ohne die Hilfe von internationalen Organisationen und NGOs, die die Flüchtlinge mit dem Überlebensnotwendigen versorgen, würde hier alles zusammenbrechen.

Auf der Straße hört man inzwischen aber nicht mehr nur großzügige Worte seitens der Libanesen. Viele haben genau davor Angst: dass hier demnächst alles zusammenbricht wegen der vielen Syrer.

Zum Glück ist das auf der politischen Ebene kein Thema. Als WFP können wir nur versuchen, immer wieder unsere Rolle zu erklären: Nothilfe mit Lebensmitteln. Durch das System mit den elektronischen Gutscheinen profitieren auch die örtlichen Händler, sie verdienen Millionen von Dollar durch die syrischen Flüchtlinge. Nur so funktioniert es. Und es gibt wohl keinen einzigen Libanesen, der etwas dagegen hätte, dass das WFP die Flüchtlinge mit Essen versorgt – wer denn sonst?

Wie viele Syrer sind so bedürftig, dass sie ohne die Lebensmittelhilfe des WFP nicht überleben können?

Diesen Monat brauchen 938.000 der 1,5 Millionen Syrer im Libanon Essen. Hinzu kommen geschätzt 30.000 Neuankömmlinge. Für diese Menschen brauchen wir ganz dringend cash. Sonst werden wohl viele wieder zu illegalen Verzweiflungstaten wir Prostitution und Kinderheirat gezwungen sein.

Im Westen sagen manche Leute, sie seien nicht mehr bereit zu spenden, weil sie die arabischen Länder, vor allem die reichen Golfstaaten in der Pflicht sehen. Welche Rolle spielen diese Länder im System der internationalen Hilfe?

Die Golfstaaten unterhalten ein großes System aus humanitären Hilfsorganisationen, NGOs und nationalen Organisationen wie dem Roten Halbmond. Diese Staaten waren und sind außerordentlich großzügig. Im Zaatari-Camp in Jordanien etwa, hat Bahrain die Schulen, die Emirate ein Krankenhaus und die Saudis eine ganze Zeltstadt finanziert. Das alles basiert auf bilateralen Projekten außerhalb des UN-Systems. Kuwait hat bereits zwei Geberkonferenzen abgehalten und im Januar allein 500 Millionen US-Dollar für die syrischen Flüchtlinge zugesagt. Man kann also nicht sagen, die Golfstaaten täten nichts und auch das WFP bittet sie regelmäßig um Unterstützung.

Wie sieht es mit Hilfe aus dem Westen aus? Kann man tatsächlich eine Spendenmüdigkeit feststellen?

Ohne die Großzügigkeit der Europäer und Nordamerikaner ginge es genausowenig. Besonders Deutschland ist hervorzuheben, das auch bilateral sehr viel Geld gegeben hat. Ohne all das wären vermutlich schon tausende Syrer verhungert.

Im Moment sieht aber alles danach aus, als könnte genau das bald passieren. Was unternehmen Sie nun?

Wir versuchen gerade auf allen Kanälen, doch noch Spenden zu bekommen. Im Libanon ist immer am 5. des Monats der Tag, an dem die Kreditkarten mit dem Essensgeld aufgeladen werden – also heute. Jede Familie erhält 30 Dollar für einen Monat. Wenn wir nicht bald liefern können, wird es zu Aufständen kommen. Denn diese Leute haben sonst nichts. Für den schlimmsten Fall wird auch an einem Notfallplan gearbeitet, damit wenigstens die allerärmsten Familien irgendwie versorgt werden können.

Mit Gawaher Atif sprach Nora Schareika

 

Quelle: n-tv.de

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