Antijudaistische TraditionenAktuelle Diskussion kein Zufall
Feindschaft gegen Juden war nie Ratzingers Sache. Aber die derzeitige "politische Katastrophe des Katholizismus" ist nach Ansicht von Kritikern kein Zufall.
Ist der Papst blind für antisemitische Tendenzen in erzkonservativen Kirchenkreisen? Solche Schlagzeilen rauschen durch den internationalen Blätterwald und die Blogosphäre. Wer den Lebens- und Denkweg Joseph Ratzingers vom Flakhelfer bis zum Pontifex maximus kennt, der kann die Frage klar mit Nein beantworten. Feindschaft gegen Juden war nie seine Sache. Aber die derzeitige "politische Katastrophe des Katholizismus" (so ein Bischofssprecher in Deutschland) ist nach Ansicht von Kritikern kein Zufall. Denn Benedikt XVI. habe den jahrhundertelangen theologischen Antijudaismus der Kirche nie richtig aufgearbeitet. "Seine vermeintlich unpolitische Theologie ist in Wahrheit verhängnisvoll politisch", sagt ein Kenner Ratzingers.
Mahner und Warner hatte es genug gegeben. In den 60er Jahren begannen deutsche Theologen wie Johann Baptist Metz (Münster) und Jürgen Moltmann (Tübingen) damit, nach den christlichen Ursachen und Folgen des NS-Massenmords an den Juden zu fragen. "Wo war Gott in Auschwitz?", fragten sie - und forderten: "Die Theologie darf nie wieder hinter dem Rücken der Opfer sein. Sie hat ihre gesellschaftliche und politische Unschuld verloren."
Die "älteren Brüder"
Auch Ratzinger lehrte zu der Zeit in Münster und Tübingen. Doch die Fragen seiner Kollegen waren ihm eher fremd. Er witterte darin zu viel marxistische Unruhe und revoltierenden Geist. Stattdessen entwickelte er eine mystisch-ästhetische Theologie der Innerlichkeit. Sie bezieht sich weniger auf die reale Geschichte, Gesellschaft und Politik, sondern mehr auf eine von Platon und Martin Heidegger geprägte "Geschichtlichkeit" des Menschen und Ewigkeit Gottes. Als Erzbischof von München verhinderte Ratzinger sogar die Berufung von Metz an die Universität München.
Juden - die Christusmörder: Dieses Feindbild bestimmte jahrhundertelang das Denken kirchlicher Amtsträger. Bis heute findet sich dieses Klischee auch in den Schriften der traditionalistischen Pius-Bruderschaft, deren Bischöfe vom Papst wieder in die Kirche aufgenommen wurden. Theologisch ist es aber spätestens seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) obsolet.
In der Erklärung "Nostra Aetate" über das Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen verurteilte das Konzil alle Formen der Judenverfolgung. Papst Johannes Paul II. würdigte die Juden in den 80er Jahren als die "älteren Brüder" der Christen und betonte, dass Gott den alten Bund mit seinem Volk niemals aufgekündigt habe.
Damit knüpfte er an den Apostel Paulus an: Als Jude litt er darunter, dass viele seiner Glaubensbrüder nach dem Tode Jesu die Botschaft von der Auferstehung des Gottessohnes nicht annehmen wollten. Er sah sie deshalb in seinen frühen Schriften (wie im ersten Thessalonicherbrief, Kapitel 2) dem Zorn Gottes verfallen. Später revidierte Paulus seine Meinung und erinnerte die Christen an die bleibende Gnade des Gottesvolks (Römerbrief, Kapitel 11).
Laut biblischem Zeugnis war Jesus selber Jude, wurde beschnitten, ging in die Synagogen und feierte das jüdische Passahfest. Jahwe, den Gott des Alten Testaments, den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, rief Jesus als seinen "Vater" ("Abba") an. Und nicht "die Juden" haben Jesus getötet, sondern die heidnischen Soldaten des römischen Statthalters Pontius Pilatus.
Allerdings haben die neutestamentlichen Schriftsteller, vor allem Ratzingers Lieblingsevangelist Johannes, den Anteil "der Juden" beim Prozess gegen Jesus ganz unhistorisch überzeichnet. Bei Johannes (Kapitel 8, Vers 44) steht sogar der Satz: "Ihr habt den Teufel zum Vater, und ihr wollt das tun, wonach es euren Vater verlangt." Selbst der Reformator Martin Luther war noch gefangen in solchem Denken, wie seine Schrift "Von den Juden und ihren Lügen" zeigt. Die Kirche hat demnach das Volk Israel als Gottesvolk abgelöst.
Gefangen in den Nachwirkungen des Antijudaismus
Während der NS-Zeit gab es viele Christen, die den rassischen Antisemitismus verabscheuten, auch manche, die heimlich Juden halfen, aber nur sehr wenige, die offen für die Juden eintraten. Einer von ihnen war der von den Nazis ermordete Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer. Sein Bekenntnis "Nur wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen" wurde zu einem Bezugspunkt der "Theologie nach Auschwitz" und der "Neuen Politischen Theologie".
Benedikt XVI., der "Intellektuelle auf dem Stuhle Petri", hat mehrfach jede Art von Judenverfolgung verurteilt. Theologisch ist er nach Ansicht von Kritikern aber immer noch gefangen in den Nachwirkungen des Antijudaismus. Dies habe auch im Sommer 2007 seine Neuformulierung der lateinischen Karfreitagsfürbitte gezeigt, in der wieder der Ungeist christlicher Judenmission mitschwinge.
"Johannes Paul II. wäre so etwas nie passiert", sagen nun manche Würdenträger hinter vorgehaltener Hand. Der polnische Papst habe die politische Dimension des Glaubens stets im Blick gehabt. Und dies sei eine merkwürdige Ironie der Geschichte: Dass die Deutschen, die unter dem Vorgänger des deutschen Papstes manches erlitten hätten, sich nun wieder nach ihm zurücksehnten.