Vor 250 JahrenDer erste Weltkrieg
Vor 250 Jahren, am 29. August 1756, begann der Siebenjährige Krieg. Er war nicht auf Europa beschränkt: Auch in Indien, der Karibik und Nordamerika wurde gekämpft.
Der große König hatte sich die Feinde selbst gemacht. Von der "Herrschaft der Unterröcke" hatte Friedrich der Große von Preußen gesprochen und damit gespottet über den Einfluss der Mätressen an den europäischen Höfen, aber auch über die Herrscherinnen von Österreich und Russland, Maria Theresia und Elisabeth. Doch die Zarin verstand keinen Spaß, stellte sich an die Seite Österreichs und bildete so eine Allianz, die 1756 einen Krieg ermöglichte, der mehrere Kontinente erfasste: Vor 250 Jahren, am 29. August 1756, begann der Siebenjährige Krieg.
Gefochten wurde auf drei Erdteilen und den Weltmeeren zwischen einem guten Dutzend Staaten. Grund des Konflikts war die Besetzung des österreichischen Schlesiens durch Preußen 1740, wie der Kieler Historiker Ulrich Matthe erklärt. "Die von Friedrich unterschätzte Maria Theresia konnte eine gewaltige Koalition aufbauen: Mit Österreich, Frankreich und eben Russland standen die stärksten Landmächte gegen das aufstrebende, aber immer noch kleine Preußen." Das hatte nur England auf seiner Seite, das sich jedoch auf die Zahlung von Hilfsgeldern beschränkte.
Denn das Inselreich kämpfte noch auf drei anderen Schauplätzen: In der Karibik und in Indien versuchten die Engländer die Franzosen zurückzudrängen, und in Nordamerika sahen sich die englischen Siedler eingekreist von den in Kanada, am Mississippi und im Süden höchst erfolgreichen Franzosen. Der "French and Indian War" machte den Siebenjährigen Krieg zum eigentlichen ersten Weltkrieg.
In Europa gab das umzingelte Preußen den ersten Schuss ab, in dem es ohne Kriegserklärung Österreichs Verbündeten Sachsen angriff. Nach etwa einer Woche rückten die Grenadiere kampflos in Dresden ein. Es folgten Schlachten in Prag, Roßbach und Leuthen, die Preußen gewann - obwohl es meist hoffnungslos unterlegen war. "Friedrich II. wurde mit jedem Sieg zum 'Großen', führte Preußen aber an den Rand des wirtschaftlichen wie politischen Ruins", sagt Matthe.
Denn die Übermacht war gewaltig: Zu den drei Großmächten hatten sich das Heilige Römische Reich Deutscher Nation als Gesamtheit, Spanien, Schweden und viele andere deutschen Teilstaaten gesellt. Bei Kunersdorf fügten Russen und Österreicher Friedrich eine solch katastrophale Niederlage zu, dass das Schicksal Preußens besiegelt schien. Lediglich die Uneinigkeit der Verbündeten verhinderte den Todesstoß - das "Mirakel des Hauses Brandenburg". Zu eigenen Aktionen war Preußen jedoch nicht mehr fähig.
Dagegen waren die Engländer in Amerika und Indien erfolgreicher. Trotz anfänglicher Erfolge wurden die Franzosen zurückgedrängt, in Kanada sprach man mehr und mehr Englisch. Neben der Überlegenheit auf See half den Briten auch das Engagement der nordamerikanischen Siedler. Einer der jungen Milizoffiziere: George Washington.
Trotz der Erfolge stellte England die Zahlung ein. Preußen schien verloren. Da geschah im Januar 1762 das Unglaubliche: Zarin Elisabeth starb und Peter III., Ehemann der späteren Katharina der Großen, wurde Zar von Russland. Der in Kiel geborene Peter war ein Bewunderer Friedrichs und schloss sofort Frieden, stellte den Preußen sogar ein Hilfskorps zur Verfügung. Frankreich war geschwächt, Friedrich stand nur noch Österreich gegenüber. Zum Krieg war jetzt jeder zu schwach.
"Der Frieden von Hubertusburg von 1763 stellte im Grunde den Vorkriegszustand her. Tatsächlich veränderte er die Welt aber wie kaum ein anderer", sagt Matthe. Preußen wurde zur Großmacht und eröffnete den Dualismus mit Österreich in Deutschland. Die Franzosen spielten in Amerika und Asien kaum noch eine Rolle, England wurde zur unbestrittenen Weltmacht.
In Frankreich scheiterte die Reform des durch den Krieg ausgebluteten Systems. Die direkte Folge ist die Französische Revolution von 1789, die die Welt erschütterte. 13 Jahre zuvor hatten die aufständischen Staaten in Amerika ihre Unabhängigkeit erklärt. Unter anderem wehrten sich die Siedler dagegen, dass die englische Krone die Kriegskosten auf sie abwälzte. Im Unabhängigkeitskrieg besiegten die nun im Kampf erprobten Amerikaner das Mutterland und hoben die erste moderne Demokratie aus der Taufe.
(Chris Melzer, dpa)