Dossier

Ausländerschule in Berlin Alle Deutschen weg

Rana lacht und ihre Zahnspange blitzt. Schulrektor Bernd Böttig hat das irakische Mädchen gerade auf dem Schulhof als "meine Lieblingstürkin" bezeichnet. Zwei Araberinnen und zwei türkische Mädchen kichern, daneben stehen Albaner, Afrikaner, Vietnamesen. Der Umgang ist locker. Deutscher Herkunft sind hier nur noch die Lehrer. Die Eberhard-Klein-Oberschule in Berlin-Kreuzberg hält in Deutschland wohl den Rekord, die erste und einzige deutsche Schule mit Schülern nur aus Einwanderer-Familien zu sein, 345 an der Zahl. Der Rektor hat seinen Humor bewahrt: "So gesehen habe ich kein Ausländerproblem, denn es gibt keine anderen."

Die Mädchengruppe auf dem Schulhof ist sich einig: Sie hätten gern wieder deutsche Mitschülerinnen. Doch es kommen keine mehr. Immer wieder hatten deutsche Eltern gleich nach der Aufnahmefeier ihre Kinder von der Schule genommen. Rektor Böttig hat reagiert und sagt: "Wenn sich deutsche Eltern hierher verirren, fühle ich mich verpflichtet, ihnen zu raten, ihre Kinder an einer anderen Schule anzumelden."

Auch Berlins Schulsenator Klaus Böger (SPD) hat vor den Verhältnissen fast resigniert: "Es ist weder der Schule noch der Schulaufsicht möglich, eine verträgliche Zusammensetzung der Schülerschaft herbeizuführen." Vor nur zehn Jahren war die Balance mit genau 50:50 noch ausgeglichen.

Schüler und Lehrer machen das Beste aus der Situation. "Es ist sehr anstrengend, aber es macht riesigen Spaß", sagte Hasan Topraklar, türkischer Sozialpädagoge an der "100-Prozent-Multi-Kulti-Schule". Joachim Klein, der stellvertretende Rektor, hält fest: "Die Probleme rühren nicht von der Herkunft, sondern von der mangelnden Beherrschung der deutschen Sprache her." Deutsch ist Unterrichts-, aber so gut wie nie Umgangssprache.

Äußerlich geht die Schule im Herzen Kreuzbergs jederzeit als Vorzeige-Schule durch. Die Gänge und Wände sind blitzsauber, Schulhof und Klassenräume liebevoll gepflegt, vor den Putzdiensten drückt sich keiner. Rektor Böttig: "Das Kollegium kann stolz sein auf die hier erbrachten Leistungen."

Auch die sonst üblichen ethnischen Konflikte treten nur selten auf. Eine Lehrerin ist speziell als Leiterin einer Streitschlichtungs-Gruppe tätig. Die Abbrecherquote ist vergleichsweise gering, ebenso viele Schüler wie anderswo schaffen die Abschlüsse. Auch Simon Rattle, dem Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker, ist dieser positive Grundton aufgefallen: Er nahm 30 Schüler der Oberschule in sein spektakuläres Film-Projekt "Rhythm is it" auf.

Trotzdem bleibt das Hauptproblem Sprache: "Immerhin haben immer mehr Schüler und Eltern inzwischen verstanden, dass sie es nur zu etwas bringen werden, wenn sie gut deutsch sprechen lernen", sagt Böttig. Er will aber überzeugen, nicht anordnen. Und wie zum Beweis reden die Mädchen auf dem Schulhof fast akzentfrei Deutsch mit ihm. "Er ist ein Lieber, ganz Netter", sagt Rana und lässt ihre Zahnspange blitzen.

Von Hans-Rüdiger Bein, dpa

Quelle: ntv.de