Dossier

Twitter-Interview zur Lage im Iran "Ahmadinedschad ist ein Lügner"

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Proteste im Iran: Unliebsame Bilder von Demonstranten in Teheran.

(Foto: AP)

Die Regierung in Teheran versucht mit aller Macht, Berichte über die Proteste im Iran zu verhindern. Ausländische Medien dürfen nicht mehr berichten, der Mobilfunkverkehr wird immer wieder ausgeschaltet und auch das Internet wird zensiert. Trotzdem gibt es noch Mittel und Wege, mit Menschen aus dem Iran zu kommunizieren. Über den Kurznachrichtendienst Twitter zum Beispiel. Dort informiert auch der Nutzer "4iran88" die Welt regelmäßig in 140 Zeichen über die Vorgänge im Iran. Mit Hilfe von Twitter sprach "4iran88" mit n-tv.de - ein Interview über die Ziele der Demonstranten, die Lage in Teheran und den Hoffnungsträger Mir Hussein Mussawi. Aussagen eines Augenzeugen, der - nach eigenen Angaben - in Teheran lebt (hier gibt es die englische Originalfassung).

n-tv.de: Welche politischen Ziele wollen Sie erreichen? Einen Regime-Wechsel? Reformen?

"4iran88": Vor 30 Jahren hatten wir bereits einen Regimewechsel. Das ist nicht die beste Lösung. Was wir fordern, ist eine Reform in unserem Land.

Welche Art von Reformen?

Reformen in der Art und Weise, wie die Regierung die Menschen behandelt; wie sie sich gegenüber dem Rest der Welt verhält; wie sie mit religiösen Fragen umgeht. Wir wollen nicht von der Regierung zu bestimmten Verhaltensweisen gezwungen werden.

Also kämpfen Sie für Demokratie? Menschenrechte?

Das ist eines unserer Ziele.

Und Ihr wichtigstes Ziel?

Unser wichtigstes Ziel ist es, eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage zu erreichen, dann kommen die Menschenrechte. Wenn Menschen hungrig sind, was nützt einem dann eine Demokratie?

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Die Twitter-Seit von "4iran88": Berichte eines Augenzeugen aus dem Iran.

Warum gibt es so viel Hass gegen Ahmadinedschad?

Wo soll ich beginnen? Er beleidigt Menschen. Er ist unglaublich abergläubisch. Er versteht nichts von der Wirtschaft. Er ist ein Lügner und er denkt, er wäre der einzige, der alles weiß … diese Liste ließe sich endlos verlängern.

Was erwarten Sie von Mir Hussein Mussawi?

Vor allem Ehrlichkeit. Wir wollen, dass er der Bevölkerung hilft, nicht nur den Leuten in seinem direkten Umfeld. Ansonsten erwarten wir, dass er so ist, wie ein Präsident sein sollte.

Ist er in der Lage, die Wirtschaft und die wirtschaftliche Lage der Menschen zu verbessern?

Als wir vor 20 Jahren im Krieg waren, war er Premierminister. Damals hat er dafür gesorgt, dass niemand die Belastungen des Krieges spürt. Ja, ich denke, er kann es.

Wie ist die Atmosphäre in den Straßen Teherans? Frustration oder Hoffnung?

Uneingeschränkt Hoffnung. Wenn man Millionen von Menschen sieht, die ihre Hände in die Luft strecken und einstimmig ihre Rechte einfordern - was kann ich anderes fühlen als Hoffnung?

Nehmen Sie selbst an Demonstrationen teil?

Das tue ich in der Tat, zum Beispiel war ich am Montag bei der Kundgebung auf dem Freiheitsplatz (Azadi Square) dabei.

Haben Sie Angst? Haben Sie das Gefühl, dass es gefährlich ist?

Nicht wenn ich mich unter den vielen Menschen auf der Straße befinde. Aber wenn ich hier die Bilder der Toten und Verletzten sehe, bekomme ich schon ein bisschen Angst. Aber nichts wird uns davon abhalten, an den Demonstrationen teilzunehmen.

Könnte die Zensur der Anfang von mehr Gewalt und Unterdrückung sein?

Die Gewalt hat bereits zugenommen. Was soll es noch Schlimmeres geben, als dass Menschen auf der Straße umgebracht werden?

Was können Sie uns über sich sagen? Arbeit, Alter, Geschlecht, politischer Hintergrund?

Ich bin 19, Student (Informatik), männlich, kein politischer Hintergrund.

 

Mit "4iran88" twitterte Till Schwarze

Quelle: ntv.de, Nachträgliche Anmerkung: Aus Sicherheitsgründen hat der Nutzer seinen Namen bei Twitter geändert. Das kann zu unterschiedlichen Angaben im Screenshot, dem Namen des Interviewpartners und dem Nickname bei Twitter führen.